Pechgrün 1850–1945
Vom Bauerndorf zur Industrie-Randgemeinde – Alltag, Wachstum und Brüche
Pechgrün liegt am Rand des Erzgebirges, in einer Landschaft aus Wiesen, Wald und Teichen – nahe genug an den Industrieorten, dass Arbeit und Rauch nicht fern waren, und doch geschützt durch die umliegenden Höhen. Zwischen 1850 und dem Ende des Zweiten Weltkriegs verändert sich der Ort grundlegend: aus einem überwiegend landwirtschaftlich geprägten Dorf wird eine Gemeinde, die wirtschaftlich eng mit Chodau und der Industrie der Umgebung verbunden ist – mit Wachstum, neuen Berufen, neuen Namen, aber auch mit Not, Krankheit, Krieg und Verlust.
Die folgenden Punkte beruhen auf Notizen und Auszügen aus dem „Pechgrüner Geschichte und Erinnerungsband“ von Anton Strunz (Bände 1–3). Einige Zahlen und Listen sind sehr detailliert; auf dieser Seite sind sie geordnet, zusammengefasst und – wo sinnvoll – als aufklappbare Details abgelegt.
Zahlen & Eckdaten auf einen Blick
- Schule: erstes festes Schulzimmer 1850 (Haus Nr. 20); Unterricht später u. a. im Haus Nr. 2; neue Schule 1893 eingeweiht.
- Straße: 1895 entsteht eine feste Fahrverbindung nach Chodau.
- Elektrisches Licht: 1920 „brannte“ in Pechgrün zum ersten Mal elektrisches Licht.
- Bevölkerung: 1847: 46 Häuser / 310 Ew. – 1890: 67 Häuser / 428 Ew. – 1900: 74 Häuser / 514 Ew. – 1920: 76 Häuser / 552 Ew. – 1933: 733 Ew.
- Wirtschaft: Arbeit zunehmend in Industrie, Porzellan und Bergbau (Kaolin und Braunkohle); Landwirtschaft oft nur noch Nebenerwerb.
- Krieg & Verlust: 1918 schwere Krankheiten/Not; 1939–45: 61 Männer gefallen oder vermisst (laut Strunz).
Hinweis zu den Zahlen: Ab 1925 ist Neuhäuser in manchen Angaben mitgezählt; einzelne Quellen nennen Einwohnerzahlen ohne Häuserzahl.
Umbruch, Ordnung, neue Zuständigkeiten (1848–1875)
Ein wichtiger Hintergrund für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts ist die Auflösung älterer, „mittelalterlicher“ Abhängigkeiten. Strunz beschreibt, dass 1848 mit „alten Einrichtungen“ aufgeräumt wurde: Erbpächter werden zu tatsächlichen Besitzern; Abgaben und Laudemen verändern sich; der Zehent endet (Strunz nennt als genaues Datum den 3. Juli 1849). Für Pechgrün und Neuhäuser werden Geldabgaben genannt.
Zugleich wird deutlich, dass Pechgrün bis 1850 dem Gut Ober- und Unterchodau untertan gewesen sei – ein Hinweis darauf, wie sehr Dorfleben damals noch in übergeordneten Besitz- und Verwaltungsstrukturen eingebettet war.
In diese Zeit fällt auch eine Reihe von Punkten, die zeigen, wie „modern“ Verwaltung und Vermessung werden:
- 1842 geometrische Ausmessung der Grundstücke
- im selben Sommer eine große Dürre
Schule, Weg, Vereine: Infrastruktur wird sichtbar (1850–1900)
Schule als roter Faden
Für Pechgrün ist die Schule ein gutes Beispiel dafür, wie sich Alltag und Organisation verändern.
- 1850: erstes festes Schulzimmer im Haus Nr. 20, im ersten Stock, über eine Außentreppe.
- 1869: Strunz notiert, dass der Schulunterricht der Kirche entzogen und verstaatlicht wurde.
- 1875: ein Bauernhaus (Haus Nr. 2) wird gekauft, und dort findet im ersten Stock Unterricht statt.
- 1879: Einführung des Halbtagsunterrichts.
- 1893: Einweihung der „alten Volksschule“; feierliche Schlüsselübergabe; damit beginnt der Schulbetrieb „wie wir ihn bis in unsere Zeit kannten“.
Straße und Anbindung
1895 wird die Pechgrüner Straße gebaut – vorher nur ein „besserer Weg“. Das ist für ein Dorf dieser Lage nicht nur Komfort: Es bedeutet verlässliche Verbindung nach Chodau. Strunz nennt Baukosten und den Anteil, den Chodau zahlen musste.
Vereine vor 1900
Vereine zeigen, dass ein Ort nicht nur wirtschaftlich, sondern auch gesellschaftlich „dichter“ wird. Für Pechgrün nennt Strunz u. a.:
- Freiwillige Feuerwehr (1865)
- Bolzschützenverein (1891)
- Arbeiter-Bildungs- und Fachverein der Bauarbeiter (1891)
- Landwirtschaftliches Casino (1892)
Landschaft, Teiche, Flächen – und was das über den Ort sagt
Strunz liefert für 1898 eine Flächenübersicht (Bauareal, Wiesen, Wald, Teiche, Gärten, Felder, Hutweide, Ödland). Das ist trocken – aber es erzählt etwas: Pechgrün ist kein „Stadtort“, sondern bleibt landschaftlich geprägt. Wiesen, Felder und Wald dominieren.
In einem sehr anschaulichen Abschnitt beschreibt Strunz Pechgrün als ein „eingebettetes Nest“, geschützt durch Berge im Norden, mit Teichen an den Zufahrten – mit Spiegelungen von Häusern und Bäumen im Wasser, Fischen unter der Oberfläche und Feuchtwiesen voller Vögel und Pflanzen.
Das ist mehr als Nostalgie: Es ist ein Gegenbild zur nahen Industrielandschaft.
Wachstum durch Industrie – und der Preis in Luft und Wald (ca. 1878–1914)
Strunz beschreibt einen deutlichen Zuzug in den Jahren 1878 bis 1882, der in den 1890er Jahren anhielt. Er erklärt diesen Trend mit der Erschließung von Braunkohlenlagern in Poschetzau, Münchhof und Chodau (zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts). Bergleute und Zimmerleute finden dort Arbeit; gleichzeitig entstehen oder wachsen Betriebe im Porzellan- und Kaolinbereich (Chodau/Poschetzau).
Damit verschiebt sich der Alltag: Der „größere Teil“ der Einwohner arbeitet nicht mehr primär in der Landwirtschaft, sondern in Industrie, Porzellan und Bergbau.
Strunz hält auch eine frühe Umweltbeobachtung fest: Mit der Industrialisierung werde die Luft schlechter; Menschen und Natur litten. Er kontrastiert die „rauchfreie“ Waldgegend bei Köstldorf mit den kohlenrauchumhüllten Gegenden (Poschetzau/Chodau/Imligau/Neusattl/Wintersgrün), wo kränkelnde Kiefern- und Birkenwälder zu sehen seien. Dazu der Satz: Schon vor 100 Jahren habe man gewusst, dass Kohlenmonoxid für alles Leben schädlich ist.
Zwischen Alltag und Krise: Krieg, Krankheit, Not (1914–1923)
Der Erste Weltkrieg und die Zeit danach erscheinen bei Strunz weniger als „Frontgeschichte“, sondern als Mangelgeschichte: Unterernährung und damit verbundene Krankheiten.
Genannt werden:
- Ruhr
- Spanische Grippe
- Krätze
Viele Menschen kamen in ein Quarantänelager nach Heinrichsgrün; Strunz schreibt, viele seien nicht mehr lebend herausgekommen.
Auch im Dorf selbst gibt es soziale Hilfe: Einmal wöchentlich Speisung für bedürftige Kinder (Reissuppe oder Kakao), Ausgabe im Gemeindehaus durch namentlich genannte Frauen.
Ein besonders harter Satz ist das Jahr 1918: In Pechgrün starben 11 Personen an der Ruhr; darunter vier Schulkinder (Strunz nennt ihre Namen).
1919 folgt ein Unglücksfall: Eine Arbeiterfrau lässt kurz die Kinder allein; Glut löst Brand aus; beide Kinder ersticken im Rauch.
Modernisierung im Kleinen: Licht, Wasser, Frisuren (um 1900–1920)
Strunz nennt zwei Dinge, die für das tägliche Leben riesig sind, aber oft in großen Geschichtsbüchern kaum auftauchen:
- Wasserleitungen: Um 1900 eine erste Leitung (Holzrohre, selbst gefertigt, 700–800 Meter), Wasser Tag und Nacht in einen Steintrog. Später eine zweite Leitung (Bleirohre), mit „Selbsttränke“ im Stallgebäude; dazu eine Erinnerung von 1968, als noch Wasser aus einer geplatzten Leitung sprudelte.
- Elektrisches Licht: Um 1920 installiert; am 20. April 1920 „brannte“ es erstmals elektrisch.
Und dann die kleine Alltagsfarbe: Um diese Zeit kommt der „Bubikopf“ auf – ein Symbol dafür, dass selbst in einem Dorf Mode und Zeitgeist ankommen, nicht nur Technik.
Politik vor Ort: Wahlen, Gemeindevorsteher, Eingemeindung (1907–1938)
Strunz notiert ab 1905/1906 politische und gesellschaftliche Markierungen:
- 1905 allgemeines Wahlrecht
- 1906 erstes Feiern des 1. Mai
- 1907 werden bereits mehrere Parteien genannt
Ab 1919 folgen konkrete kommunale Ereignisse und Wahlergebnisse (Gemeindevorsteher, Gemeinderäte, Parteien/Listen). Für die Website ist wichtig: Es zeigt, dass Pechgrün nicht „abseits“ war, sondern im politischen Rhythmus der Zeit stand.
Ein struktureller Einschnitt ist die Eingemeindung Neuhäusers nach Pechgrün (Strunz nennt 1924/25; eine Verwaltungskommission wird eingesetzt).
In den 1930ern erscheinen Krisensymptome sehr direkt:
- 1931 Suppenausspeisung für Schulkinder (Arbeitslosigkeit)
- 1932 weitere Ausspeisung (täglich 113 Kinder)
1933 nennt Strunz 733 Einwohner.
1938 gibt es einen Moment, der im Ort offenbar als Ereignis blieb: Das Luftschiff „Graf Zeppelin“ überfliegt Pechgrün (2./3. Dezember).
Strunz zitiert außerdem aus der Volksschulchronik zur Ergänzungswahl am 4. Dezember 1938 mit „461 Ja-Stimmen = 100%“. Für die Website sollte dieser Punkt als Quelle-Zitat kenntlich bleiben (und nicht als frei erzählte Aussage).
Struktur des Dorfes: Nebenerwerb, Handwerk, kleine Betriebe
Ein Detail bei Strunz ist aufschlussreich: Vollerwerbsbauern gibt es am Ende nur noch wenige; vieles wird im Nebenerwerb betrieben. Gleichzeitig listet er Betriebe und Gewerbe – Tischlerei, Zimmermeister, Steinmetz, Bäckerei, Fleischerei, Kolonialwaren, Fuhrunternehmen und mehrere Gasthäuser. Das zeigt ein Dorf, das wirtschaftlich vielfältiger wird, obwohl es landschaftlich weiterhin „Dorf“ bleibt.
Krieg und Verlust 1939–1945
Für das Ende dieser Zeitspanne stehen bei Strunz nicht lange Erzählungen, sondern eine schmerzhafte Bilanz:
- Für 1939–1945 nennt er 61 Männer, die gefallen sind oder vermisst werden.
Die Namenslisten sind wichtig – aber als eigener Bereich besser lesbar, damit sie nicht den Fließtext sprengen.
Details & Quellen (aufklappbar)
Flächenangaben 1898 (nach Strunz)
| Nutzung | Fläche |
|---|---|
| Bauareal | 1.24,98 ha |
| Wiesen | 49.01,04 ha |
| Wald | 21.84,09 ha |
| Teiche | 7.86,74 ha |
| Gärten | 0.79,62 ha |
| Felder | 70.62,50 ha |
| Hutweide | 22.27,56 ha |
| Ödland | 3.80,87 ha |
| Gesamtfläche | 177.46,80 ha |
Teiche bei Pechgrün (Liste mit Hektar, nach Strunz)
Neustarkenteich (Stärkaneia) – 2,420 ha
Neuheinzelteich – 1,610 ha
Neuhuttteich – 0,635 ha
Frauenteich – 1,650 ha
Kleeteich – 2,650 ha
Säuteich – 3,790 ha
Hirschteich – 3,075 ha
Pfarrteich – 1,820 ha
Habererteich – 1,910 ha
Seeteich – 9,620 ha
Muckenteich – 3,460 ha
Herrenteich – 6,865 ha
Kastenteich – 2,265 ha
Straßteich – 3,790 ha
Fliegenteich – 0,497 ha
Häuser & Einwohner (Auswahl, nach Strunz)
| Jahr | Häuser | Einwohner |
|---|---|---|
| 1847 | 46 | 310 |
| 1890 | 67 | 428 |
| 1900 | 74 | 514 |
| 1910 | 74 | 548 |
| 1920 | 76 | 552 |
| 1930/31 | — | 648 |
| 1933 | — | 733 |
Strunz weist darauf hin, dass ab 1925 Neuhäuser oft mitgezählt ist; einzelne Angaben enthalten keine Häuserzahl.
Wahlen 1935 (Abgeordnetenhaus/Senat sowie Land/Bezirk, nach Strunz)
19. Mai 1935 – 411 Wähler stimmberechtigt.
| L-Nr. | Partei | Abgeord.-H. | Senat |
|---|---|---|---|
| 4 | Kommunisten | 121 | 103 |
| 5 | Tsch. strany lidove | 1 | – |
| 6 | Deutsche Sozialdemokraten | 66 | 53 |
| 8 | Bund der Landwirte | 30 | 27 |
| 9 | Deutsche christl. soziale Volkspartei | 2 | 2 |
| 11 | Sudetendeutscher Wahlblock | 2 | 2 |
| 12 | Sudetendeutsche Partei | 168 | 137 |
26. Mai 1935 – Landes- und Bezirkswahlen.
| L-Nr. | Partei | Land | Bezirk |
|---|---|---|---|
| 4 | Kommunisten | 116 | 115 |
| 5 | Tsch. strany lidove | 1 | – |
| 6 | Deutsche Sozialdemokraten | 61 | 58 |
| 8 | Bund der Landwirte | 17 | 18 |
| 9 | Deutsche christl. soziale Volkspartei | 3 | 2 |
| 11 | Sudetendeutscher Wahlblock | 11 | 8 |
| 12 | Sudetendeutsche Partei | 156 | 154 |
Gefallene / Vermisste / Gestorbene (Erster Weltkrieg, nach Strunz)
Gefallene des Ersten Weltkrieges
Lorenz Franz; Riedl Ferdinand; Lorenz Josef; Passauer Josef; Strobl Josef; Strunz Karl; Kunzmann Anton; Lill Rudolf; Frank Karl; Kunzmann Otto; Unger Josef; Frank Josef; Heinzl Rudolf; Rechner Rudolf.
Vermißt
Gerber Franz; Heinzl Josef; Dotzauer Josef.
Gestorben
Bräutigam Heinrich; Müller Josef; Lorenz Albert; Schwagerl Josef; Stohwasser Willibald; Kreuzer Heinrich; Pleier Josef; Siart Adolf; Lutz Karl; Passauer Anton; Neudert Karl; Schürer Franz; Strunz Anton; Fuchs Englbert; Klusak Eduard; Heinzl Josef.
Gefallene und Vermißte des Zweiten Weltkrieges (Auszug, nach Strunz)
Bauer Anton, Klalas – 27.02.43
Bauer Oswald, Blasch – 44
Brandner Franz – 12.09.43
Brandner Karl sen., vermißt – 45
Brandner Leo – 13.01.45
Brandner Reinhard – 05.12.43
Brandner Wenzl – 16.05.43
Dorschner Karl, Steidl – 22.01.44
Dotzauer Heinrich, vermißt – 11.41
Eckl Rudolf – 12.11.43
Fäustl Alfred, Mastawenzl – 28.03.45
Kreuzer Franz – 04.08.44
Lehnhardt Heinrich – 06.09.44
Lill Anton, Mehlmatl – 05.05.45
Lima Rudolf – 13.08.43
Lorenz Alfred, Mazl, verm. – 03.01.43
Lorenz Josef, Masta, verm. – 03.01.43
Lorenz Rudolf, Rasiera – 07.02.45
Lutz Walter – 16.07.43
Möckl Josef – 13.09.39
Mörtl Franz – 11.45
Strunz nennt insgesamt 61 Männer (1939–1945) als gefallen oder vermisst. Hier steht nur der im Auszug enthaltene Teil.
Ausmaß an Äckern 1850 (Josephinischer Kataster – Auszug, nach Strunz)
Strunz berichtet, dass er in Gemeindeakten (abgelegt 1850) einen Ausweis über das Ausmaß an Äckern nach dem Josephinischen Kataster fand. Das Blatt wirke sehr gealtert und stamme wohl aus der Zeit der ersten Hausnummerierung.
| lfd. | Haus-Nr. | Name | Wohnort | Joch | Klafter |
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | 1 | Christian Heinzl | Pechgrün | 21 | 990 |
| 2 | 2 | Karl Heinzl | Pechgrün | 20 | 346 |
| 3 | 3 | Joh. Georg Heinzl | Pechgrün | — | 1377 |
| 4 | 5 | Ferdinand Heinzl | Pechgrün | 1 | 955 |
| 5 | 6 | Adam Scherbaum | Pechgrün | 2 | 511 |
| 6 | 9 | Lorenz Lorenz | Pechgrün | 26 | 167 |
| 7 | 12 | Martin Görgner | Pechgrün | 11 | 118 |
| 8 | 16 | Josef Dürrschmidt | Pechgrün | 14 | 355 |
| 9 | 17 | Anton Dürrschmidt | Pechgrün | 12 | 1449 |
| 10 | 1/2 | Christian u. Karl Heinzl, Miteigent. | Pechgrün | — | 1400 |
| 11 | 16/17 | Josef u. Anton Dürrschmidt, Miteig. | Pechgrün | 1 | 974 |
| 12 | 3 | Paul Bromeysl | Neuhäuser | — | 451 |
| 13 | 11 | Johann Grünes | Ober-Chodau | — | 533 |
| Summa | 113 | 1599 | |||
Quelle: Anton Strunz, „Pechgrüner Geschichte und Erinnerungsband“, Bände 1–3 (Auszüge).