Das Halden-Abenteuer

Zwei Männer, sechs Tafeln, ein Felsen – und ein Name aus dem Jahr 1938

2026-01-02

Es begann, wie viele gute Geschichten beginnen: mit einer Frage.

Claus suchte einen Felsen. Nicht irgendeinen, sondern den Affenfelsen von Pechgrün – jenen Felsen, auf dem seine Mutter, sein Großvater und eine Cousine auf einem alten Foto zu sehen sind. Viel erkennt man auf diesem Bild nicht: ein Stück Himmel, Menschen, Stein. Keine Landschaft, kein Weg, kein Hinweis. Nur ein Felsen.

Claus hatte jahrelang gesucht. Im Egerland, um Voigtsgrün, um Pechgrün, überall dort, wo es Felsen gibt. Er fand viele – aber nicht den richtigen. Also schrieb er einen Aufruf im Grenzgänger-Journal der Egerland-Vertriebenen:
Kennt jemand diesen Affenfelsen?

Ich kannte ihn.

Zumindest glaubte ich das. Ich besitze ein Foto, auf dem mein Onkel Erich mit seiner Schulklasse auf eben diesem Affenfelsen sitzt. Ein schönes Bild: Kinder, Wald, Aussicht. Und Pechgrün. Ich meldete mich. Aus dem ersten Kontakt wurde ein Gespräch, aus dem Gespräch eine Freundschaft. Bald stellte sich heraus: Wir sind sogar entfernt verwandt. Unsere Mütter wurden beide in Pechgrün geboren – in unterschiedlichen Häusern, aber im selben Dorf. Claus’ Großmutter wuchs dort auf, seine Urgroßeltern lebten dort.

Pechgrün war für uns beide kein Punkt auf der Landkarte, sondern Herkunft.

Und irgendwann war klar:

Wir müssen dort hin. Zusammen. Und wir müssen nachsehen, ob es diesen Felsen noch gibt.


Vorbereitung ist alles – und Erinnerung auch

Ein halbes Jahr lang bereiteten wir diese Reise vor. Nicht nur gedanklich.

Claus übernahm das Handwerkliche: Pfähle zusägen, anspitzen, Material organisieren. Ich kümmerte mich um die Inhalte: Texte, Bilder, Layouts für die Gedenktafeln. Claus ließ alles im Copyshop ausdrucken, befestigte die Tafeln und machte sie so wetterfest, wie es eben ging – was sich später als optimistisch herausstellen sollte.

Claus in seiner Werkstatt bei den Vorbereitungen für die Gedenktafeln
In der Werkstatt: Vorbereitung der Pfähle und Gedenktafeln vor der Reise nach Pechgrün.

Die Idee war ehrgeizig:
Vier Gedenktafeln auf der Halde für das verschwundene Pechgrün, eine am Affenfelsen, eine bei der Wehrmühle, die schon im Dreißigjährigen Krieg existierte und später dem Haldenbetrieb geopfert wurde.

Was uns zusätzlich motivierte, hatte mit einem anderen Felsen zu tun.


Heinrich Siehr und ein Name im Stein

Auf einer früheren Suche hatte Claus bereits einen anderen Felsen gefunden: den Heinrich-Siehr-Felsen. In einem der Pechgrüner Erinnerungsbände – jenen Büchern, an denen auch mein Onkel Erich mitgearbeitet hat – wird dieser Felsen erwähnt. Und der Name darauf.

Heinrich Siehr, ein Jugendfreund meines Onkels Erich, hatte 1938 seinen Namen in diesen Felsen geritzt. Kurz bevor er eingezogen wurde. Heinrich Siehr kam aus dem Krieg nicht zurück.

Aber sein Name blieb.

Dieser Felsen, diese Inschrift, dieses Wissen darum, dass jemand kurz vor einem Einschnitt seines Lebens einen Namen in den Stein setzte – das war mehr als eine Randnotiz. Es wurde zu einem stillen Vorbild.

Und genau daraus entstand unsere Idee:
Wenn wir den Affenfelsen finden, dann würden auch wir dort etwas hinterlassen. Keine großen Worte. Keine Parolen. Nur Initialen. In derselben stillen Geste, mit der Heinrich Siehr einst seinen Namen hinterlassen hatte.


Tag 1: Schweres Gerät, leichte Zweifel

Wir reisten an, übernachteten im Hotel – und zogen am nächsten Morgen los.
Das Auto war voll. Wirklich voll. Pfähle, Tafeln, Werkzeug, Rucksäcke, Wasser, Proviant. Das meiste davon kam auf unsere Rücken.

Vor uns lagen etwa zweieinhalb Kilometer Aufstieg, 100 bis 150 Höhenmeter – und das mit sperrigem Gepäck. Claus trug die langen Pfähle. Ich trug Rucksack, Werkzeuge, Kamera. Claus ist 79, ich 69. Nur dass Claus biologisch eher bei 60 unterwegs ist.

Aufstieg zur Halde mit Werkzeug und Ausrüstung
Aufstieg zur Halde: Pfähle, Werkzeug und Gepäck – der Weg nach oben war Teil des Abenteuers.

Oben auf der Halde begann die eigentliche Arbeit. Löcher graben. Tiefe Löcher. Für Pfähle von bis zu zwei Metern. Der Untergrund: steinig, voller Brocken. Werkzeug: keine Spitzhacke, nur ein kleines Zimmermannshämmerchen mit Spitze.

Stunden vergingen. Die Sonne schien. Wir schwitzten. Wir wanderten von Punkt zu Punkt über die Halde. Eine große Runde. Am Nachmittag standen sie: vier Gedenktafeln.

Wir waren müde. Sehr müde. Aber wir waren noch nicht fertig.


Sieben Prozent Akku und ein Geschenk

Der Affenfelsen. Wenigstens sehen wollten wir ihn noch.

Mein Smartphone war unser einziger Navigator. GPS, Karten, Koordinaten. Und der Akku zeigte 7 %. Die Powerbank? Lag im Hotel.

Wir suchten. Zuerst am falschen Punkt. Dann der Kurswechsel. Das Telefon hielt – gerade so.

Und dann war er da.

Ein massiver Felsen, halb verschüttet, aber unübersehbar gewachsen. Die Halde endete exakt an seiner Kante. Weiter war sie nie gekommen.

Das war Weihnachten. Geburtstag. Lottogewinn.

Es war der Affenfelsen.


Tag 2: Staub, Gravur und ein Name im Kopf

Am nächsten Tag kamen wir zurück – diesmal mit dem richtigen Werkzeug.

Claus arbeitete mit Flex und Meißel. Ich fotografierte und filmte. Es staubte. Es war laut. Und während die Funken flogen, war Heinrich Siehr unausgesprochen mit dabei.

Claus beim Einmeißeln der Initialen in den Affenfelsen (Mai 2025).
Beim Arbeiten am Affenfelsen – Staub und Funken (Mai 2025).

Unsere Initialen im Stein waren kein Zufall. Sie waren eine bewusste Geste. Eine Fortsetzung. Ein stiller Gruß über Generationen hinweg.

Danach ging es hinunter zur Wehrmühle, dann zurück – diesmal von der Nordseite. Am Abend saßen wir im Wirtshaus mit Einheimischen. Hände, Füße, Lachen, Übersetzung. Es funktionierte erstaunlich gut.


Danach

Der Rest der Reise war Zugabe. Schön. Aber Zugabe.

Zu Hause entstand das Fotobuch. Claus zeigte es herum. Es gab Anerkennung. Freude. Vielleicht auch ein bisschen Stolz. Eine Veröffentlichung in einem Journal blieb aus.

Also erzählen wir die Geschichte selbst.

Hier.

Und vielleicht geht es irgendwann wieder hinauf zur Halde. Mit besseren Tafeln. Mit vollem Akku. Und mit dem Wissen, dass ein Name im Stein manchmal mehr sagt als viele Worte.


Bilder zum Halden-Abenteuer

Diese Geschichte gibt es auch in einer anderen Form:
als umfangreiches Foto-Reisetagebuch mit vielen Bildern und begleitenden Texten.

Wer möchte, kann im Online-Preview von
„Heimat 2025 – Ein Reisetagebuch“
durch die Seiten blättern und den Weg über Halde, Affenfelsen und Wehrmühle noch einmal bildhaft nachvollziehen.

Heimat 2025 – Ein Reisetagebuch