Unter der Halde

Was vom Dorf geblieben ist – und was darüber liegt

2025-12-17

Im Erzgebirge wurden schon seit dem Mittelalter Bodenschätze aus unterirdischen Minen abgebaut.
Ab etwa 1950 begann man in der Umgebung von Falkenau (heute Sokolov), Braunkohle in großem Maßstab im Tagebau zu gewinnen. Um an die tiefer liegenden Kohleflöze zu gelangen, mussten zunächst gewaltige Mengen an Erd- und Gesteinsschichten abgetragen werden.

Dieses sogenannte Abraummaterial wurde mit Schaufelradbaggern gelöst, über Grubenbahnen abtransportiert und an eigens dafür vorgesehenen Deponien aufgeschüttet. Der Eingriff veränderte die Landschaft dauerhaft und in einem Ausmaß, das bis dahin unbekannt war.

Anfang der 1960er Jahre begann die Bergbaugesellschaft auch im Bereich des Dorfes Pechgrün systematisch Häuser aufzukaufen.
1967 wurde schließlich die Abraumdeponie Smolnická výsypka eröffnet. Die Aufschüttung erfolgte zunächst mit Schaufelbaggern, später mit Großgeräten des Tagebaus, darunter ein Absetzer des Typs ZD 2100/11 – ein mehrere Stockwerke hohes Raupenfahrzeug mit langem Ausleger, das den Abraum schichtweise verteilte.

Über Jahre hinweg wuchs die Halde Lage um Lage in die Höhe.
Pechgrün verschwand vollständig unter den aufgeschütteten Massen.

Satellitenübersicht der Tagebauregion um Chodov mit Deponien und Kraftwerk
Satellitenübersicht der Tagebauregion um Chodov (Chodau) mit den Abraumdeponien und dem Braunkohlekraftwerk Vřesová (Doglasgrün).

Industrie und Prozess

Abraumtransport mit Lokomotive und Grubenbahn
Abraumtransport im Tagebau: Grubenbahnen verbanden Abbau und Deponie.
Großabsetzer auf der Abraumdeponie
Absetzer auf der Deponie: riesige Raupenfahrzeuge verteilten den Abraum schichtweise.
Meine Eltern und meine Schwester 1992 vor der Halde
1992: Meine Eltern und meine Schwester zu Besuch bei Josef Glöckner in Chodau. „Was ist denn aus unserem Dorf geworden?“

Dimensionen

Auf der Deponie Smolnická wurden insgesamt 186,6 Millionen Kubikmeter loses Material abgelagert.
Dies entspricht etwa dem Rauminhalt von 75 Cheops-Pyramiden.

Der höchste Punkt der Halde liegt bei 555 Metern, ihre maximale Mächtigkeit beträgt 102,5 Meter.
Der gesamte Deponiebereich umfasst rund 616 Hektar.

Badesee Bílá Voda am Fuß der Halde
Künstlich angelegtes Naherholungsgebiet Bílá Voda (Weißes Wasser) am Fuß der Pechgrüner Deponie.

Erinnerung und Rekultivierung

Heute ist vorgesehen, den gesamten Bereich schrittweise zu rekultivieren und als Naherholungslandschaft zu nutzen.
Gleichzeitig wird versucht, die Erinnerung an das verschwundene Dorf wachzuhalten.

Restauriertes Kreuz im Naherholungsgebiet Bílá Voda
2015 wurde ein restauriertes Kreuz aufgestellt, das an das verschüttete Dorf Pechgrün erinnern soll. Es stammt aus dem Jahr 1841.
Glockenturm mit Glocke der Pechgrüner Kapelle
2019 wurde ein Glockenturm errichtet. Die Glocke ist eine Kopie der 1827 in Eger gegossenen Glocke der Pechgrüner Kapelle.

Weitere verschwundene Orte

Pechgrün war kein Einzelfall. Durch den Braunkohlentagebau und die daraus folgenden Abraumaufschüttungen verschwanden in der Region zahlreiche weitere Orte. Dazu zählen:

  • Alberov (Albernhof)
  • Bukovany (Buckwa)
  • Čistá – obec (Lauterbach Dorf)
  • Dolní Rozmyšl (Deutschbundesort)
  • Dvory (Maierhöfen)
  • Horní Rychnov (Ober Reichenau)
  • Jehličná (Grasseth)
  • Kytlice (Kitlitzdorf)
  • Lesík (Waldl)
  • Lipnice (Littmitz)
  • Lísková (Haselbach)
  • Lvov (Löwenhof)
  • Nové Sedlo (Neusattl)
  • Podhoří (Hunschgrün)
  • Stará Chodovská (Stelzengrün)
  • Tisová (Theißau)
  • Týn (Thein)
  • Vúžlabí (Kahr)
  • Vítkov (Wudingrün)
  • Vřesová (Doglasgrün)

Was bleibt

Die Halde ist heute als künstlicher Berg präsent – als Narbenfläche, als Rekultivierungsprojekt und als Naherholungsgebiet.
Zugleich bleibt sie ein Ort, an dem sich die Frage nicht abschütteln lässt, was hier unter Schichten aus Abraum verschwunden ist: Häuser, Wege, Alltag – und ein Dorf, das auf Karten nicht mehr existiert.