Braunsdorf

Ein Ort, der geblieben ist

Braunsdorf – Luftbild der heutigen Situation
Braunsdorf liegt im unteren Bildbereich. Oberhalb des Ortes befinden sich das Kraftwerksareal Vřesová (links oben), die Braunkohle-Abraumhalde (rechts oben) sowie dazwischen und darunter Absetzbecken und künstliche Seen – Spuren einer Landschaft, die sich vollständig verändert hat.

Braunsdorf liegt südöstlich des verschwundenen Pechgrün. Heute grenzt der Ort an die Braunkohle-Abraumhalde, die Pechgrün vollständig überdeckt, und an das Areal des Kraftwerks Vřesová, wo sich früher der Ort Douglasgrün befunden hat. Verwaltungsmäßig ist Braunsdorf heute ein Ortsteil von Chodov (früher Chodau). Unter seinem heutigen Namen Stará Chodovská liegt es am Rand der Stadt – ohne eigenes Zentrum, ohne klare Dorfstruktur. Nach 1946 wurde Braunsdorf zunächst Nová Chodovská genannt. Der Name Stará Chodovská war zu diesem Zeitpunkt dem Ort Stelzengrün zugewiesen. Als Stelzengrün später wie Pechgrün vollständig von der Halde überdeckt und aufgegeben wurde, übertrug man den Namen Stará Chodovská auf Braunsdorf. Der Name blieb – der ursprüngliche Ort verschwand.

Braunsdorf besitzt keine Kirche, keinen historischen Ortskern und keinen eigentlichen Dorfplatz. Die Bebauung wirkt locker und uneinheitlich, eher wie eine Siedlung als wie ein gewachsenes Dorf. Schon früher war Braunsdorf eher ein Randfleck ohne eigene Infrastruktur – kein Ziel, sondern eine beiläufige Siedlung in der Nähe der größeren Orte.

Die Bedeutung Braunsdorfs liegt für mich nicht in seiner historischen Rolle oder seiner geografischen Lage, sondern in einer familiären Verbindung. In Braunsdorf lebt eine Cousine von mir. Ihr Großvater war ein Halbbruder meiner Großmutter. Bemerkenswert ist, dass der Kontakt zwischen den Familien selbst während der Zeit des Eisernen Vorhangs nicht abriss. Vor allem die tschechische Seite der Familie – mit dem Namen Glöckner – besuchte die Verwandten in Deutschland. Ob es vor 1990 auch Gegenbesuche gab, ist nicht mehr sicher überliefert.

Porzellanfabrik in Chodau – Nachkriegszeit
Ganz links der Halbbruder meiner Großmutter und dessen Sohn nach dem Krieg in der Porzellanfabrik in Chodau. Sie mussten ihre Heimat nach dem Krieg nicht verlassen, da sie als essentielle Fachkräfte zur Weiterführung der Fabrik benötigt wurden.

In den letzten Jahren kam es zu erneuten Begegnungen. Ich habe meine Cousine mehrfach besucht und jeweils einige Zeit bei ihr verbracht. Das Haus, in dem sie heute lebt, wurde von ihrem Großvater noch vor dem Zweiten Weltkrieg gebaut. Es war das Haus ihres Vaters, ihr Geburtshaus, das Haus, in dem sie aufgewachsen ist – und heute ist es wieder ihr Lebensmittelpunkt. Dazu gehört ein großer Garten, der gepflegt ist und genutzt wird. Heute lebt sie dort gemeinsam mit einem ihrer Söhne.

Haus in Braunsdorf
Das Gebäude ist robust, funktional, sichtbar alt, aber gut erhalten. Schön im klassischen Sinn ist es nicht – aber es ist eines jener Häuser, die gemacht wurden, um zu bleiben.

Braunsdorf ist kein Ort, den man besucht, weil er sehenswert wäre. Er besitzt keine besonderen Bauwerke, keine herausragende Geschichte und keine touristische Bedeutung. Und doch ist er geblieben. Zwischen verschwundenen Dörfern, unter Halden begrabenem Land und technischen Großanlagen ist Braunsdorf ein Überrest – ein Ort, der nicht ausgewählt wurde, sondern übrig blieb. Für viele ist er kaum wahrnehmbar. Für mich ist er Teil meiner Familiengeschichte.