Neurohlau
Geschichte zwischen Bahn, Porzellan und Landschaft
Neurohlau ist ein Ort mit sehr alten Wurzeln im westlichen Böhmen. Die Anfänge der Siedlung reichen bis ins 13. Jahrhundert zurück. Eine der frühesten schriftlichen Erwähnungen steht im Zusammenhang mit der Kirche des heiligen Michael, deren älteste Bauteile ebenfalls in diese Zeit datieren. Im Hochmittelalter lag Neurohlau an einer wichtigen Handels- und Verkehrsachse, die von Loket über Chodau und Neudek weiter nach Sachsen führte.
Im Verlauf des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit war der Ort Teil einer Region, die stark durch Bergbau geprägt war. Zunächst standen der Abbau von Zinn, Silber und Eisenerz im Vordergrund, später gewannen Braunkohle und vor allem Kaolin zunehmend an Bedeutung. Diese Rohstoffe bildeten die Grundlage für die Entwicklung einer leistungsfähigen keramischen Industrie, die für Neurohlau und das gesamte Karlovarsko prägend werden sollte.
Einen entscheidenden Entwicklungsschub erlebte der Ort im 19. Jahrhundert mit dem Anschluss an das Eisenbahnnetz. Die Strecke von Karlsbad über Neurohlau nach Neudek und Joachimsthal verband das Gebiet mit den Industrie- und Absatzräumen Böhmens und Sachsens. In Verbindung mit der wachsenden Porzellanindustrie wandelte sich Neurohlau vom langsam wachsenden Dorf zu einem industriell geprägten Ort. Die Gründung einer großen Porzellanfabrik im Jahr 1921 markierte dabei einen wichtigen Einschnitt; sie wurde rasch zu einem der bedeutendsten Betriebe der Region.
Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs war Neurohlau überwiegend deutschsprachig. Die Ereignisse der Jahre 1938–1946 – nationalsozialistische Herrschaft, Krieg, Zwangsarbeit sowie die anschließende Vertreibung der deutschen Bevölkerung – führten zu einem tiefgreifenden Bruch in der Geschichte des Ortes. In der Nachkriegszeit wurde Neurohlau neu besiedelt und im Zuge des sozialistischen Ausbaus stark erweitert. Der rasche Bevölkerungszuwachs und die industrielle Entwicklung führten schließlich 1964 zur Erhebung zur Stadt, womit Neurohlau zu den jüngsten Städten der heutigen Tschechischen Republik zählt.
Für den familiären Zusammenhang ist festzuhalten, dass mein Vater 1921 in Neurohlau geboren wurde, seine Großeltern väterlicherseits dort gelebt haben und mein Großvater mütterlicherseits hier eine Zeit lang im Büro der Porzellanfabrik gearbeitet hat. Bei einem Besuch der Heimat meiner Vorfahren im Juni 2023 konnte ich Neurohlau selbst aufsuchen und dabei einige der folgenden Aufnahmen machen.
Der Bahnhof von Neurohlau (Nová Role) liegt an der 1899 eröffneten Bahnstrecke zwischen Karlsbad (Karlovy Vary) und Johanngeorgenstadt in Sachsen. Die Strecke ist überwiegend eingleisig und führt in anspruchsvoller Trassierung durch das Erzgebirge. Enge Kurven, starke Steigungen und zahlreiche Kunstbauten prägen ihren Verlauf; wegen dieser Charakteristik wird sie auf tschechischer Seite auch als Krušnohorský Semmering bezeichnet.
Für Neurohlau war der Bahnanschluss von großer Bedeutung. Er verband den Ort mit den Industrie- und Absatzräumen der Region und spielte eine zentrale Rolle für den Transport von Kaolin, Kohle und Porzellan. Der Bahnhof entwickelte sich damit zu einem wichtigen Verkehrspunkt zwischen Karlsbad, Neudek und den Erzgebirgshochlagen bis an die sächsische Grenze.
Die anspruchsvollen betrieblichen Verhältnisse dieser Strecke sind bis heute spürbar. Die eingleisige Führung erfordert genaue Zugkreuzungen und eine besondere Betriebsdisziplin. Dass dies nicht immer ohne Risiko ist, zeigte sich unter anderem beim schweren Eisenbahnunfall im Juli 2020 in der Nähe von Bärringen (Pernink), bei dem es zu einem Frontalzusammenstoß zweier Reisezüge kam.
Der ursprünglich zu Poschetzau (Božičany) gehörende Rohlau-Teich wird heute als "Novorolský rybník" bezeichnet. Der Strand ist sandig und fällt gleichmäßig ins Wasser ab. Der Teich bietet gute Bedingungen zum Baden, Angeln und Surfen; die waldreiche Umgebung eignet sich zudem zum Wandern und Radfahren. Alljährlich im Juli ist der Strand des Rohlau-Teichs Schauplatz eines Rock-&-Roll-Festivals.
Auf der gegenüberliegenden Seite des Gewässers sind die Schornsteine der Porzellanfabrik zu erkennen, die das Ortsbild von Neurohlau bis heute prägen. Mein Urgroßvater Adolf Singer (geb. 1868) war dort als Porzellanmaler tätig. Das Porzellanwerk in Neurohlau (Nová Role) wurde 1921 als Keramische Werke AG gegründet. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging es in der Karlovarský-porcelán-Gruppe auf, die 2009 von der Thun 1794 a.s. übernommen wurde. Heute firmiert der Betrieb unter dem Namen Karlovarský porcelán a.s. Thun. Mit modernen Fertigungstechnologien ausgestattet, erreicht das Werk eine jährliche Produktionskapazität von etwa 3.500 bis 4.000 Tonnen Porzellan. Neurohlau (Nová Role) ist heute der Stammsitz der gesamten Unternehmensgruppe und zugleich der größte Arbeitgeber der Stadt.
Ein Wegweiser für Radfahrer vor einem renovierten Wohnhaus in der Nähe des Bahnhofs von Neurohlau (Nová Role). Solche Hinweistafeln sind im Egerland weit verbreitet und verweisen auf ein dichtes Netz ausgeschilderter Radrouten.
Die schmalen, wenig befahrenen Straßen der Region sowie die abwechslungsreiche Landschaft machen das Gebiet besonders geeignet für Radtouren. Der Wegweiser steht damit stellvertretend für eine Form der heutigen Nutzung des Raumes, die sich deutlich von der früheren industriellen Prägung unterscheidet und den landschaftlichen Charakter des Egerlandes betont.
Die denkmalgeschützte Kirche des Erzengels Michael (Kostel sv. Michaela) ist eines der ältesten Bauwerke von Neurohlau (Nová Role). Der romanisch-gotische Bau bewahrt noch Teile einer Kapelle, die zwischen 1240 und 1255 errichtet wurde. Damit reicht die kirchliche Geschichte des Ortes bis in das Hochmittelalter zurück.
Der schlichte Innenraum mit seinen erhaltenen Wandmalereiresten und der einfachen Ausstattung vermittelt einen Eindruck von der langen Nutzungskontinuität dieses Gotteshauses. Die Kirche bildet einen ruhigen Gegenpol zur industriellen Prägung des Ortes und zur Nähe von Bahnlinie und Fabrikanlagen, die Neurohlau seit dem 19. Jahrhundert verändert haben.
Es liegt nahe anzunehmen, dass auch mein Vater, der 1921 in Neurohlau geboren wurde, hier getauft worden ist. Unabhängig davon steht die Kirche stellvertretend für die jahrhundertelange religiöse und soziale Kontinuität des Ortes.