Stelzengrün
Das verschwundene Nachbardorf von Pechgrün
Stelzengrün war ein deutsches Dorf im Egerland, südlich von Chodau, und über Jahrhunderte Teil einer kleinräumigen Kulturlandschaft, zu der auch Pechgrün und Braunsdorf gehörten. Die Anfänge des Ortes liegen im Zuge der hochmittelalterlichen deutschen Besiedlung Böhmens, wahrscheinlich im 13. Jahrhundert. Schriftliche Gründungsdokumente sind nicht erhalten, doch die Siedlungsstruktur entspricht dem typischen Ausbau der Region in dieser Zeit.
Die Landschaft zwischen Stelzengrün, Chodau und Pechgrün war früh durch eine intensive Wasserbewirtschaftung geprägt. In Anlehnung an die von den Zisterziensern entwickelte Technik – wie sie etwa im Stiftland um Waldsassen in großem Maßstab angewandt wurde – entstand hier ein System aus Teichen, Gräben und Dämmen. Auch wenn es sich nicht um hunderte, sondern eher um einige Dutzend Teiche handelte, prägten sie über Jahrhunderte die landwirtschaftliche Nutzung und das Erscheinungsbild der Gegend.
Bis ins frühe 20. Jahrhundert war Stelzengrün ein intaktes Dorf mit Bauernhöfen, Handwerk und Gastwirtschaften. Postkarten und Fotografien zeigen einen gewachsenen Ort mit Schule, Wirtshaus und klarer Dorfform. Die Nähe zu Chodau brachte im 19. Jahrhundert erste Berührungspunkte mit Bergbau und Industrie, doch blieb Stelzengrün selbst zunächst landwirtschaftlich geprägt.

Gasthaus zum Felsenkeller in Stelzengrün.

Stelzengrün vor 1914 in der k. u. k. Monarchie.
Nach dem Zweiten Weltkrieg endete diese Geschichte abrupt. Die deutschsprachige Bevölkerung wurde vertrieben, der Ort verlor seine soziale Grundlage und wurde in der Folge nicht mehr dauerhaft besiedelt. In den 1950er und 1960er Jahren veränderten großindustrielle Anlagen, Abraumkippen und Infrastrukturprojekte die gesamte Umgebung grundlegend. Stelzengrün wurde eingeebnet, seine zuletzt 29 Gebäude verschwanden; der tschechische Ortsname Stará Chodovská, ursprünglich für Stelzengrün verwendet, wurde später administrativ auf den Nachbarort Braunsdorf übertragen.

Braunsdorf: Der einzige Ort der Umgebung, dessen Siedlungsstruktur weitgehend erhalten blieb.
Heute existiert Stelzengrün nur noch in Karten, Fotografien und Erinnerungen – als ein Nachbarort von Pechgrün, der nicht durch langsamen Wandel, sondern durch vollständige Aufgabe und landschaftliche Neuformung aus der Realität verschwunden ist.
Karten-Overlay
Beim Überblenden der beiden Luftbilder wird deutlich, dass sich die Landschaft nicht nur verändert, sondern grundlegend neu geformt hat. Viele frühere Orientierungspunkte – Wege, Gewässer und Geländestrukturen – existieren heute nicht mehr oder sind vollständig verschwunden. Der Vergleich macht daher weniger das „Wiedererkennen“ möglich als vielmehr das Ausmaß des landschaftlichen Eingriffs sichtbar. Nahezu unverändert geblieben ist lediglich der Ort Braunsdorf.