Heinrich Siehr
Erinnerungen an einen Pechgrüner Freund, der im Zweiten Weltkrieg ums Leben kam
Heinrich, a Pechgraina
Er war ein paar Tage jünger als ich und war der Vetter meiner Mutter, außerdem war er mein Oberstift: Heinrich begann seine Lehre zum Verkäufer im Lebensmitteleinzelhandel ein Jahr vor mir. Ich denke öfter an ihn als an andere Mitschüler und möchte, weil ich mir einbilde, ihn besonders gut gekannt zu haben, etwas über ihn erzählen. Er lebt nicht mehr, denn er starb irgendwo in den unendlichen Weiten Rußlands. Es handelt sich um Heinrich Siehr.
Er war ein guter Schüler und schrieb so schöne Aufsätze, daß sie sein Lehrer immer wieder als gutes Beispiel den anderen Mitschülern vorgelesen hat. Seine Handschrift war kalligraphisch exzellent, und ich übte während unserer gemeinsamen Lehrzeit eifrig seine Schrift nachzuahmen. Sonst war er eher ein Sonderling, hartnäckig und sehr nachtragend. Aus einem nichtigen Grund bekam er Streit mit einem seiner besten Freunde, obwohl sie in der gleichen Clique waren, haben sie sich zu Lebzeiten nie mehr versöhnt.
Schwimmen lernte er erst viel später als die anderen Dorfbuben, ungeachtet daß seine älteren Brüder, davon hatte er vier, allesamt sehr gute Schwimmer waren. Mit einem Luftsack aus Leinwand brachte er sich das Schwimmen selbst bei und eignete sich einen hervorragenden Schwimmstil an. Wegen dieses Könnens habe ich ihn echt beneidet.
Auffallend war nach dem Stimmbruch sein herrlicher Tenor, der ausgebildet zu werden gelohnt hätte. Wie mir später erzählt wurde, hat er bei einem Soldatensender an der Ostfront Lieder und Schlager für seine Kameraden gesungen. Schon während der Lehrzeit gefielen ihm Aufträge, die im Keller zu erledigen waren, ganz besonders, weil er dort ungestört singen konnte, ganz bestimmt nicht nur der Akustik wegen. Nach der Lehre war er dann Verkäufer in einem Chodauer Lebensmittelladen. Zusammen mit seinem Freund Pepp aus Stelzengrün, wurde er bei jung und alt berühmt. Obwohl der Pepp bei der Konkurrenz beschäftigt war, so verstanden sie es, daß sie viele Aufträge außerhalb der Geschäfte meistens gemeinsam erledigen konnten. Ein Handleiterwagen war ihre Bühne. Sein Kollege Pepp zog dieses Gefährt, in dem der Heinrich stehend die Schlager jener Zeit sang.
Schießen war seine Leidenschaft, ja, er war richtig besessen davon. Ein Hänel-Luftgewehr mit gezogenem Lauf hatte er sich schon sehr bald von seinem spärlichen Lehrlingsgehalt gekauft. Bei Kriegsbeginn besaß er sogar eine 6 mm Duell- bzw. Sportpistole, davon durfte im Dorf niemand etwas wissen, denn er hatte keinen Waffenschein. Mit dem Luftgewehr nur auf Scheiben zu schießen, war für Heinrich zu langweilig, deswegen betätigte er sich als Kunstschütze und hatte wie im Zirkus üblich einen Assistenten. Dieser wohnte im gleichen Haus wie er und hieß Franz, Heinrich gab ihm einen Künstlernamen: Er nannte ihn „Ass Pepp“. Beim Schießen auf bewegte Ziele war „Ass Pepp“ Ziel und Gehilfe zugleich.
In Gartners Garten, da wo der Göpel stand, kamen wir zusammen, um Heinrichs besondere Schießattraktion mitzuerleben. Eine leere Flasche ließ er an einer Wäscheleine auf und ab hüpfen, und wir, die wir zum Mitschießen eingeladen waren, sollten diese Flasche im Fluge treffen. Es war wie Tontaubenschießen. Unser Freund Richard war an der Reihe. Er schoß und verfehlte die Flasche. Was er nicht verfehlte, stand wenige Augenblicke später schreckensbleich im Garten und löste die Schützengesellschaft auf. Zwischen Gartners Garten und dem Fickerbäckerhaus hatte der Dävadn Seff einen riesigen Strohhaufen errichtet, der das Fickerbäckerhaus verdeckte. Eigentlich sollte dieser Haufen der Geschoßfang für die Luftgewehrkügelchen bilden. Bei Richards Fehlschuß überflog das Geschoß den Strohhaufen und durchschlug beim Pantooffl-Batä eine Fensterscheibe. Die Scherben fielen dem Fickerbäcker Karl direkt auf seinen Arbeitstisch. Der Karl vermutete einen Anschlag auf sein Leben, und weil alle laut über Richards Fehlschuß lachten, erkannte er sofort, wer die Urheber seines Erschreckens waren.
Nun aber zu dem Experiment mit dem Assistenten „Ass Pepp“ (Ass war nicht die Abkürzung für Assistent, diese Bezeichnung hatte einen anderen Ursprung). Der Göpel, ein Antriebsaggregat für Dresch- und Häckselmaschinen, war eine Zusammenfügung von großen und kleinen Zahnrädern, die die langsame Gangart der Zugtiere, meistens waren es Kühe, in schnelle Drehbewegung für die angekoppelten Maschinen transformierte. Verbunden mit dem größten Zahnrad war ein 2–3 m langer, etwa 20 cm dicker „Baam“, eine Art von Deichsel, an dem die Kühe zum Ziehen angeschnirrt wurden. Zum Schutze gegen den Regen war diese Zahnradkombination mit Brettern überdacht. Selbstverständlich konnte der Göpel auch von uns Burschen bewegt werden. In Verbindung mit dem Göpel hatte sich der Heinrich eine besonders ausgefallene Schießübung ausgedacht: Sein Assistent „Ass Pepp“ mußte sich rücklings auf das Dach des Göpels, die Beine übereinandergeschlagen und ausgestreckt auf den Antriebsbaum legen. Einen Groschen mußte er sich zwischen den großen und zweiten Zeh einklemmen. Dann wurde der Göpel mit dem darauf liegenden Ass Pepp in Bewegung gesetzt, und immer dann, wenn sich die Füße etwa 5 m gegenüber dem Schützen vorbeibewegten, mußte geschossen und das Geldstück getroffen werden. Diese tolle Schießleistung vollbrachte nur der Heinrich. Einmal jedoch ging es schief, vermutlich hatte er das Ziel zu ungenau anvisiert. Der Göpel mit dem Ass Pepp wurde angeschoben, drehte sich vom Schützen weg, dieser erfaßte das Geldstück über Kimme und Korn, der Gewehrlauf folgte den Füßen, das Ziel erreichte den entferntesten Punkt auf der Umlaufbahn, Heinrich schoß, Ass Pepp schrie laut auf, der Groschen war noch immer zwischen den Zehen eingeklemmt, das Geldstück war nicht getroffen worden. Das Geschoß war in der Zwischenzehenhaut stecken geblieben, weil jedoch der Gartner Franz vom vielen Barfußlaufen dicke Hornhäute an seinen Fußsohlen hatte, reichte die Durchschlagskraft des Geschosses nicht aus, diesen Panzer zu durchdringen. Mit einem Taschenmesser mußte dieses Bleigeschoß entfernt werden. Ein Arztbesuch oder die Inanspruchnahme des Feuerwehrsamariters kam wegen der gesetzeswidrigen Sachlage nicht in Frage. Es gab keine Bleivergiftung, weil ein Pflaster mit Zugsalbe (Peechsälm) eine Vereiterung der Wunde verhindert hat.
Auch der Ass Pepp, der Franz vom Gartner, hat den letzten Krieg nicht überlebt, denn in diesem sinnlosen Gemetzel wurde leider nicht mit „Diabolos“ aus Luftgewehren geschossen.