Little Joe

Nicht gerade sehnsüchtig erwartet

2026-01-03

Heinzl, Josef
Das „Pepperl“ (Josef Heinzl) als kleiner Fotograf.

Es war um 5 Uhr in der Früh, als wir Kinder, eine Neunjährige, ein Achtjähriger und eine Sechsjährige geweckt wurden. Wir mußten unser gemeinsames Schlafgemach, die Küche verlassen. Dazu ist zu sagen, daß diese Küche eigentlich keine Küche war; sie war Schlafzimmer für drei von vier Kindern. Soweit ich mich erinnern kann, wurde in dieser Küche nie gekocht. Außer drei Betten gab es alles was eine Küche ausmachte: einen weißgekachelten Herd, eine Kredenz, einen Küchentisch und zwei weißgestrichene Stühle. Es war alles, auch die Bettgestelle waren weiß. Der Herd war mit einem Paravent umstellt, damit dieser nicht als Herd erkannt werden konnte. Hinter dieser spanischen Wand war alles das gelagert, was man nicht sehen sollte oder durfte. Im Backrohr des Herdes waren nichtverbrauchte Pillen, Tropfen und sonstige Medikamente verborgen. Dort fand ich auch eine Großpackung mit Dingen, die man damals nicht mit Namen nennen durfte, worüber aber heutzutage viel gesprochen wird. Wenn das mein Vater gewußt hätte!

Als wir damals zu so früher Stunde geweckt wurden und das auch noch an einem Sonntag, hatte man uns den Grund für so frühes Aufstehen nicht gesagt. Das Wetter war herrlich, und so gesehen war das frühe Aufstehen ein Gewinn.

Auf unserem alten „Huulzbianaam“, der zwischen Haus und Bach stand, saß vor seinem Nistkasten ein Star, der vorzeitig aus dem Süden zurückgekehrt war und sang in den sonnigen Morgen. Flügelschlagend warb er um eine Lebensgefährtin.

Auf der Straße war es noch ruhig; es war ja Sonntag. Da kein Ausflug geplant war und auch kein Fest anstand, was ein so frühes Aufstehen gerechtfertigt hätte, wurde ich neugierig und wollte von Erna wissen, was denn eigentlich los sei. Sie ließ sich nicht ausfragen und äußerte nur: „Dees wiaßt scho nuu zeitsoot dafahrn“.

Zwischen 6 und 7 Uhr haben wir es dann auch erfahren. Unser Vater, der Tata, wollte es uns als freudiges Ereignis schmackhaft machen: „Wir hatten ein Geschwister, einen Bruder, bekommen“. Die bereits vorhandenen vier Kinder empfanden das sogenannte freudige Ereignis gar nicht als so freudig. Wir ließen es unserem Vater auch wissen, daß die vorhandenen vier bereits gereicht hätten, wozu also noch ein fünftes?

Die Ankunft unseres Bruders am 9. März 1930 bedeutete nur Nachteile für uns. Unsere Zukunft malten wir uns ganz schrecklich aus; dazu kam dieser Nachwuchs für uns Kinder ganz überraschend. Wir wurden weder durch Mitteilungen noch durch Anspielungen auf dieses Ereignis vorbereitet. Bei unserer Mama sah man keine Zeichen einer Schwangerschaft. Sie war zu jener Zeit schon recht beleibt, und daß sie während dieser Schwangerschaft noch dicker wurde, fiel niemandem auf. Die Überraschung war perfekt; wir hatten keine Gelegenheit uns auf diese Veränderung in der Familie einzustellen. Als wir unseren Bruder das erste Mal sehen durften und der glücklichen Mutter gratulieren sollten, gab es nur lange, verstimmte Gesichter. Freude, nein, Freude empfanden wir nicht.

Nach und nach gewöhnten wir uns an unseren Bruder Pepp, der nach dem „Vädr“, dem Wickn Seffn, Josef getauft wurde, daß er auch noch Ludwig in den Taufschein geschrieben bekam, das begriff ich noch, warum aber Berthold?

Jetzt, 60 Jahre später, kenne ich den wahren Grund immer noch nicht. Allerdings weiß ich inzwischen, daß mit seiner Geburt zwar kein Gleichstand erreicht wurde, doch die bis dahin herrschende Übermacht der Schwestern war erheblich verringert, auch wenn ich von diesem Zeitpunkt an nicht mehr der „Einzige“ in der Familie war.

Stuttgart, im März 1990


Autor: Erich Heinzl · Quelle: Pechgrün – Geschichte und Erinnerungen, Band 3, 1998