Da Luwich
Erinnerungen an unseren Großvådda Ludwig Glöckner
Für Außenstehende war es nicht immer klar, wer wer in unserer Familie war, wer zu wem gehörte. Bei Mama und Tata gab es keine Zweifel, doch bei Mudda und Vådda war es nicht mehr so einfach zu erkennen, wie das Verwandtschaftsverhältnis zu uns Kindern war:
D’ Mudda war die leibliche Mutter unserer Mama, sie war unsere Großmutter. Da Vådda war der Bruder der Mudda, er war der Adoptivvater unserer Mama. D’ Mudda war verheiratet mit Ludwig Glöckner, er war also unser Stiefgroßvater. Wir nannten ihn Großvådda. Die Großmutter jedoch war die Mutter unseres Tata’s, sie war die Hanrichgroßmutter und war in Pechgrün als Masta Resl bekannt. Dann war da noch d’ Mahn, d’ Kohle, sie war die Lebensgefährtin unseres Vådda’s, dem Wickn Seff. Nach dem Tode seiner Frau Berta, geborene Heinzl, ist der Vådda mit seiner Schwägerin Anna Kohl, sie war die Schwester seiner verstorbenen Frau Berta, “zåmmzuagn”. So nannte man es bei uns, wenn zwei Leute in wilder Ehe zusammenlebten. Obwohl d’ Mahn eine geborene Heinzl war, so konnte man nicht mehr von Verwandtschaft zu uns Kindern sprechen, denn der vermutlich gemeinsame Ahn war Karl Heinzl, geboren um 1760 (Anm.: Der gemeinsame Ahn hieß nicht Karl sondern Johann Georg Heinzl, geboren 09.02.1730).
Unna Großvådda, da Luwich, von dem ich erzählen will, war nach Pechgrün zugezogen. Er stammte vom G’birch, so bezeichnete man bei uns die Landschaft oberhalb unseres Dorfes bis hin zur sächsischen Grenze. Der Ludwig war in Trinkseifen 1876 geboren. Ob er schon als Kind oder erst später zur Arbeit im Schacht in unsere Gegend kam, läßt sich jetzt nicht mehr nachvollziehen. Solange ich mich an ihn erinnern kann, war er pensionsberechtigter Bergarbeiter. Regelmäßig bekam er sein “Depatat”, eine Art von Betriebsrente, das ihm der Eckl Kårl mit seinem Pferdefuhrwerk vom Richard-Schacht bis vor sein “Kullnschippl” brachte. Später besorgte dies der Wåstl Edawad mit einem “Praga”-Lastauto.
Der Ludwig lebte mit unserer Mudda in einer Stube mit Kammerl bei uns im Haus Nr. 24. Früher, das heißt in der Zeit an die ich mich nicht mehr erinnern kann, vielleicht noch gar nicht auf der Welt war, wohnten sie auch einmal in der Hoslm(ü)hl, einem Ortsteil von Münchhof, in der Nähe vom Richard-Schacht.
Nun, der Luwich muß schon eine sehr dominierende Persönlichkeit gewesen sein, denn unsere Großmutter, die Florl Berta, war bei ihren Mitmenschen zur “Ludwichen-Berta” geworden. Er war ein schlanker, nicht allzu großer Mann. Da er nicht aufrecht ging, erschien er kleiner als er in Wirklichkeit war. Gekleidet war er, wie sich die Männer seiner Generation anzogen. A Monschesterhuasn, a Leiwl, an Ruack uu a Sch(ü)ldmutzn, keine Prinz Heinrich Mütze, wie sie der Exbundeskanzler Schmidt trägt, sondern eher eine Schiebermütze. Dort wo sich bei vielen Männern der Bauch wölbt, hing beim Luwich eine ansehnliche Uhrkette mit einem versilberten Infanteriegeschoß, dabei kann ich mich nicht erinnern, daß er je Soldat gewesen war. Am Ende dieser Kette hing ein Monstrum von Taschenuhr, die auf die Sekunde genau ging, sie hatte fast die Genauigkeit einer heutigen Quarzuhr. Darauf und auf sein Feuerzeug war er besonders stolz. Bei jedem Anreißer brannte das Feuerzeug. Es gab keine Fehlversuche. An dieser Erfolgsquote war nicht zuletzt sein Daumen maßgeblich beteiligt. Das erste Glied seines rechten Daumens konnte er in erstaunlicher Weise zurückbiegen, und wenn er damit das Reiberad seines Feuerzeuges betätigte, dann sprühte der Feuerstein Funken wie ein “Sterlschmeißa” am Weihnachtsbaum. Es hatte die Größe eines Tischfeuerzeuges, so groß wie die Kartusche einer 20mm Flakpatrone. Der Nagel an seinem linken Daumen war gespalten. Beim Arbeiten mit einem Fäustel, hatte er sich die Nagelwurzel zerschlagen, wodurch der Daumennagel zeitlebens gespalten blieb.
Sonntags ging der Luwich regelmäßig zum Kartenspielen ins Wästl-Wirtshaus und nach Theaterveranstaltungen, Bällen der Feuerwehr oder der Gesangvereine wurde es auch schon einmal Montag, bis er heimkehrte. Von einem Wirtshausbesuch im benachbarten Schwarzebach, brachten ihn seine Kumpane schwerverletzt nach Hause. Auf dem Rückweg nach Pechgrün ist er in der Nähe der “Wejham(ü)hl” vom Weg abgekommen und in den Bach gestürzt. Wer sich daran erinnert, wie das Teilstück des Baches gerade dort beschaffen war, der wird mir glauben, daß es fast wie ein Wunder anmutete, daß er diesen Sturz überlebte. Die Wunden und Schrammen an seinem Kopf waren bis zum nächsten Sonntag schon wieder so verheilt, daß er am Spieltisch nicht fehlen mußte.
Der Großvådda war nicht bei der freiwilligen Feuerwehr, auch wenn er immer fleißig beim Löschen half, wenn es einmal im Dorf brannte; besonders nach den Bränden hat er der Feuerwehr tatkräftig geholfen das Feuer zu begießen.
Politisch war er eher den Kommunisten als den Sozialdemokraten zuzuordnen. Als ehemaliger Bergarbeiter war er im Herzen, auch nach dem Anschluß ans Dritte Reich, Kommunist geblieben und ist als solcher auch gestorben.
Einen Ausspruch von ihm werde ich nie vergessen: “Dåu schickt ma di sua long in d’Schöll, u du koast nu neat amål tschechisch”. Gemeint hatte er jedoch, daß ich die tschechischen Anschläge der Regierung im Herbst 1938 nicht übersetzen konnte.
Stuttgart, im Januar 1990