Wickns Hund
Von treuen Seelen, Bissigkeit und Dorferziehung
Seit ich denken kann, gab es beim Wickn immer einen Hund und mehrere Katzen. Von den Hunden möchte ich erzählen: Der erste, an den ich mich noch genau erinnern kann, hieß „Buwe“. Er war eine Promenadenmischung und konnte keiner Rasse auch nur annähernd zugeordnet werden. Er war ganz einfach nur Hund, nicht besonders groß, ein richtiges „Sucherl“, anhänglich und treu, wie es nur Bastarde sind. Seine Farbe war rötlichgelb, ockerfarben mit etwas dunklerer Decke, die Ohren gespitzt, den Schwanz geringelt wie bei einem Borstentier. Nein, schön war er nicht. Dennoch war Buwe ein eifriger Vererber, und hätte man seine Nachkommen aufgezogen, sie wären bestimmt noch häßlicher gewesen als er selbst. Die neugeborenen Welpen kamen in einen alten Sack, ein paar Steine dazu und ab mit ihnen in irgendein Gewässer. Der Buwe trauerte nicht um seinen Nachwuchs, er sorgte für neuen.
In der Zeit, in der Hündinnen im Dorf läufig waren, traf man den Buwe daheim nicht an, er brauchte auch nichts zu fressen. Einmal mußte ihn aber der Hunger doch überwältigt haben, weil er Löcher in die Bettwäsche der Hou Berta fraß, die sie zum Bleichen im Garten hinter dem Pleierhaisla ausgelegt hatte. Es wurde vermutet, daß die Berta ihre Hündin „Nettl“ mit ins Bett nahm und das konnte einer Hundennase, trotz Wäsche mit „Frauenlob“ (Waschpulvermarke), nicht verborgen bleiben. Die Berta ließ den Buwe gewähren und holte unseren „Vädda“, an Wickn Seffn, damit er den Buwe „in flagranti“ überführen konnte. Die Berta bekam ein neues Leintuch und der Hund eine Tracht Prügel. Einen Hund, noch dazu eine läufige „Lusch“, mit ins Bett zu nehmen, war für damalige Pechgrüner Ansichten wie fremdgehen. Es blieb deshalb auch ein Geheimnis.
Als der Dobermann Harry kam, mußte der Buwe weg. An einen Strick gebunden führte ihn eines Tages das „Schinder Ferdl“ mit sich fort, einem ungewissen Schicksal entgegen. Ich sehe es noch, als wäre es erst gestern passiert, wie er an der Seite des Schinders, mit hochgeringeltem Schwanz in Richtung Douglasgrün verschwand. Ein mir lieber Spielgefährte war nicht mehr da, dafür kam ein neuer, er hieß „Harry“. Der neue war ein Dobermannrüde, ziemlich reinrassig, auch wenn seine Rasse nicht mit einem Stammbaum nachgewiesen werden konnte. Die Zeichnungen seiner Art waren einwandfrei, das Fell kurzhaarig und pechschwarz mit brauner Zeichnung am richtigen Platz. Er hätte der Stolz seines Besitzers werden können, wenn das Kupieren richtig ausgeführt worden wäre, es war sein Schicksal. Wie sich im Laufe seines Daseins herausstellte, war er in seinem Verhalten alles andere, nur kein Dobermann, aber das konnte man dem Welpen noch nicht ansehen. Harry war der Bruder eines anderen Dobermannrüden, den die Scheitlers besaßen. Beschafft hatte sie der Laurer Häns aus einer Granesauer Zucht. Harry wuchs zusammen mit uns Kindern auf und wurde uns ein guter Spielgefährte.
Ein junger Dobermann muß allerhand über sich ergehen lassen. Zuerst wurde ihm der Schwanz, die Rute gekürzt, einige Wochen später stutzte man ihm die Ohren zurecht. Beim Kupieren passierte das Malheur. Die Schablonen, mit denen diese Operation durchgeführt wurde, paßten nicht für Harrys Ohren. Wer der Kupierer war, ob es der Abdecker, s’ Schinder Ferdal oder ein auswärtiger Hundezüchter gewesen war, weiß ich nicht mehr. Auf keinen Fall war es ein Pechgrüner Hundefreund. Die verwendeten Schablonen waren Vorrichtungen mit denen man die Ohren des Hundes so einklemmen konnte, daß es möglich wurde, die überstehenden Teile der Ohren, mit einem scharfen Messer, entlang einer Kante dieses Apparates abzuschneiden. Dies alles geschah ohne Betäubung. Was der Kupierer bei dieser Operation falsch gemacht hatte, konnte nicht aufgeklärt werden. Auf jeden Fall hatte er nicht nur das eine Ohr verschandelt, er hat mit diesem unheilvollen Schnitt auch das Wesen unseres Dobermannes verändert.
Harry konnte nur ein Ohr spitzen, das zweite war verkrüppelt und der Hund sah aus, als hätte er ständig Angst. Wenn Hunde die Ohren anlegen, dann sind sie gefährlich. Diesen Eindruck machte unser Harry nicht, denn gleichzeitig spitze er freundlich das gute Ohr. Er war nicht scharf und bissig, sondern lieb und verträglich. Figural war er auch etwas daneben geraten und entsprach nicht dem Idealbild eines Dobermanns. Für uns Kinder war er der richtige Hund, gutmütig und anhänglich.
Nur einmal verhielt er sich wie ein echter Dobermann. Als ihm unser Dorfmillionär, der Pleier-Vädda, mit dem Schirm zeigen wollte, daß er ihm die Straße freizumachen hatte, biß er den alten Mann ins Bein. Zum Glück hatte unser Großvater beim Gartner Dolfm eine Hundehaftpflichtversicherung abgeschlossen und so konnten die Ansprüche des Gebissenen zu dessen vollster Zufriedenheit reguliert werden. Ohne Versicherung wäre dieser Hundebiß eine kostspielige Angelegenheit geworden, denn die Forderungen des alten Pleier waren gar nicht bescheiden, er holte heraus was herauszuholen war. Großzügig war unser Millionär nur bei Spenden, die seinem Seelenheil förderlich waren. Steinmetze, die bei ihm beschäftigt waren, wußten ein Lied von dessen Sparsamkeit zu singen. Ob es ihm gelang, mit dem bunten Fenster für die Chodauer Kirche die erhoffte ewige Seligkeit zu erkaufen, wer weiß? Unserem Hund war die Ehrbarkeit des alten Pleier bestimmt gleichgültig, nicht egal war ihm, daß er mit dem Regenschirm traktiert wurde.
Ende der 30er Jahre kam ein Rehpintscher ins Haus. Eines Tages brachte mein Pate Richard diese handvoll Hund und ließ ihn einfach da. Er war ein übler Kläffer. Selbst an den wärmsten Tagen zitterte er, als ob es hundekalt gewesen wäre. Angst war es nicht, was ihn so schlottern ließ, denn er fürchtete sich nicht, selbst vor den größten seiner Artgenossen zeigte er keinen Respekt. Dieses kleine Hunderl wurde von den meisten Familienmitgliedern gestreichelt und verhätschelt. Dieses Getue ging unserem alten Harry aufs Gemüt. Eines abends kam Harry nicht heim. Er kam auch nicht am nächsten und auch nicht am übernächsten Tag. Da Vädda wurde unruhig und suchte stundenlang, Dorf auf und Dorf ab, nach dem Hund. Schließlich fand er ihn in einem Strohhaufen hinter Eckls Huaf. Harry war so schwach, daß ihn der Großvater heimtragen mußte. Auch der zu Hilfe gerufene Tierarzt konnte nicht mehr helfen. Harry konnte die Zurücksetzung, den Verlust der Zuneigung nicht ertragen und verschied nach einigen Tagen.
Nun war Bobby, so hieß dieser Rehpintscher, allein Hund im Haus. Er war sehr wachsam und hat jedes Geräusch innerhalb und außerhalb des Hauses durch wildes Gebelle angezeigt. Ich vergaß zu erwähnen, daß s’Bobberl ein Rüde war und trotz seiner Winzigkeit stets dabei war, wenn es galt einer Hündin nachzustellen. Dieser Trieb war dann auch die Ursache für sein frühes Ende.
Wie schon gesagt, Bobby war ein zerbrechliches Wesen. Die Beinchen waren sehr dünn und als mein kleiner Bruder das Hündchen einmal von Ernas Schoß stieß, brach eines dieser Beinchen. Der Tierarzt mußte einen Gipsverband anlegen und Pepp fiel wegen dieser Tat in Ungnade, obwohl er als „Näuchhutschlerl“ fast noch mehr verwöhnt wurde als dieser Hund.
Als s’Bobberl wieder einmal auf Freite war und „Fleischers Cesa“ bei einer Lusch nicht zum Zuge kommen ließ, biß ihm dieser fast das ganze Hinterteil weg. Die klaffende Wunde mußte geklammert werden und da es damals noch keine Antibiotika gab, starb das Hündchen nach einigen Tagen an Wundfieber. Es war unvorstellbar, daß es im Wicknhaus keinen Hund gab, deshalb kaufte man vom Wesp, Straßensänger aus Chodau, einen im kynologischen Verein ausgebildeten Wolfs- oder Schäferhund.
Harras hieß dieses Vieh. Er hatte einen schönen Kopf, stellte die Ohren rassegemäß, jedoch der hintere Teil des Körpers zeigte, daß es mit der Rassereinheit nicht ganz 100%ig war. Er trug ihn nicht, er stellte den Schwanz, die Rute, wenn auch nur leicht, doch für jeden Hundekenner unübersehbar. Harras war das blödeste Hundevieh, welches wir je besaßen und sollte man ihm im Hundezuchtverein etwas beigebracht haben, so hatte er dies in kürzester Zeit bei uns wieder verlernt.
Gehorchen tat er nur der Erna, sie durfte ihn sogar schlagen. Wenn dies mein Vater oder gar ich versuchten, dann stellte er sich uns zähnefletschend in den Weg, und ich glaube es heute noch, daß er zugebissen hätte, hätten wir darauf bestanden ihn zu bestrafen. Einmal hatte ich mich mit ihm angelegt und wollte der Stärkere sein. Er biß mich dafür in den Unterarm. Das Glas meiner Armbanduhr hatte danach ein Loch und ich an der Unterseite einen großen Bluterguß.
Wenn Harras vor der Ladentür liegend von einer Kundin getreten wurde, dann räumte er heulend und winselnd das Feld und zeigte nichts von seiner sonstigen Bissigkeit. Bei uns wurde auch sonntags, wenn der Laden geschlossen blieb, verkauft. Die Leute gingen dann „hintn ei(n)“ zum Einkaufen. Auch die duldete Harras. Wollten sie jedoch nach dem Einkauf das Haus wieder verlassen, dann war Harras dagegen. Nur in Begleitung eines Familienangehörigen durfte der Kunde wieder „hintn asse“.
Mein Bruder Pepp, er war damals 8 Jahre alt, trug nicht dazu bei, daß Harras gescheiter wurde. Der machte ihn vollends verrückt. Wohin der Pepp mit seinem Kinderfahrrad auch fuhr, der Hund war immer dabei. Deshalb konnte man mit ihm auch Folgendes veranstalten: Freunde vom Pepp mußten Harras etwa bei Wätsls Wirtshaus so lange festhalten, bis unser Junior per Rad bei uns im Vorgarten angekommen war. Dort verschloß er die Gartentür und rief nach dem Hund. Dieser raste wie gehetzt und heulend auf das Haus zu. Da jedoch das „Gärntürl“ verschlossen war, konnte er nur über eine hohe und nur 25 cm breite Steinsäule in den Garten, wo Pepp sich aufhielt, kommen. Diese freie Stelle im Zaun war so schmal, daß er nur durchkam, wenn er genau im rechten Winkel auf die Spalte zusprang. Oft ging das schief und der Hund hing dann mit den Hinterläufen außerhalb des Zaunes und mit dem Kopf und den Vorderläufen im Vorgarten. Aus dieser Lücke konnte sich der Hund nicht selbst befreien. Nur ein Erwachsener, es war meistens unna Erna, konnte dem Hund aus dieser mißlichen Lage befreien.
Gegenüber vom Wohnhaus hatten wir einen „Bleichfleck“ zum Trocknen der bunten und Bleichen der weißen Wäsche. Nachbars Gänse kamen auf der Suche nach Futter auch in diesen Garten, wenn Wäsche ausgelegt war und Harras hatte die Aufgabe diese unwillkommenen Gäste, welche die ausgelegte Wäsche verschissen, zu verjagen. Dieser Aufgabe kam er mit Übereifer nach.
Leider lagerten im Garten Stangen, die am dünnen Ende scharf zurechtgehackt waren. Vom Jagdfieber gepackt, rannte er die kleine Böschung, die von der Straße zum Bleichfleck führte wild hinauf und stieß frontal mit der Brust auf eine dieser zugespitzten Stangen. Eine 10 cm lange Wunde mußte vom Viehdoktor genäht werden. Dennoch gab er die Gänsejagd nie auf. Schließlich wurde es ihm von der Erna, seiner Domina, aufgetragen. Ein Herrchen, dem er gehorchen sollte, gab es nicht, es waren zu viel, die ihm befehlen wollten.
Vor dem Anschluß ans 3. Reich verkauften wir im Laden fette Schweinegrieben aus Prag, große leicht angebratene Brocken Schweinespeck. Dafür hatte Harras eine Schwäche. Man brauchte ihm nur von den „Grejbalan“ erzählen, herzeigen war nicht nötig, schon schoß ihm der Speichel aus dem Maul. Noch nach Jahren, als es diese Grieben schon lange nicht mehr gab, konnte man Harras damit zum „Geufern“ bringen. Wenn jemand von der Familie aus Chodau kam, so sprang er den Ankommenden entgegen, um die letzten 100 Meter bis zum Haus neben dem Rad herzuraufen. Wahrscheinlich spürte er, daß jemand fehlte und wartete deshalb auf seine Rückkehr. Er kam angesprungen, legte sich auf die Straße, den Kopf zwischen den Vorderpfoten und ließ den Fahrer bis auf wenige Meter an sich herankommen, bevor er den Weg zur Weiterfahrt freigab. Danach versuchte er laut bellend, den Heimkehrer in den Fuß zu beißen; dabei bekam er öfter einmal die Pedale an den Kopf, was ihn nicht abhielt es immer und immer wieder zu versuchen. Harras war trotz seiner Dummheit ein sehr anhängliches Tier. Wie man mir erzählte, rannte er stets ein Stück in Richtung Chodau, wenn man ihm sagte: Der Erich kommt, obwohl ich schon viele Monate nicht mehr daheim war.
Seine Bissigkeit war nur Imponiergehabe, denn wirklich hat er nur einmal zugebissen: Ein Mädchen ärgerte ihn damit, daß sie immer wieder mit einem Stock am Gartenzaun entlangratschte. Eines sonntags, als dieses Mädchen „hintn ei(n)“ zum Einkaufen kam, biß er sie in den Hintern. Das war seine Rache, und ich glaube, er war stolz auf diese Tat, denn er ließ die Strafpredigt geduldig über sich ergehen. Sein trauriges Ende fand er während der russischen Besatzungszeit in einem Kochtopf. Ob ihn ein Tscheche, ein Russe oder der Franze Oskar gefressen hat, das müßt ihr meinen Bruder Pepp fragen, denn der war zu dieser Zeit noch in Pechgrün.
Im November 1989