Büst va Pechgräin?
Ein Erinnerungsgedicht in egerländischer Sprache
Dieses Gedicht ist kein Versuch, Pechgrün zu beschreiben oder zu erklären. Es besteht fast ausschließlich aus Fragen. Karl Redelbach ruft Orte, Namen, Wege und Erinnerungen auf – ohne sie aufzulösen, ohne sie zu ordnen, ohne zu behaupten, dass sie vollständig erinnerbar wären.
Der Text entstand Jahrzehnte nach der Zerstörung des Dorfes und hält einen Moment fest, in dem auch die eigene Erinnerung bereits brüchig geworden ist. Heute lesen wir dieses Gedicht erneut – wiederum Jahrzehnte später. Es zeigt nicht Pechgrün selbst, sondern einen zeitgebundenen Blick zurück: ein Erinnern, das sich seiner eigenen Grenzen bewusst ist.
Sachliche Übersetzung
Die folgende Übersetzung versucht nicht, Klang oder Dialekt nachzubilden. Sie übersetzt nur so weit, wie sich Bedeutungen heute noch sicher erschließen lassen. Eigennamen und unklare Begriffe bleiben bewusst stehen.
Bist du aus Pechgrün? Dann sag mir: Wo war die Hirt’nhout, wo Nazns Birklå, Mazls Bühl, der Kutscherberg und die Wehrmühle? Wo waren die Leit’n, das Örlseich, der Hechtenteich, der Herrenteich und der Kastenteich? Wo hat der Fleischer ein Schwein geschlachtet, und wo machte die Straße ihre Kurve?
Wo war die Pechgrüner Zuckerbude, wo das Haus von Schmied Gudd, wo beim Gla(r)las, Girgn und Mazla? Weißt du noch deine Pilzplätze?
Wo war die Läuch, wo das Bär’nhout, wo das schönste Hasenkraut? Wer war Pfarrer, wer Lehrer, wer der Feia(r)ess’n-Kehra? Die Goldene Leit’n, die Flåß, die Rohlau, der Raabsoog, die Tråchta, das Rinnl, der Schlåmm – das alles ist dir gewiss nicht fremd.
Wann war das Fest von Dotterwies? Weißt du noch, wann es in Chodau war? Wie war die Farbe eurer Häuser? Wo lagen die Häuser beim Friedl, beim Meisler, beim Hannrich, Bauma, Maasta, Somma, beim Schousta, Wick’n, Wåst’l, Homma, beim Maastawenz’l, Däävat, Låi(n)? Wer war der Tischler von Pechgrün?
Weißt du noch, wo die Heidelbeerbüsche waren? Wo fuhr die Neudeker Katt’l? Wo war die Stärkaneia, wo unsere Kahnasfeia? Wo war es beim Mussla, wo beim Häu? Denk noch einmal ein wenig nach.
Ich weiß, jetzt wird das alles zu viel – diese Fragerei, dieses Aufzähl(en). Du denkst vielleicht: Lass mich doch in Ruhe. Ich sage das ehrlich: Ich will an Pechgrün erinnern. Kannst du das noch austragen, noch hervorholen? Probier es – einfach so, zum Spaß.
Was haben die Mädchen an Ostern gesungen? Wie war der Text, wie hat es geklungen? Weißt du noch, wer der Schnoowlhåcka war, der Zuuwa-Knåcka, der Robesberg und die Flögensich, der Sauteich, der Mühlteich und der Kleeteich?
Wie viele Kinder waren es beim Siehr, bei Friedls Kindern, in der Wehrmühle? Kennst du die Namen noch? Die Jungen werden das alles nicht mehr wissen – sie lagen damals noch in den Windeln.
Ich weiß selbst oft nicht mehr genau, ob das, was ich weiß, richtig ist. Ich bin ein alter Mann, denke aber immer noch gern daran, wie manches war, wie es geheißen hat. Denkt noch ein bisschen an Pechgrün.
Interpretation und Bedeutung heute
Dieses Gedicht ist kein klassisches Heimatgedicht. Es verherrlicht nichts, erklärt nichts und erzählt keine abgeschlossene Geschichte. Stattdessen besteht es fast ausschließlich aus Fragen. Karl Redelbach beschreibt Pechgrün nicht – er ruft es auf.
Auffällig ist dabei, dass der Autor nicht so schreibt, als verfüge er über gesichertes Wissen. Im Gegenteil: Er fragt immer wieder, zögernd, tastend, fast entschuldigend. Weißt du noch? Wo war das? Wie war das? Wer war das? Erinnerung erscheint hier nicht als Besitz, sondern als etwas Fragiles, Unvollständiges, das jederzeit verloren gehen kann.
Der Text lebt von Namen: Flurnamen, Hausnamen, Übernamen, kleine Orte, Wege, Teiche. Sie werden nicht erklärt, nicht eingeordnet, nicht übersetzt. Für heutige Leser bleiben sie größtenteils rätselhaft. Und genau darin liegt keine Schwäche, sondern eine zentrale Aussage dieses Gedichts: Erinnerung funktioniert nicht über Erklärungen, sondern über Selbstverständlichkeit. Was einst keiner Erklärung bedurfte, ist heute nicht mehr zugänglich.
Das Egerländerische ist dabei kein folkloristisches Stilmittel. Es ist Teil der verlorenen Welt selbst. Der Dialekt erzeugt ein Klangbild, das man lesen kann, ohne es vollständig zu verstehen. Auch hier wird nichts repariert: Der Text macht sichtbar, dass Sprache selbst Teil dessen ist, was verschwunden ist.
Wichtig ist auch der zeitliche Abstand, den dieses Gedicht bereits in sich trägt. Karl Redelbach schreibt nicht unmittelbar aus dem Erleben heraus. Das Gedicht entstand Jahrzehnte nach der Zerstörung Pechgrüns – zu einem Zeitpunkt, an dem auch seine eigene Erinnerung bereits unsicher geworden ist. Er sagt das selbst. Er zweifelt, korrigiert sich, fragt weiter. Der Text ist damit kein unmittelbares Erinnern, sondern bereits ein Rückblick auf das Erinnern selbst.
Heute lesen wir diesen Text noch einmal Jahrzehnte später. Damit entsteht eine zweite Distanz. Wir sehen nicht Pechgrün, wir sehen auch nicht mehr das lebendige Dorfgedächtnis. Wir sehen, wie ein Mensch sich erinnerte, als auch er selbst schon spürte, dass vieles verloren geht – Namen, Orte, Zusammenhänge, Menschen.
Gerade darin liegt die besondere Kraft dieses Gedichts. Es bewahrt keinen Ort. Es bewahrt eine Haltung gegenüber dem Vergessen. Es zeigt, wie Erinnerung aussieht, wenn man weiß, dass sie endlich ist.
Warum veröffentlichen wir diesen Text heute? Nicht, um Pechgrün zu rekonstruieren. Nicht, um Namen aufzulösen oder Karten zu zeichnen. Sondern um sichtbar zu machen, dass Erinnerung selbst eine Spur ist – eine, die genauso brüchig ist wie die Landschaft, in der Pechgrün einmal lag.
Dieses Gedicht erklärt Pechgrün nicht. Aber es zeigt, warum es wichtig ist, sich überhaupt noch an Pechgrün zu erinnern.