Aaf da Bruck

Zentrum der Pechgrüner Jugend

Das Zentrum von Pechgrün war für die Jugend des Dorfes „d’ Bruck“. Sie führte zwischen Bossn Knopps Bud und Wewers Wässaluach bei Wickns Huulzbianbaam über den Bach. Dort war die „Burg“, ein Lichtmast mit einer Straßenlampe, welche die Umgebung der Bruck nach Einbruch der Dunkelheit heimelig beleuchtete.

Dort spielten wir Buben die Spiele unserer Jugendzeit wie: Raubritter und Bürger, deshalb nannten wir diesen Lichtmast „Burg“, Jäger und Hase, Vasteckalats, Boochhupnn, Näuchlafalats, Tschotschkantreim, Paatscheken. Auf dem Platz um das Steichahaisl wurde auch Fußball gespielt, was der Schindler Berta nicht gefiel, weil dann und wann die Scheibe des Fensters an der Giebelseite ihres Hauses in Brüche ging, denn niemand wollte sich zu dem Schaden bekennen. Oa(n)tippn mit Geld, Strichhuckschsen, Affetitschn, Tschegern und Tschoppn waren Spiele, die nach der Schneeschmelze, wenn der Boden noch feucht und dreckig war, für wenige Tage gespielt wurden. Beim Tschoppn durften sogar Mädchen mitspielen und tschegern konnten sie oft besser als die Buben.

Im Winter, wenn es Schnee hatte, wurde am P(i)lznbergla und am Kutscherberch Schliengfahrrn. Tschienern konnten diejenigen gut, die abgelaufene Holzpantoffeln besaßen; Kinder mit Lederschuhen durften auf den guten Bahnen nicht mittschienern.

Über diese Spiele könnte man viel erzählen. Es gab feste Spielregeln, an die man sich streng zu halten hatte. Die Bruck war nicht nur Ausgangspunkt für diese Spiele, sie war Sammelplatz und auch Versammlungsort.

Die Bruck war kein besonderes Bauwerk. Es war eine sehr einfache Konstruktion. Drei Eisentraversen waren von einer Bachmauer zur anderen gelegt, darauf befanden sich eckig behauene Holzbalken, die an den Rändern mit einem halbierten Balken von etwa 15 cm Durchmesser vernagelt waren. An jeder Ecke der Brücke stand ein Schleuderstein. Als Geländer dienten Stangen, die zwischen die Schleudersteine eingesetzt waren. Die Stangen saßen in eingemeißelten Löchern dieser Steinsäulen und waren in ihnen fest verankert. Man konnte gut auf diesen Stangen sitzen und es fanden vier bis fünf Knaben darauf Platz.

Irgend einer hatte entdeckt, daß die Stangen herausfielen, wenn man an einem der beiden Schleudersteine riß. Geschah dies, fiel die Stange mit den darauf Sitzenden in den Bach. An dieser Stelle war der Abstand zwischen Stange und Wasseroberfläche mindestens zwei Meter. Weil das Bachbett dort gepflastert und die Wassertiefe gering war, gab es bei den Abgestürzten immer wieder ernsthafte Kopfverletzungen.

Ein Freund von mir, der im Verdacht stand, Urheber solcher Brückenstürze zu sein, war eines Samstagabends, schon im Sonntagsanzug, selbst Opfer dieser Falle.


Raubritter und Bürger war ein beliebtes Spiel in meiner Bubenzeit. Ob es nach ein paar Jahren noch gespielt wurde, ist mir nicht bekannt.

Es war ein Nachlaufen, Verfolgen, sich Verstecken und Anschleichen. Möglicherweise spielte man dieses Spiel in den Nachbardörfern gar nicht, weil man dort keine geeignete Burg hatte. Wir Pechgrüner hatten die bestgelegene und bestgeeignete Burg, die man sich für dieses Spiel nur denken konnte. Die Burg wurde gebildet aus einem Schleuderstein, der Teil der Bruck war und einem Lichtmast mit Betonabstützung. Es war Aufgabe der Bürger sie zu verteidigen, die Raubritter mußten sie erstürmen.

Die Mitspieler trafen sich auf der Bruck, es wurde abgezählt und zwei Parteien gebildet. Danach zogen die Raubritter davon. In entsprechender Entfernung, jedoch noch in Hörweite, schrien sie laut „Hurra“. Das war das Zeichen für die Bürger, ihre Fangtrupps auszuschicken. Wenn die Bürger einen Raubritter stellten, mußte dieser abgeschlagen werden, was folgendermaßen vor sich ging: Es wurde eins, zwei und drei gezählt, dabei mußte der Gegner dreimal mit der Hand berührt werden. Damit war er „aus“. Er konnte sich auf die Stange der Brücke setzen und zusehen, wie die restlichen Raubritter versuchten die Burg zu erstürmen. Sie mußten sich so geschickt anschleichen, daß sie von der Burgwache erst im allerletzten Moment entdeckt wurden. Laut „Burg“ rufend, mußten die Ritter den Schleuderstein oder „d’ Mästn“ berühren, ehe sie von der Burgbesatzung überwältigt werden konnten. Wenn sie unvorsichtig waren, konnte es sein, daß sie von den Bürgern noch auf den letzten Metern überwältigt und abgeschlagen wurden. Da die Bürger nicht ausgeschaltet werden konnten, gab es keinen Gesamtsieger, es waren nur Einzelerfolge der Raubritter möglich.

Dieses Spiel dauerte oft Stunden, denn ganz ausdauernde Raubritter versteckten sich im Wald oder rannten kilometerweit durch Wiesen und Felder. Je nach Jahreszeit war es möglich, daß der eine oder andere zum Baden ging, vielleicht sogar sich daheim eine Weile ausruhte. Es war wichtig, daß sie von den Bürgern nicht belauscht und abgepaßt werden konnten, sonst wurden sie schon abgeschlagen, bevor sie noch einen Sturmversuch unternehmen konnten. Manchmal kamen Raubritter erst zur Burg, da hatten die Bürger die Verteidigung längst aufgegeben, weil es schon spät am Abend war. Doch gerade in den Abendstunden war das Anschleichen besonders schön, denn dann beleuchtete eine Lampe am Lichtmast das Umfeld der Burg und tiefe Schatten hinter dem Steichahaisla oder Wewers Straahaffm gaben guten Schutz vor dem Entdecktwerden. Ganz raffinierte Ritter krochen auf dem Bauch im Schlagschatten des Lichtmastes, der in Richtung P(ü)lznsberch immer breiter und dunkler wurde, an die Burg heran. Wenn sie dann im letzten Moment von den Bürgern entdeckt wurden, konnte nicht mehr verhindert werden, daß die Burg erreicht wurde.

Es war ein Spiel, bei dem es nicht so sehr auf Geschicklichkeit und Körpergröße, als auf Schnelligkeit und Ausdauer ankam. Hilfsmittel brauchte es nicht zu diesem Spiel, und es war ohne jede Gewalt, was man vom Namen her nicht unbedingt erwarten durfte und konnte.


Ein Spiel mit einem Ball, der nicht größer als ein Tennisball sein durfte, war Jäger und Hase. Es ist zu beachten, daß nur die hochdeutsche Bezeichnung üblich war. Ich kann mich nicht entsinnen, daß wir je einmal „Jächa u Hoos“ gespielt hätten. Dieses Spiel hatte jedoch den Nachteil, es wurde ein Ball benötigt. Dieser Nachteil wurde aber dadurch kompensiert, daß nur wenige Teilnehmer dieses Spiel spielen konnten.

Die Spielregeln waren sehr einfach: Der Jäger mußte versuchen die Hasen mit dem Ball zu treffen, die Hasen sollten verhindern getroffen zu werden. Die Hasen bewegten sich bei diesem Spiel nicht nur auf Wiesen und Feldern, sie durften sich auch hinter Zäunen und Büschen verstecken.

Jäger mit guten Wurfleistungen waren bei diesem Spiel im Vorteil, aber auch wendige und schnelle Hasen wurden geschätzt. Traf der Jäger, dann schied der Hase aus. War nur noch ein Hase nicht getroffen, dann wurde dieser zum Jäger und das Spiel begann aufs neue.

Die Jagden verliefen oft über lange Strecken: Von der Bruck zur Euins Paint, über die Bärnhaut zur Hirtenhoud und weiter übers Neibaurn in d’ Fuxlöcher. Das Halali war dann wieder auf der Bruck.


Paatscheken war ein Spiel zu zweit, welches unsere Väter in ihrer Jugend gewiß noch oft gespielt haben, meine Generation spielte es jedoch nicht mehr. Das nötige Spielgerät konnte selbst angefertigt werden. Ich kann mich noch erinnern wie der Paatschek und der Schläger aussahen; die Regeln sind mir leider nicht mehr geläufig. Mein Vater hatte mir ein solches Spielgerät geschnitzt und bestimmt auch gezeigt, wie es gespielt wurde. Bedauerlicherweise habe ich sie vergessen.

Der Paatschek war ein etwa 10 cm langes, an beiden Enden angespitztes Rundholz. Der Schläger war aus einem 10 bis 15 cm breiten Brett gemacht und war mit Stiel ca. 20 bis 25 cm lang. Die untere Kante des Brettes war keilförmig zugeschnitten. Ein solcher Schläger ähnelte einem Beil und wurde auch wie ein Beil gehandhabt.

Ich habe mir in etwa zurechtgelegt, wie dieses Paatscheken eventuell gespielt wurde: Der Paatschek wurde in einen Kreis, der mit dem Schläger in die Erde gekratzt worden war, gelegt. Mit der keilförmigen Kante des Schlägers wurde auf eines der angespitzten Enden des Paatscheks gehackt, sodaß dieser in die Luft sprang. Noch bevor er wieder auf die Erde fiel, mußte der Paatschek mit dem flachen Teil des Schlägers getroffen und aus dem Kreis geschlagen werden. Je weiter desto besser. Dann mußte der schlagende Spieler bis zu einem vorher festgelegten Punkt rennen und sollte noch vor seinem Mitspieler den Kreis wieder erreichen. Der Gegenspieler sollte den geschlagenen Paatschek fangen und in den Kreis legen; wenn ihm dies nicht gelang, dann mußte er ihn oft von weit herholen. Der schnellere von Beiden durfte dann hacken und schlagen.


Tschotschkantreim war ein Spiel, welches mehrere Teilnehmer zuließ. Das Spielgerät waren abgebrochene Gartenzäunlatten und ein Stück Rundholz, das von einer Stange abgeschnitten, etwa 15 cm hoch und 3 bis 4 cm im Durchmesser war. Das Rundholz, der Tschotschkan, wurde auf einen halben Ziegelstein gestellt und 15 Meter entfernt, hinter einer Linie standen die Werfer mit ihren abgebrochenen Latten. Ein Mitspieler stand in der Nähe vom Tschotschkan.

Die Werfer sollten mit ihren Latten den Tschotschkan treffen. Traf ein Werfer den Tschotschkan nicht, dann durfte der Tschotschkanwächter die Latten fortwerfen. Traf ein Spieler den Tschotschkan, der oft sehr weit wegflog, dann mußte der Wächter ihn holen und wieder auf den Ziegel stellen. Die Werfer mit Fehlversuchen konnten in dieser Zeit ihre Hölzer abholen und hinter die Linie zurückrennen. Waren sie früher hinter der Linie als der Tschotschkan auf den Ziegel, mußte der Aufpasser weitermachen. Im gegenteiligen Fall mußte der letzte, der die Wurflinie überschritt, im nächsten Durchgang den Tschotschkan bewachen.


All diese Spiele konnten ohne kostspielige Aufwendungen betrieben werden und machten mächtig viel Spaß. Das immer mehr aufkommende Fußballspielen brachte es mit sich, daß solche Jugendspiele immer mehr in Vergessenheit gerieten.

Im Dezember 1988

Sprachliche Erläuterungen zu einzelnen Dialektausdrücken

Vasteckalats
Aus vastecka / verstecka (verstecken) und Lats (laufen, Gang).
Bezeichnet ein Versteck- und Laufspiel.

Booch-hupnn
Aus Booch (Bach) und hupnn (hüpfen).
Spring- und Geschicklichkeitsspiel; gemeint ist das Hüpfen über den Schwarzenbach im Dorf.

Näuchlafalats
Aus näuchlafa (nachlaufen) und Lats (laufen).
Reines Nachlauf- bzw. Fangspiel ohne Spielgerät.

Tschotschkantreim
Aus Tschotschkan (Bezeichnung des kleinen Rundholzes) und treim, vermutlich von treiben im Sinn von „in Bewegung setzen, forttreiben“.
Ziel- und Wurfspiel mit Holz.

Paatscheken
Lautmalerischer Ausdruck, vermutlich vom Schlag- oder Hackgeräusch abgeleitet.
Altes Zweierspiel mit Holz und Schläger.

Oa(n)tippn
Abgeleitet von antippen bzw. anstupsen.
Einfaches Geschicklichkeits- oder Treffspiel, teilweise mit Geldeinsatz.

Strichhuckschsen
Aus Strich (Linie, Markierung) und huckschsen (hüpfen, aufspringen).
Hüpf- oder Springenspiel entlang von Linien.

Affetitschn
Bildhafte Ableitung von Affe.
Bewegungs- und Nachahmungsspiel ohne festes Regelwerk.

Tschegern
Dialektwort für gleiten oder rutschen.
Rutsch- und Gleitspiel auf feuchtem Boden.

Tschoppn
Ableitung von schoppen, stoßen oder anschieben.
Einfaches Stoß- oder Rutschspiel, an dem auch Mädchen teilnehmen konnten.