Haus Nr. 24
Fellner Kolonialwarenladen
Haus Nr. 24 – die Dorfmitte von Pechgrün
Wer von Poschetzau her kam, erreichte Pechgrün nicht abrupt, sondern Schritt für Schritt. Hinter dem Hirtenhüwl weitete sich das Wiesen- und Felderbecken der Erlseich. Zwischen Hirtenhüwl, Vuaglhee(r)d und Mastawenzls Wallerl wurde daraus ein schmales Wiesental mit kleineren Teichen. Dieses Tal setzte sich fort und vereinigte sich in der Nähe des Owastteichs mit der Intarn Bärnhaut.
Durch diese Seich führte von Poschetzau her ein Fußweg vorbei am Mastawenzls Wallerla durchs Neibauern über die Fuxlöcher in die Long Wies bis zur Spitzseich, wo er sich mit dem Weg nach Köstldorf vereinigte. Nach dem Neibauern Wallerla, noch vor den Fuxlöchern, kam man beim Gagelteich – er war in späteren Jahren trockengelegt – auf den Huhln Wech. Dort, wo dieser Weg den Ortsrand erreichte, lag der Hechtenteich.
Weitere Stationen auf dem Weg zur Dorfmitte waren der Dåvadn u da Gartner Huaf, ’s Kåpållal und der Kutscherberch. Am Ende dieses Weges erreichte man die Bruck iwan Booch.
Das Plätzchen zwischen Straße und Bach, abgeschlossen vom Wickn-Haus, Haus Nr. 24, war für meinen Onkel Erich die Dorfmitte, das Zentrum von Pechgrün, ein Ort, an dem Wege zusammenliefen und an dem man zwangsläufig innehielt, selbst wenn man nichts zu erledigen hatte.
„Das Plätzchen zwischen Straße und Bach … war für mich die Dorfmitte, das Zentrum von Pechgrün.“

Lage und Grundstück
Haus Nr. 24 lag zwischen Bach und Straße, in nordwestlich–südöstlicher Richtung, mit der Giebelseite in Richtung „lawas Dorf“. An der Grenze zum Grundstück vom Möhlfranken war es etwa 13 bis 14 Meter breit. Bis zur Brücke über den Bach, wo das Grundstück endete, war es rund 21 bis 22 Meter lang.
Unmittelbar an der Boochmauer, wenige Meter von der Brücke entfernt, stand im Vorgarten ein uralter Huulzbirnbaam (Holzbirnbaum). Nach dem Durchmesser seines Stammes zu schließen, war er weit über hundert Jahre alt. Er trug große Früchte, die aber genauso sauer schmeckten wie alle anderen Holzbirnen und eigentlich nur als Hutzel genießbar waren. Im Vorgarten standen außerdem zwei weitere Bäume; nach einem alten Foto zu schließen ein Birn- und ein Zwetschkenbaum.
Für eine Zeit gab es dort auch eine Schaukel – eine Schaukel, an die Erich sich zu erinnern glaubte, obwohl sie bereits 1924 abgebrochen wurde, also zu einer Zeit, als er kaum zwei Jahre alt war, eine dieser frühen Erinnerungen, von denen er selbst wusste, dass sie eher ein Gefühl als ein überprüfbares Bild waren, und gerade deshalb erwähnte er sie ausdrücklich.
Das Haus – Bau und Erscheinung
Das Haus war ebenerdig. In der Mitte der Längsfront befand sich im Dachgeschoss ein Erker. Ein Weinstock rankte zu diesem Erker hinauf und trug Jahr für Jahr Trauben, die sogar genießbar waren, auch wenn die Lese nicht ausreichte, um daraus einen Trollinger zu keltern.
Das Dach war weit überspringend und zunächst mit Dachpappe gedeckt. Lange nachdem der Anbau bereits stand, wurde das Dach des alten Hausteils mit Eternitschiefer gedeckt. Zu dieser Zeit wurde auch eine Blitzschutzanlage installiert.
Entlang der Vorderfront war ein schmaler Vorgarten angelegt. Eine Mauer, die bei der Scheune etwa 1,2 Meter hoch war, glich das Gefälle der Straße aus. Hinter dieser Mauer war Erde aufgefüllt, und am unteren Ende des Gartens stand ein Huulerstaun (Fliederbaum). Der Vorgarten hatte einen Zaun; die Latten waren grün gestrichen und hatten weiße Köpfe.

Innenräume
Im Haus befanden sich ein Laden mit Lagerraum, auch Magazin genannt, fünf Stuben und vier Kammerla (kleine Kammern). Der Laden war von der Straße her zugänglich, und die Aufteilung der Räume folgte weniger einem Plan als den Erfordernissen des täglichen Gebrauchs, sodass Wohn- und Arbeitsbereiche ineinandergriffen.
Das Haus war kein repräsentativer Bau. Die Räume wurden mehrfach genutzt, verändert, angepasst – je nach Bedarf der Bewohner, der Mieter und des Ladens.
Scheune und Lager
In der Verlängerung des Hauses war eine Scheune angebaut. Der First ihres Satteldaches reichte fast bis zum Fenster der Stube unter dem Giebeldach. Vor der Scheune lag ein kleines Plätzchen, das das Ausschwenken der Scheunentorhälften ermöglichte.
Im Frühjahr, kurz nach der Schneeschmelze, wurde dieses Plätzchen zum Spielplatz. Die Kinder der Nachbarschaft tschoppten und tschegerten dort mit Tschopper- und Tschegerkugeln, die nach langem Gebrauch ihre ursprünglich bunten Farben verloren hatten und schließlich nur noch ziegelbraun waren.
Im Stodl (Scheune) war das Heu für die Ziegen in einer Banzn und unter dem Dach untergebracht. Außerdem standen dort Fassla mit eingelegtem Sauerkraut und viel anderes Zeug: Schubkarren und Handwagen, mehrere Fahrräder, Säcke mit ungelöschtem Kalk und sogar ein Fass mit Teer, Dinge, die den Stodl zu einem Lager für alles machten, was man nicht täglich brauchte, aber griffbereit haben musste.
Zum Bach hin war die Scheune mit einem Schiebetor abgeschlossen. Dieses Tor lief auf einer Eisenschiene; in ihm war ein kleines Stodltürl eingesetzt.
Hof, Schüppla und Bach
Hinter dem Haus, entlang des Bachs, befanden sich vier Schüppla (kleine Schuppen) und eine offene Remise als Lagerplatz für leere Kisten und anderes Gerümpel. Unter dem Dach dieser Remise waren Taubenschläge eingebaut; Tauben wurden in späterer Zeit jedoch nicht mehr gehalten, auch wenn die Einrichtungen noch lange sichtbar blieben.
Zwischen den Schüppla und der Remise befanden sich überdachte Stafferla (Stufen) hinunter zum Wåssaluach (Wasserlauf) mit der Weja. Der Hinterhof war schmal und fiel zum Miesthaffn (Misthaufen) hin ab. Längs der Schüppla bis zum Misthaufen war er mit Kopfsteinen gepflastert.
Granitplatten bildeten den Zugang von der Remise zum Stodltürl und grenzten zugleich den Misthaufen ab. Zwischen Remise und dem Zaun des Nachbargrundstücks zog sich eine etwa 50 cm breite Mauer, die den Misthaufen vom Bach trennte. Der Wasserspiegel lag dort rund zweieinhalb Meter tiefer.
Hinter der Scheune und dem Nachbargrundstück gab es einen Durchlass, der so breit war wie das überspringende Dach.
Der Anbau von 1924
Im Jahr 1924 entstand der Anbau mit dem neuen, größeren Laden. Dieser stand quer zum alten Haus und war einstöckig. Im ersten Stock über dem Laden gab es ein Wohn- und ein Schlafzimmer.
Um Licht in die neu gestalteten Räume zu bringen, mussten auf der Vorder- und Rückseite des Daches am Anbau je ein Erker aufgesetzt werden. Die frühere Stube im Dachgeschoss der Giebelseite wurde halbiert, und die Kammerla wurden in die neuen Räume einbezogen.
Nach dem Umbau gab es im Obergeschoss sechs Wohn- und Schlafräume und nur noch zwei Kammerla. Der Garten an der Straße wurde bis zur neuen Ladentür vorgezogen. Ein Zaun von der Ladentür bis zur Brücke über den Bach schloss die Einfahrt zum Hinterhof ab. In der Ecke bis zum Bach und den Schüppla wurde die Asche gesammelt, bis sie im Winter als Dünger auf die Wiesen gestreut wurde.
Der Laden – Lage und Funktion
Der Laden lag dort, wo sich Bach und Straße trennten und sich weiter unten im Dorf noch einmal für einige Meter vereinten. Der Bach bog zur Bärnhaut nach Poschetzau ab, die Straße führte hinauf nach Chodau. Diese Lage machte den Laden zu einem natürlichen Mittelpunkt, an dem man nicht nur einkaufte, sondern stehen blieb, wartete, ein paar Worte wechselte, hörte, wer unterwegs war und wer fehlte.

Josef Fellner – der Anfang
Gegründet wurde der Laden von Josef Fellner, dem „Wickn Seff“. Er war gelernter Kapsldreher, eine harte Arbeit, die er nicht bis ins Alter ausüben wollte. Zunächst führte er einen Laden im Haus Nr. 65. Später gelang es ihm, das Grundstück zwischen Straße und Bach, Haus Nr. 24, zu erwerben – ein Grundstück, das zuvor der Scherbaum-Sippe gehört hatte und abgebrannt war, und das durch seine Lage erst zum eigentlichen Mittelpunkt des Dorfes werden konnte.
Vom Fellner- zum Heinzl-Laden
Josef Fellner heiratete Berta Heinzl, eine Pflegetochter des Steinmetzmeisters Dürrschmidt (Wiggn) aus Neuhäuser Nr. 2. Die Ehe blieb kinderlos; adoptiert wurde schließlich Frieda, eine uneheliche Tochter von Fellners Schwester Berta. Frieda Fellner wurde später ein Paar mit Adolf Heinzl, aus dem Hanrich Adolf wurde der Wickn Adolf, und aus dieser Verbindung gingen vier Kinder hervor: Traudl, Erich, Gretl und Pepp, die im Dorf als die Wickenkinder bekannt waren, während der Laden im Sprachgebrauch vieler weiterhin der Fellner-Laden blieb.

Bewohner des Hauses
Haus Nr. 24 war kein Einfamilienhaus. Neben den Ladenleuten lebten hier über die Jahre viele andere Menschen, unter ihnen der pensionierte Bergarbeiter Ludwig Glöckner mit seiner Frau Berta, die d’Ludwiche genannt wurde, außerdem Pfaa Korl und die Kutscher Berta (Lohwasser), die jeweils eine Stube mit Kammerl bewohnten, sodass das Haus zu unterschiedlichen Zeiten von mehreren Haushalten gleichzeitig genutzt wurde.
Um 1930 zog der Siehr Wenzl mit seiner Frau Mina und den Töchtern Herta und Traudl ein. Nach einem großen Streik war er arbeitslos geworden und übernahm schließlich den Posten seines Vaters als Nachtwächter bei der Firma Haas & Czischek in Chodau und Schlaggenwald. Sein großes Hobby war die Vogelstellerei; in seiner Stube hingen mehrere Vuaglsteign (Vogelkäfige) mit Hamflingen (Hänflingen), Stülitzn (Stieglitzen), Grünesn (Kreuzschnäbeln) und sogar einigen Schwarzplattla (Mönchsgrasmücken), und besonders stolz war er auf seinen Möhlwurmkåstn, in dem er die Würmer für diese Vögel züchtete.
Arbeit und Alltag im Haus
Zum Laden gehörte Arbeit von früh bis spät. Erna, genannt d’Booch Erna, besorgte beim Wickn Seff den Haushalt; ihr Arbeitstag begann auch sonntags um sechs Uhr früh. Sie kam als sehr junges Mädchen in den Dienst und blieb bis zur Vertreibung. Sie war eine geborene Heinzl, heiratete später Emil Weigent aus Granesau und ließ sich wieder scheiden, was sie zur ersten geschiedenen Frau in Pechgrün machte, ein Umstand, der im Dorf nicht übersehen wurde und den Erich ausdrücklich erwähnt.
Haus Nr. 24 war dicht belegt. Man begegnete sich auf der Treppe, im Gang, im Hof, beim Gang zum Bach oder im Laden. Wohnen, Arbeiten und Leben griffen ineinander.
Alltag
Der Alltag bestand aus Wiederholung. Türen wurden geöffnet und geschlossen. Dinge wurden aus dem Stodl geholt und wieder zurückgestellt. Kinder spielten vor der Scheune. Erwachsene gingen in den Hof, trugen, lagerten, holten Wasser, kehrten zurück in den Laden oder in die Stuben.
Nichts davon war außergewöhnlich. Gerade deshalb blieb es in Erinnerung.
Zur späteren Geschichte: Der Kolonialwarenladen im Haus Nr. 24 bestand auch nach 1945 noch für einige Jahre. Nach der Vertreibung der deutschen Bevölkerung ging das Haus in tschechische Verwaltung über; der Laden wurde zunächst weitergeführt, jedoch später eingestellt. Das Gebäude wurde in den folgenden Jahrzehnten im Zuge des Tagebaus zerstört.