Haus Nr. 56

Das Kreuzerhaus am „Kutscherberch“

Haus Nr. 56 lag am oberen Abschnitt des Weges nach Neurohlau, an einem sanften Hang, der im Dorf als „Kutscherberch“ bezeichnet wurde. Es war kein großer Hof, sondern ein kleines Wohnhaus am Rand des dörflichen Gefüges, dort, wo sich Dorf, Hang und die angrenzenden Wiesen berührten. Unmittelbar neben dem Haus lag ein kleines Birkenwäldchen, das im Dorf „Nazns-Birkla“ genannt wurde – der Birkenwald des Ignaz Rossmeißl.

Haus Nr. 56 in Pechgrün – rekonstruiertes Gemälde nach historischer Vorlage
Haus Nr. 56 (Kreuzerhaus) am „Kutscherberch“. Rekonstruiertes Gemälde nach einer historischen Aufnahme.

In den Erinnerungen meines Onkels wird das Haus durchgehend als Kreuzerhaus bezeichnet. Gleichzeitig wird Ignaz Rossmeißl um 1900 als Besitzer des Hauses Nr. 56 genannt. Diese beiden Angaben widersprechen sich nicht, sondern lassen sich zeitlich klar einordnen.

Ignaz Rossmeißl, der aus Sponsel stammte, war Hausbesitzer bis zu seinem Tod im Jahr 1907. Bereits ein Jahr später, 1908, heiratete Franz Kreuzer seine Tochter Maria Rossmeißl. Mit dieser Heirat zog Franz Kreuzer in das Haus ein und wurde zur prägenden Figur des Haushalts. In der dörflichen Wahrnehmung ging der Hausname damit vom Rossmeißl-Haus zum Kreuzerhaus über.

Diese Verschiebung von Namen ist typisch für Pechgrün. Hausnamen orientierten sich weniger an Eigentumsverhältnissen als an den Menschen, die dort lebten, arbeiteten und sichtbar waren. Familiennamen, Hausnamen und Ortsbezeichnungen überlagerten sich und konnten sich über Generationen hinweg fortsetzen, selbst wenn die betreffenden Personen längst ausgezogen waren.

Besonders deutlich zeigt sich das am Namen Kutscher. Der „Kutscherberch“ gab einer Frau den Namen Kutschermare, und ihre Kinder wurden im Dorf nicht als Rossmeißl-Kinder, sondern als Kutscherkinder bezeichnet. Diese Bezeichnung blieb so stark, dass sogar die nächste Generation sie weitertrug: Elisabeth, die Tochter von Margaretha Rossmeißl – später Margaretha Bauer – wurde im Dorf Kutscher-Liesl genannt, obwohl sie selbst nicht mehr auf dem „Kutscherberch“ lebte.

Für Claus ist Haus Nr. 56 von besonderer Bedeutung. Margaretha Rossmeißl, die Großmutter von Claus, wurde hier im Jahr 1893 geboren. Ihre Eltern, Ignaz Rossmeißl und Ottilie geb. Löbl, lebten in diesem Haus. Margaretha heiratete später Karl Bauer aus Voigtsgrün, und aus dieser Verbindung ging ihre Tochter Elisabeth Bauer hervor – die Mutter von Claus.

Dass wir an diesem Ort eine Gedenktafel aufgestellt haben, hat daher nichts mit einer idealisierten Vorstellung von einem Haus zu tun. Es ist der Versuch, einen biografischen Ursprung sichtbar zu machen. Das Kreuzerhaus, das Rossmeißl-Haus, das Haus am „Kutscherberch“ – wie immer man es nennen will – war ein Ort, an dem Leben begann und von dem Linien ausgingen, die bis in die Gegenwart reichen.