Kapelle

Pechgrüner Dorfkapelle

Die Pechgrüner Kapelle – Aquarell von Karl Redelbach (1964)
Die Pechgrüner Kapelle. Aquarell von Karl Redelbach, 1964.

Die Pechgrüner Kapelle war nicht der Mittelpunkt des Dorfes. Sie lag abseits, in der äußersten südlichen Ecke des sogenannten Gartner-Anwesens, am Weg hinunter zum Hechtenteich. Gerade diese Randlage prägte ihren Charakter: kein repräsentativer Bau, sondern ein stiller Ort, der zum Dorf gehörte, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.

Die Kapelle entstand im 18. Jahrhundert. Sie wurde von der Familie Haberditzl vom Bauernhof Nr. 7 errichtet und gepflegt, auf deren Grundstück sich die Kapelle befand. Über ihr Aussehen und ihre Bedeutung im dörflichen Alltag berichtet mein Onkel Erich Heinzl in seinen Erinnerungen an Pechgrün:

Die Pechgrüner Kapelle war nicht der Mittelpunkt des Dorfes. Sie war im 18. Jahrhundert auf dem Grundstück des Stifters erbaut worden und stand in der äußersten, südlichen Ecke des »Gartner Anwesens« am Weg zum »Hechtenteich«. Es war ein schmuckloser, einfacher Bau mit Satteldach und Dachtürmchen, in dem eine hellklingende kleine Glocke hing, die dann geläutet wurde, wenn im Dorf jemand gestorben war. An beiden Seiten der Kapellentür gab es eine steinerne Bank. Wilder Wein rankte am Gemäuer bis zum Türmchen empor.
— Erich Heinzl

Die Glocke der Kapelle wurde im Jahr 1827 in Eger (Cheb) gegossen, wie die Inschrift „Gegossen in Eger 1827“ belegt. Die Inschrift wird durch ein Relief getrennt, das wahrscheinlich den heiligen Wenzel, den Schutzpatron der böhmischen Länder, darstellt. Die Originalglocke konnte rechtzeitig vor der Zerstörung des Dorfes geborgen werden.

Heute hängt an der Gedenkstätte am neu entstandenen Badesee Bílá Voda (Weißwasser) eine Kopie dieser Glocke. Der Ort liegt unterhalb der Halde; im Hintergrund erhebt sich die aufgeschüttete Landschaft. Zwischen den beiden hoch aufragenden, stimmgabel-förmig auseinanderlaufenden Stämmen eines gewachsenen Baumes, überdacht von einem kleinen Dach, ist die Glocke aufgehängt und wird bei Gedenkfeiern geläutet. Kreuz und Glocke bilden dort einen neuen Ort des Erinnerns.

Dass die Kapelle hier erscheint, hängt auch mit unserer eigenen Erinnerungspraxis zusammen. Als Claus und ich begonnen haben, Gedenktafeln auf der Halde für das verschwundene Pechgrün aufzustellen, war die Kapelle die erste und wichtigste Tafel. Sie stand nicht im Mittelpunkt des ehemaligen Dorfes, wurde aber zum Mittelpunkt unserer Gedenktafeln. Diese erste Tafel war bewusst besonders gestaltet: kreuzförmig, mit einem kleinen Dach – als Zeichen dafür, welche Bedeutung die Kapelle für uns hatte.

Erste Gedenktafel für die Pechgrüner Kapelle am Hang der Halde
Erste Gedenktafel für die Pechgrüner Kapelle am Hang der Halde. Foto: Udo Dengler, 2025.

Von der Kapelle selbst ist nichts geblieben. Doch in Bildern, Erinnerungen, in der Glocke – und in den Zeichen des heutigen Gedenkens – ist sie weiterhin präsent.