Da Wickn Seff

Josef Heinzl (1870–1939), Ladenbesitzer in Pechgrün und „Vådda“ einer ganzen Familie

Erich Heinzl · Aus: Pechgrün – Geschichte und Erinnerungen, Band 3 (1998).


Anmerkung zu den auf dieser Seite gezeigten Bildern:
Die hier gezeigten Fotografien beruhen auf stark beschädigten bzw. qualitativ eingeschränkten Vorlagen (verwaschen, unscharf, teils zerkratzt). Sie wurden digital restauriert; in besonders beeinträchtigten Partien erfolgte eine behutsame Rekonstruktion fehlender Details. Ziel war keine Veränderung des Motivs, sondern eine möglichst stimmige Annäherung an den ursprünglichen Bildeindruck.

Er war ein herzensguter Mensch, sehr großzügig, oft zu großzügig. Diese Eigenschaft wurde von vielen gewissenlosen Mitmenschen schamlos ausgenützt. Wie ich jetzt erst erfahren habe, sei er in seinen jungen Jahren ein lustiger, immer freundlicher Mann gewesen.

Dieser "Wickn Seff" war unser Großvater. Wir Kinder sagten "Vådda" zu ihm, obwohl er nur der Onkel unserer Mutter gewesen war. Er adoptierte unsere Mutter und wir lebten in seinem Haushalt bis zu seinem Tode im September 1939. Es gab kein Ereignis in meiner Kindheit, das mir hilft, mich an den Zeitpunkt zu erinnern, von wo an mir bewußt wurde, wann er in mein Leben trat. Er war soweit ich zurückdenken kann, immer schon da. Seine Fürsorge für uns Kinder war so groß, daß ich sie als lästig empfand, weil ich glaubte, sie behindere mich in meiner Freiheit.

Geboren am 23.September 1870, wuchs er mit drei Schwestern und einem Bruder in bescheidenen Verhältnissen auf. Er erlernte den Beruf eines Kapseldrehers. Kapseldrehen war eine der anstrengendsten Arbeiten bei der Porzellanherstellung (Kapseln sind schwere, runde Behälter aus Schamotte, in denen das Porzellan bei mehr als 1400 Grad Hitze zum ersten Mal gebrannt wurde). Er war verheiratet mit Berta Heinzl, leider verstarb sie schon sehr, sehr jung. Danach lebte er mit der Schwester seiner verstorbenen Frau in einem eheähnlichen Verhältnis bis kurz vor seinem Tode.

Um die Jahrhundertwende begann er einen Handel mit Gemischtwaren, anschließend war er Leiter der Pechgrüner Filiale des Konsumvereins Chodau-Graslitz, um sich nach wenigen Monaten wieder selbständig zu machen. 1906 baute er das Haus Nr. 24 auf dem Grundstück der Pflegeeltern seiner Frau Berta. Das alte Haus mit der Nr. 24 war abgebrannt, deshalb bekam das neue Haus die alte Nummer, die bereits Jahrzehnte früher vergeben worden war. 1924 vergrößerte er das Anwesen durch einen Anbau für den neuen, größeren Laden.

Der Wickn Lo(d)n vor dem Anbau 1924
Haus Nr. 24 in Pechgrün – der „Wickn-Lodn“ vor dem Anbau von 1924.

Er stand morgens als erster auf und war am Abend der letzte, der ins Bett ging. In den Abendstunden legte er ein paar "Nätzer"(Nickerchen) als Verschnaufpausen ein, bevor er sich endgültig zum Schlafen hinlegte. In seinen jungen Jahren reparierte er Uhren, es war sein Steckenpferd. Die Tischschublade, in der er die Werkzeuge für diese Arbeiten aufbewahrte, war für mich eine Fundgrube. Sport war für ihn ein Fremdwort, er konnte weder radfahren noch schwimmen.Er besuchte auch keine Sportveranstaltungen, aber er war aktives Mitglied bei der freiwilligen Feuerwehr.Offiziell gehörte er keiner Partei an, war aber im Herzen ein überzeugter Sozialdemokrat. Er war nicht nur Freidenker (er gehörte keiner Religionsgemeinschaft an), er war auch ein entschiedener Gegner der Henlein Partei, die in den 30er Jahren in Pechgrün sehr an Bedeutung gewonnen hatte und bei den letzten Parlamentswahlen in der Tschechei die stärkste Partei, nicht nur im Dorf, sondern sogar in der ganzen Republik war. Im 1.Weltkrieg war er lange Zeit Gemeinde Vorsteher, weil er als 44jähriger nicht mehr einzurücken brauchte.

Als Geschäftsmann förderte er den Turn- und die Gesangvereine, genauso wie die Feuerwehr. Von Parteispenden habe ich nie etwas gehört. Bei vielen Familien war er der "Pootherr" (Pate) mindestens eines Kindes; für die übrige Kinderschar war er der "Wicknvette", obwohl keine verwandtschaftlichen Verhältnisse bestanden.

Der Wickn Seff schon etwas älter
Josef „Wickn Seff“ Heinzl in späteren Jahre.

Er war kein großer Mann, aber er war kräftig und konnte Lasten bis über 100 kg bewegen und schwere Säcke tragen. Früher wurden die Waren nicht in handlichen Paketen angeliefert, sondern in zentnerschweren Säcken oder Kisten. Seine Haare waren in seiner Jugend vermutlich dunkel, ich kannte ihn nur mit grauen Stehhaaren, auch sein Oberlippenbart mit hochgedrehten Enden war in meiner Kindheit schon weiß. Seine Kleidung war bescheiden, heute würde ich sogar meinen, sie war dürftig. Er trug ständig eine sogenannte "Schiebermütze", die er nur zum Essen vom Kopf nahm. Ging er sonntags einmal in ein Gasthaus, was selten genug vorkam, dann trug er einen schwarzen Hut zum schwarzen Sonntagsausgehanzug. In den 30er Jahren hatte ihn der Frankenschneider zu einem braunmelierten Tweedanzug überredet, er hat ihn kaum einmal getragen. "Unta da Woch", womit werktags gemeint war, trug er eine graue oder braune Hose aus Mänschester, einer strapazierfähigen Stoffart, dazu ein "Leiwl" (Weste) über einem aus ungebleichter Leinwand mit aufgesetzter, oft kleingeblümter oder gestreifter Brust. Das Hemd hatte ein kleines Stehkrägelchen, auf das ein steifer, glanzgebügelter Kragen aufgesetzt werden konnte, was allerdings recht selten passierte, es sei denn, daß er plötzlich auf ein Amt oder zu einer Beerdigung mußte. In den Monaten mit einem "R" im Namen, trug er eine Strickjacke über dem "Leiwl". Wenn er volle Mehlsäcke schleppen mußte, zog er einen Salzundpfefferarbeitsmantel über, der immer griffbereit an der Tür zum "Magazin" (Lagerraum) hing. Wenn er Säcke mit Kartoffeln in den Keller tragen mußte, stülpte er einen leeren Jutesack über Kopf und Rücken; er sah dann aus wie ein Kapuziner. Ganz selten sah man ihn mit einem "Listerrickla" einem Sommerjanker aus Lüsterstoff. Im Laden und im Haus waren Sandalen, leichte Lederschuhe mit einem Riemen über den Spann, das gebräuchliche Schuhwerk.

Das Essen, welches er schätzte, war einfach, man kann es getrost als spartanisch bezeichnen. Auch in der Zeit, nachdem er es schon zu einigem Wohlstand gebracht hatte, blieb er bei seiner einfachen und bescheidenen Art zu leben. Zum Frühstück gab es Tag für Tag "Aa(n)brockts", Schwarzbrot in Kaffee aus gebranntem Roggen und Zichorie hineingebrockt.Mittags aß er, was die übrige Familie auch bekam. Weil er sehr sparsam, nicht geizig war, fiel das Mittagessen auch nicht opulent aus. Das erste Frühstück wurde schon sehr früh am Morgen eingenommen, deshalb gab es vormittags noch einmal "Aa(n)brockts", ganz selten einmal eine Semmel zum Kaffee oder gar eine "M(ü)lchsuppm" (Schwarzbrotschnitten in gesalzener, warmer Milch). Ein großer Topf mit Kaffee stand immer "aafn Hoofn" (Schiff im Küchenherd), der stets nur lauwarm war, aber so wurde er eben zwischendurch getrunken. Am Abend aß der "Vådda" als einziger eine "Wässasuppm", geschnittenes Schwarzbrot wurde mit heißem Salzwasser überbrüht und mit "Maggi" abgeschmeckt. Manchmal aß er "Schüllaea(r)döppl" (Pellkartoffel) mit Salz und etwas Margarine, dann und wann auch einmal einen Salzhering zu den Kartoffeln. Wenn es ihm nicht gut ging, richtig krank war er eigentlich nie, dann mußte "Bejasuppm" her. Ein Ei war in warmes Bier gequirlt, es muß schrecklich geschmeckt haben! Schon vom Anblick dieser Biersuppe konnte einem schlecht werden, doch sie half dem "Vådda" wieder auf die Beine. Rauchen tat er auch; keine Zigaretten auch nicht Pfeife. Er rauchte "Ziehgaan". Jeden Sonntagvormittag mußte ich, ehe ich von ihm mein Sonntagsgeld (50 Heller) bekam, in der Trafik 2 "Kurze" (Stumpen) oder 2 "Potrigga" (Porto Rico war die richtige Sortenbezeichnung) einkaufen. Sie waren gleich teuer oder wenn man will gleich billig, das Stück kosteten 50 Heller, dafür bekam man damals 50 Gramm der billigsten Fleischwurst. Eine dieser "Ziehgaan" rauchte er im Laufe des Sonntag, die zweite auf Raten an den folgenden Wochentagen. Am Abend nach getaner Arbeit saß er auf unserer alten "Loon" (Lade) unterhalb der Wanduhr und rauchte bis er im Sitzen einschlief, was zur Folge hatte, daß die "Kurze" oder die "Potrigga" ausging. Am nächsten Abend wurde dieser Stummel wieder angezündet und am Samstagabend hatte er schon beträchtliche Schwierigkeiten den Zigarrenrest in Brand zu bekommen, ohne seinen Schnurrbart zu entflammen. Bier trank er auch nur einmal in der Woche. Am Sonntag, nach dem Mittagessen gab es eine Halbe "Schwarzes", welche beim Nachbarn gekauft wurde, der einen Flaschenbiervertrieb unterhielt. Sonntags, auch wenn er nicht ausging, zog er seinen schwarzen Anzug an; den "Ruack" (Kittel) ließ er allerdings im Schrank. Von der Knopfleiste der Weste bis zum "Leiwltaschia" spannte sich eine goldene Kette, an deren Ende eine goldene Taschenuhr hing.

Urlaub oder Kur waren Fremdwörter für ihn, obwohl er als aktiver Feuerwehrmann Anspruch auf einen kostenlosen Aufenthalt in einem Kurheim des Feuerwehrverbandes in Teplitz oder gar in Bad Trentschin in der Slowakei gehabt hätte. Er war unabkömmlich, denn Haus und Geschäft konnte er nicht allein lassen. Nach seiner Meinung wäre alles zusammengebrochen, wäre er auch nur einen Tag von zuhause weggewesen. Selbst Geschäftsreisen ins 40 km entfernte Eger waren für ihn unvorstellbar.

Es gab Arbeiten im Haus und Geschäft, die nur der"Vådda" erledigen konnte, selbst mein Vater durfte solche nicht ausführen. Dazu gehörten: "Krautanhuawln","Sirupfaßl oa(n)stechn", "Pipm" in die Schnapsfässer schlagen oder gar Zuckerhüte zerschlagen d.h. "Gänzn Zucker" portionieren. Das Sauerkraut vom "Wickn Seffn" war weit über die Grenzen des Dorfes hinaus weit und breit bekannt. Im Herbst kamen die "Scheffer Krautbauern" und brachten Wagenladungen Häuplkraut (Krautköpfe). An einem Sonntag danach wurde das Kraut eingemacht. Helfer und Helferinnen waren nötig, um Hilfsarbeiten zu verrichten, wie: Krautputzen, Krautköpfe zureichen, Kraut in die Fässer füllen und stampfen bis sich die "Krautsuppm" zeigte und die Krautschneidemaschine mit Muskelkraft in Betrieb halten. Das Kraut an die Schneidemesser halten und schneiden durfte nur der "Seff". Wochen vorher wurden die Fässer im Bach "aa(n)teicht". Wenn die Faßdauben, die den Sommer über ausgetrocknet waren, wieder richtig aufgequollen waren, wurden die Fässer gereinigt und mit viel heißem Wasser ausgebrüht. Auch diese Arbeit verstand nur der "Vådda". Am "Aa(n)huawlsunnta", wenn alle Helfer da waren, begann die Sauerkrautfabrikation. Zwei kräftige Männer kamen an die Kurbel der Krautschneidemaschine, die über Zahnräder eine schwere Eisenscheibe mit vier Hackmessern in Schwung brachte.Dann ging das Schneiden los. Krautkopf nach Krautkopf wurde zerhackt. Das geschnittene Kraut fiel in einen Kasten mit einem "Schiebetürl". War dieser Kasten voll,wurde das Kraut auf eine Tischdecke, die auf den Tennenboden ausgebreitet war, herausgenommen und in die Fässer geschüttet. Jetzt kam die Expertenarbeit, das Salzen. Da Vådda hatte schon ein Gemisch aus Salz und Kümmel vorbereitet und wenn die Kurbler eine Verschnaufpause brauchten, konnte der Meister in aller Ruhe das geschnittene Kraut salzen. Danach traten die Stampfer in Tätigkeit, die mit hölzernen Krautstampfern und Hackenstielen solange stampfen mußten, bis sich die Krautsuppm zeigte, erst dann kam die nächste Lage frisch geschnittenes Kraut dazu. Waren die Fässer voll, wurde das Kraut mit Leinwandtüchern abgedeckt, darauf kam ein Deckel aus Holz, der in die Faßöffnung paßte und wurde mit einem schweren Stein belastet. Im Verlauf des Gärprozesses mußten die Leinwandtücher wiederholt gewechselt werden. All die Vorarbeiten und die Nachbehandlung des Krautes besorgte der "Vådda" immer ganz allein. Am Nachmittag des "Aa(n)huawlsunnta" waren 15 bis 20 Hundertliterfässer mit Kraut gefüllt. Zum Abschluß gab es frischen Krautsalat, der von unserer "Erna" zubereitet war.

Sonntags durften die Läden nicht geöffnet sein, obwohl es damals noch kein Ladenschlußgesetz gab. Diese Vorschrift galt nicht für unseren "Vådda". Er verkaufte an jede Kundin, die behauptete, daß sie bei ihrem Samstagseinkauf etwas vergessen habe. Dieser Kundenverkehr lief über den Hintereingang. Da man auf diesem Wege nur durch die Wohnküche in den Laden kommen konnte, hatte es unsere "Erna" schwer, das Sonntagsessen fertigzubekommen. Weil die Wellblechrollos kein Licht in den Laden ließen, öffnete er einen solchen zur Hälfte, denn "s' Elektrische" war teuer. In diesem Halbdunkel war der Laden oft gerammelt voll. Es kamen oft mehr Frauen zum Einkaufen am Sonntag als an manchen offenen Wochentag. Dies kam auch daher, weil der "Vådda" allein bedienen mußte, denn das Verkaufspersonal hatte ja an Sonntagen frei. Als ich dann Stift war, hatte der "Seff" sonntags eine Hilfe, ich mußte auf Weisung unserer Mutter meinen freien Sonntagvormittag opfern.

Einen weiteren Verstoß gegen das Ladenschlußgesetz beging er abends nach 8 Uhr. Zudem übertrat er dabei auch noch eine Verordnung über den Ausschank alkoholischer Getränke.Die Nachmittagsschicht der Bergleute und "Schlämmerer" war um 22 Uhr beendet und bis diese nach Pechgrün kamen, war es inzwischen 23 Uhr geworden.

Um diese Zeit begann dann "Vådda' s" Spätschicht. Die "Schlämmerer" aus Pechgrün und solche vom "Gbirch" (Köstldorf, Kofl, Schwarzebach und Tierbach) kehrten, bevor sie ihren beschwerlichen Heimweg antraten - jeder hatte noch zwei "Knüppel Bruchholz" im Rucksack - noch schnell auf einen "Weißn" beim "Seffn" ein. Als 1930 während der Weltwirtschaftskrise, Schlämmerereien und Bergwerke ihren Schichtbetrieb einstellten und die Arbeitslosigkeit überhandnahm, ist dieser Nachtbetrieb zum Ruhen gekommen.

"s'Bejchl" war für viele Kunden eine sehr bequeme Einrichtung zum Schuldenmachen. Anderen verhalf es zum Einkauf während der Woche, um nach dem Zahltag am Samstag den Ausgleich vorzunehmen. Im buchhalterischen Sinne war es ein Hauptbuch, in dem für jeden Kunden ein Konto geführt wurde. "' s Aa(n)kaffbejchl" war ein Notizheft, das dem Kunden als Kontrolle diente und die gleichen Eintragungen enthalten mußte wie das Hauptbuch. Diese Art der Kreditaufzeichnung war sicher auch andernorts üblich, aber "s'Bejchl" vom Seffn war sehenswert, nicht der einzelnen Kontostände wegen, sondern die Art der Führung war bemerkenswert. War eine Kontoseite voll und der Saldo ausgeglichen, dann wurde das Blatt überklebt. Manche Seiten waren schon millimeterdick und man konnte schon an der Seitendicke erkennen, wer der Kontoinhaber war.

Daß es ihm dank seines Fleißes und seiner großen Arbeitsleistung wirtschaftlich besser ging als den meisten Pechgrünern, das konnte und wollte der "Vådda" nicht zeigen oder gar damit angeben.Er war und blieb bescheiden. Deshalb konnte er es nicht ausstehen, wenn wir Kinder mit einem bestrichenen Brot, mit einem Apfel oder gar mit einer "Oranze" - so sagte er, wenn er sich gewählt ausdrückte - "aaf d' Gäß" wollten. Ganz schlimm war es für ihn, wenn wir gar mit einem "Zuckastickla" bei anderen Kindern renomieren wollten.

Von einer Begebenheit muß deshalb erzählt werden: Eine im rechten Winkel stehende "Pu(ad)l" (Ladentisch) trennte den Verkaufsraum in zwei Reviere. Vor der Pu(ad)l warteten die Kundinnen, dahinter betätigte sich das Personal. Ein Durchlaß verband diese beiden Teile. Am Ende des Ladentisches, dort wo der Durchlaß war, gab es einen Schaukasten für Süßigkeiten. Dieser Kasten war recht ungeschickt gestaltet, denn die potenziellen Kunden, die Kinder, konnten die im Kasten ausgestellten Süßwaren nicht einsehen. Zwei Klappen, die nach oben zu öffnen waren, sollten den illegalen Zugriff unbeaufsichtigter Kinder verhindern. Wenn also die Luft rein war, konnte man im Vorbeigehen schon einmal in diesen Kasten greifen und eine kleine Süßigkeit stibitzen: Meine Schwester Traudl, sie war vielleicht 6 oder 7 Jahre alt, wähnte sich unbeobachtet und bediente sich im Vorbeigehen und wollte mit ihrer Beute durch die Ladentür "aaf d' Gäß". Sie war jedoch nicht unbeobachtet. "Da Vådda" hatte ihr zugesehen und als sie den Laden verlassen wollte, versuchte er, sie daran zu hindern und wollte sie festhalten. Sie konnte durch Flucht sich dem Zugriff entziehen und rannte barfuß ums Haus herum, um sich durch den Hintereingang in Sicherheit zu bringen. Das Unheil nahm seinen Lauf und die Strafe folgte buchstäblich auf dem Fuße. "Da Vådda", damals noch keine 60 Jahre alt, war dicht hinter ihr als er durch einen gellenden Schmerzensschrei in seiner Verfolgungsjagd gestoppt wurde. Die Erna, der gute Geist unserer Familie, hatte für das Mittagessen Apfelreis vorgesehen. Um den Reisauflauf nicht so heiß auf den Tisch zu bringen, wie er aus dem Backrohr kam, hatte sie die Pfanne zur schnelleren Abkühlung auf die kalten "Plattla" (Fließen) im Hausflur gestellt. Die Traudl, den Großvater im Nacken, war vor Angst halb blind und trat mit ihrem bloßen Fuß in den heißen Auflauf. Mit dicken Brandblasen am Fuß mußte sie vom Feuerwehrsanitäter verarztet werden. Obwohl da Vådda im Recht war, litt er vermutlich mehr an den Folgen dieser Jagd als meine Schwester.

Wenn unsere Eltern zu einem Ball oder ins Theater des Turnvereins, bzw. eines der Gesangvereine gingen, dann war der "Vådda" Babysitter. Damals sagte man allerdings, er habe "Kinna g' hejt". Es war in der Nachweihnachtszeit, erzählte man, denn die "Weihnachtsgrippm" war noch im Herrgottswinkel der "Stuum" aufgebaut, als ich nicht schlafen wollte, weil die Eltern ausgegangen waren. Der Vådda mußte für mich die Hirten und Schäfchen, die 3 Heiligen aus dem Morgenlande, den "Ox uu an Iasl" aus dem Stall von Bethlehem von der Krippe herunterholen, er mußte sich zu mir auf den Fußboden legen und Geschichten erzählen. Wenn er mich auch damit nicht beruhigen konnte, dann setzte er sich zusammen mit mir vors offene "Uafaluach" und zündelte mit feinen "Sprietzalan", bis ich endlich einschlief. Er duldete es auch, daß ich bei solchen Gelegenheiten dicke Nägel zwischen die Fußbodenbretter der "Stuum" geschlagen habe.

Als er kurz nach Ausbruch des 2. Weltkrieges an einer Lungenentzündung gestorben war, erfuhren und erkannten wir, welch wertvollen Menschen wir verloren hatten.

Der Wickn Seff als junger Mann
Josef Heinzl als junger Mann, um 1902.