Erich Lill erinnert sich
Ein Zeitzeuge erzählt von Kindheit, Krieg und Vertreibung
Als Erich Lill am 14. September 1927 im benachbarten Kösteldorf geboren wurde, ahnte niemand, wie tiefgreifend sich seine Heimat in den folgenden zwei Jahrzehnten verändern würde. Obwohl er nie in Pechgrün wohnte, war das Dorf ein fester Bestandteil seines Alltags. Sein Vater arbeitete im Kaolinbergwerk bei Poschetzau, und schon als Kind brachte Erich ihm regelmäßig das Mittagessen. Dafür legte er einen für ein Kind ungewöhnlich langen Fußweg zurück. Später führte ihn sein täglicher Schulweg sogar noch weiter zur Bürgerschule in Chodau.
Die beiden im Jahr 2025 aufgezeichneten Video-Interviews bewahren die Erinnerungen eines der letzten Zeitzeugen, die das Leben im westlichen Egerland vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs noch aus eigener Anschauung schildern können. Diese Seite ordnet Erich Lills Erinnerungen in ihren historischen Zusammenhang ein und ergänzt die beiden Gespräche durch Karten, Fotografien und Hintergrundinformationen.
Die Karte verdeutlicht, weshalb Pechgrün für Erich Lill weit mehr war als ein Nachbarort. Sowohl der Weg zum Kaolinbergwerk als auch sein späterer Schulweg zur Bürgerschule in Chodau führten ihn täglich durch Pechgrün. Über viele Jahre gehörte das Dorf so ganz selbstverständlich zu seinem Alltag.
Erich Lill wuchs auf einem kleinen landwirtschaftlichen Anwesen auf. Seine Eltern Josef und Maria bewirtschafteten den rund fünf Hektar großen Hof, auf dem neben Feldarbeit auch die Imkerei eine wichtige Rolle spielte. Während der Vater ab 1940 Wehrdienst leisten musste, trugen Mutter und Sohn gemeinsam die Verantwortung für Hof und Bienenvölker. Schon als Jugendlicher lernte Erich, Verantwortung zu übernehmen – eine Erfahrung, die seinen weiteren Lebensweg prägen sollte.
Im Juli 1943 begann Erich Lill seine Forstlehre im Raum Tetschen. Nur wenige Monate später wurde auch seine Ausbildung zunehmend vom Krieg überschattet. Auf den Einsatz als Forstlehrling folgten Arbeitsdienst, Flakdienst und schließlich die letzten Kriegswochen, bis er 1946 zusammen mit seiner Familie aus seiner Heimat vertrieben wurde.
Im ersten Video berichtet Erich Lill über seine Kindheit in Kösteldorf, den Schulweg nach Chodau, seine Forstlehre sowie seine Erlebnisse während des Krieges. Historische Familienfotos ergänzen seine persönlichen Erinnerungen.
Der zweite Teil setzt mit der Vertreibung der Familie Lill im Jahr 1946 ein. Er schildert den schwierigen Weg in eine ungewisse Zukunft und den mühevollen Aufbau einer neuen Existenz in Deutschland. Zugleich wird deutlich, wie eng Erich Lill seiner alten Heimat auch Jahrzehnte später verbunden geblieben ist.
Die beiden Gespräche wurden 2025 aufgezeichnet. Sie bewahren die Erinnerungen eines der letzten Zeitzeugen, deren Kindheit eng mit der Landschaft zwischen Kösteldorf, Pechgrün und Chodau verbunden war. Gemeinsam mit Karten, Fotografien und schriftlichen Quellen tragen sie dazu bei, die Geschichte dieser heute weitgehend verschwundenen Kulturlandschaft lebendig zu erhalten.
Erich Lills Erinnerungen zum Nachlesen
Im Jahr 2007 verfasste Erich Lill einen ausführlichen autobiografischen Bericht über seine Kindheit und Jugend in Kösteldorf, seine Erlebnisse während des Zweiten Weltkriegs, die Vertreibung seiner Familie und den Neuanfang in Deutschland.
Der Bericht erschien 2021 in fünf Folgen unter dem Titel „Aus dem Egerland nach Hessen – Dem Teufel von der Schippe gesprungen“ in der Sudetendeutschen Zeitung. Hier ist er in drei thematische Abschnitte gegliedert.
1. Jugend im Sudetenland und Rückkehr aus dem Kriegseinsatz
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2. Kriegsende und Vertreibung aus dem Sudetenland
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3. Neuanfang und Leben in Hessen
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Ein weiterer Bericht aus dem Jahr 2016
Bereits 2016 erschien im Elbogener Heimatbrief (Folge 2/2016, Seiten 16–17) unter dem Titel „Wirklichkeit vor 70 Jahren“ ein weiterer Bericht von Erich Lill. Darin schildert er die Vertreibung seiner Familie aus Kösteldorf und die Ankunft in Hessen.
Wirklichkeit vor 70 Jahren
Elbogener Heimatbrief · Folge 2/2016 · Seiten 16–17
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Zur Entstehung dieser Seite
Diese Seite ist das Ergebnis mehrerer Begegnungen, die zunächst nichts miteinander zu tun hatten.
Claus Kircheiss kennt Erich Lill seit vielen Jahren und besucht ihn regelmäßig auf seinen Fahrten nach Belgien. Gemeinsam erinnern sie sich anhand historischer Karten und Luftbilder an die Landschaft zwischen Kösteldorf und Pechgrün.
Eine wichtige Rolle spielte dabei auch Josef ("Pepp") Moder. Er brachte Claus sowohl mit Erich Lill als auch mit dem heutigen Bewohner von Erich Lills Geburtshaus, Gottlieb Hlaváč, in Kontakt. Außerdem gab er den entscheidenden Hinweis, dass der verschwundene Affenfelsen möglicherweise noch existierte. Seine drei Pechgrün-Bände, die er Claus überließ und die später zu mir gelangten, wurden zu einer wichtigen Grundlage meiner Recherchen und schließlich auch dieser Website.
Gottlieb Hlaváč, der heutige Bewohner von Erich Lills Geburtshaus, wurde für Claus zu einem wichtigen Ansprechpartner vor Ort. Trotz der Sprachbarriere entwickelte sich zwischen beiden eine freundschaftliche Beziehung. Bei seinen Besuchen in Kösteldorf schaut Claus regelmäßig bei ihm vorbei.
Unabhängig davon standen auch Kurt Bauer und seine Tochter Martina Billmeyer bereits seit Jahren mit Erich Lill in Kontakt. Weder sie noch Claus Kircheiss wussten zunächst voneinander – beide hatten Erich Lill auf ganz unterschiedlichen Wegen kennengelernt. Erst bei einem persönlichen Treffen im Jahr 2026 wurde deutlich, dass sich diese zunächst voneinander unabhängigen Kontakte in Erich Lill kreuzten. Dabei wurden auch die beiden Video-Interviews und sein autobiographischer Bericht bekannt, die schließlich den Anstoß zu dieser Seite gaben.
Rückblickend erscheint es fast wie eine glückliche Fügung, dass sich diese verschiedenen Kontakte und Recherchen schließlich zusammenfanden. Sie machen deutlich, dass die Geschichte Pechgrüns nicht nur in Büchern und Archiven weiterlebt, sondern auch Menschen miteinander verbindet.
Zum Gedenken an Erich Lill
14. September 1927 – 14. Oktober 2026
Erich Lill ist im Alter von 99 Jahren verstorben.
Mit Erich Lill ist einer der letzten Zeitzeugen gegangen, die Pechgrün und seine Umgebung noch aus eigener Anschauung kannten. Die Landschaft seiner Kindheit blieb ihm zeitlebens in lebendiger Erinnerung.
Erich hat seine Erlebnisse aus der Zeit des Krieges, der Vertreibung und des Neubeginns in Deutschland ausführlich festgehalten und in persönlichen Gesprächen weitergegeben. Es war ihm wichtig, dass diese Erinnerungen nicht verloren gehen.
Ich bin dankbar, dass seine Lebensgeschichte auf dieser Website einen Platz gefunden hat und seine Erinnerungen auch für kommende Generationen erhalten bleiben.
Wir werden Erich Lill ein ehrendes Andenken bewahren.