Über unsere Teiche

Wie ich sie als junger Mensch erlebt habe

Karl Redelbach · Aus: Pechgrün – Geschichte und Erinnerungen, Band 1 (1989).

Einmal, ich war damals so 7 - 8 Jahre alt, war ich mit meiner Mutter zum Schuhkauf in Chodau. Es war ein sehr warmer Tag. Als wir auf dem Heimweg die »Leitn« erreicht hatten, setzten wir uns in den Schatten einer Eiche, um ein wenig auszuruhen. Die Sonne stand noch hoch am Himmel. Der Geruch von Kerbel und Wiesensalbei lag in der Luft und Schmetterlinge taumelten wie betrunken über den roten Klee. Eine Lerche stieg in weiten Spiralen trillernd in den Himmel, bis sie unsere Augen im Lichtmeer verloren. Es war, wie man so sagt, ein gottgesegneter Tag. Das ganze Land mit seinen Bergen, Wäldern, Wiesen und Teichen lag weit und breit vor uns. Ich deutete hinunter in die Pechgrüner Richtung und sagte zu meiner Mutter: »Schau amäl, döi Teich glãnzn he(i)n(t) wöi latta Spöiglscher(b)m!«

»Wãußt Bõiwl«, sagte die Mutter darauf, »Dãu wird hãlt da liewe Gott, wöi-a d’ Er(d)n gschãffm hãut, an Spöigl z’brochn hoo(b)m. U wall-a-se üwer dees Malheuer a bißl gschamt hãut, hãut-a latta Teichn as dean Spöiglscherwan g’Mãcht. Dees z’mãchn wãr neat schw(a)r firn liewe Gott. U dawegn glãnzn döi Teich a mãnchmãl sua, wenn a schãina Tooch iis.« Ich wußte schon damals als Kind, daß mir die Mutter nur schnell ein Märchen erfunden hatte, aber ich dachte später, als ich schon erwachsen war, noch oft an diese Worte, wenn ich auf der Leitn stand und auf unser Dorf hinabblickte.

Die Teiche waren so fest in die Natur eingebunden, daß man vergaß, daß sie einmal von Menschenhand geschaffen worden waren. Sie prägten unser Landschaftsbild genauso, wie es unsere Berge und Wälder taten. Fast alle Teiche unserer Gegend dienten der Fischzucht und gingen ihrer Entstehung nach auf die erste Besiedelung durch die Waldsassener Zisterzienser-Mönche zurück. Natürlich wurden die Teichanlagen bis zu unserer Zeit mehrmals erneuert, verbessert und vergrößert. Einige kleine Teiche waren immer Bauernbesitz (Gagl-Teich, Hecht’n-Teich, Eunz’s-Teich, Vicenzn’s-Teich, Eckl’s-Teich usw.). Auch die Neurohlauer und Poschetzauer Teiche, mit dem späteren Strandbad, waren ursprünglich Bauerenteiche und dienten der Fischzucht. Die Fabrikteiche, wie beispielsweise der »Schlämmteich« oder die verschiedenen Brüche bei Poschetzau, waren für die Fischzucht nicht zu gebrauchen.

Wenn wir vom Besitzer der meisten Pechgrüner Teiche sprachen, dann sagten wir »da Huaf«. Welchen Gutsherrn dieser »Huaf« zuletzt verkörperte, kann ich nicht sagen; aber ich kann paradoxerweise ein gutes Dutzend Gutsherren dieser Ländereien, vom Jahr 1348 an, namentlich aufzählen. Ich überlege mir manchmal, woher unsere Teiche ihre Namen hatten. Ich konnte dabei aber nie eine bestimmte Richtlinie herausfinden. Namen waren bei dieser großen Menge aber nötig, um über bestimmte Teiche sprechen zu können. Wenn jemand vom »Pfarrteich« oder »Stärkaneier« sprach, wußte jeder in unserem Dorf, welcher gemeint war.

Die meisten unserer Teiche waren mit Karpfen besetzt. Als Begleiter waren auch sehr oft Schleien zu finden. Es war nicht zu verhindern, daß sich ab und zu auch Barsche und Welse »einschlichen«. Bei den Welsen handelte es sich meistens um die sog. »Donauwallner«. Aber ich kann mich noch gut daran erinnern, als im Seeteich einmal ein Riesenwels gefangen wurde; das war ein Brocken! Über einen Meter war er lang, und ein Maul hatte er wie ein ausgewachsener Boxerhund. Der Fischmeister hat ihn gehegt und gepflegt, und beim Abfischen hat er ihn gewogen und Jahr für Jahr wieder eingesetzt. Ich möchte wissen, was aus dem geworden ist.

Im »Stärkaneier-Teich«, der sein Frischwasser aus dem »Bär’nseigl¹ bezog, wurden Forellen gezüchtet. Es war der einzige mir bekannte Forellenteich in unserer Gegend. Neben dem Naturfutter, das in jedem Teich zu finden war, wurden diese Fische zusätzlich mit Lupinenschrot gefüttert und erreichten in einem Jahr oft einen Gewichtszuwachs von eineinhalb Kilogramm.

Wenn im Herbst das Abfischen der Teiche begann, hielt in unseren Schulklassen große Unruhe Einzug. War der Unterricht dann endlich überstanden, stürmten wir, mit Kübeln, Blech’n und Büchsen ausgerüstet, hinaus zu den Teichen. Ganze Rudel, Junge und Alte, waren da immer unterwegs. Der »Zäpfn« wurde schon in der Nacht gezogen, denn es dauerte schon einige Stunden bis das Wasser so weit abgelaufen war, daß mit dem Abfischen begonnen werden konnte. Mit hüfthohen Gummistiefeln angetan stiegen die Fischer hinein und zogen beim Zapfen, wo sich das letzte Wasser sammelte, ihre Zugnetze zusammen. Die gefangenen Fische brachten sie dann in »Tragen« über den Damm zu den Bottichen, die schon mit frischem Wasser gefüllt bereitstanden. Bevor man die Fische dorthin umleerte, wurden sie gezählt und gewogen.

Für uns Buben war das immer ein turbulenter, aufregender Tag. Die Oberaufsicht über diese ganze Fischerei hatte bei uns der Fischmeister »Schulz«. Jeder von uns Buben kannte und fürchtete ihn, wenn er, mit Gewehr und Fernglas bestückt und von seinem großen schwarzen Hund begleitet, die Kontrollgänge durch sein Teichrevier machte. Wenn die letzten einzelnen Fische mit dem Handnetz zusammengefangen und die Fischer mit ihrer Arbeit fertig waren, begann die Zeit der Dorfbuben. Barfuß durchkämmten wir das Schlammwasser nach »übersehenen« Fischen. Wenn man Glück hatte, fand man in »Sutteln« ganz schöne Kaliber. Meistens waren es Schleie oder Barsche. Manche Mütter freuten sich, wenn die Ausbeute für ein billiges Nachtessen reichte. In Teichen, die mit ausgewachsenen Karpfen bestückt waren, konnte man auch reichlich »Karpfenbrut« finden; ich sammelte sie und setzte sie in unserem eigenen Teichel wieder ein. »Frie(d)l’s-Teichl«, ich weiß nicht, ob sich noch jemand daran erinnern kann. Es war hinten, bei der »Oberen Hirtenhut«, es war nicht groß, aber ich war immer sehr stolz, wenn ich von »unserem« Teichl sprechen konnte.

¹ Anmerkung: „Bär’nseigl“ ist im Original mit einer Fußnote markiert. (Wenn du die genaue Deutung/Ort später ergänzen willst, tragen wir sie hier sauber nach.)

Einmal hatten wir es sogar mit Raubfischern zu tun. Mein Gott, war das für mich damals aufregend! Da meldeten uns Schichtarbeiter, die bei Nacht von Neurohlau heraufkamen, daß auffallend viel Wasser aus der Richtung, wo unser Teichl war, herunterfloß, und den Weg überschwemmte. Wir preschten unter Führung meines Vaters gleich los und fanden am Ort des Geschehens, daß der Damm abgegraben und das halbe Teichl schon leergelaufen war. Wir verstopften den Abfluß notdürftig und legten uns die ganze Nacht auf die Lauer. Der Vater hatte sein Jagdgewehr »durchgeladen« neben sich liegen. Es geschah aber nichts. Als der Morgen herandämmerte, gingen wir nach Hause; vorher aber jagte der Vater noch zwei Schuß in die Luft. »Laßt die Finger von diesen Fischen!«, wollte er damit signalisieren. Wie wir später hörten, waren die Täter auch »Teichbesitzer« aus der Neurohlauer Gegend. Sie hätten die gestohlenen Fische, wenn es geklappt hätte, halt in ihre Teiche umgeleert.

Wenn ich manchmal an unser Dorf zurückdenke, frage ich mich: Was wäre Pechgrün ohne seine Teiche und um wieviel ärmer wäre unsere Jugendzeit gewesen! In keiner der umliegenden Ortschaften gab es so viele und so gute Schwimmer wie in Pechgrün. Mit jeder großen Stadt unserer Gegend konnten sie es aufnehmen. Wenn Pechgrüner Schwimmer auf den Startblock stiegen, dann wußte man, daß sie unter den Siegern zu finden sein würden.

Unser erster »Schwimmteich«, an den ich mich erinnern kann, war der Herrenteich. Später war es der Pfarrteich, und zuletzt sind wir an den Stärkaneier-Teich umgezogen. Dort war auch das sauberste Wasser. Der Fischmeister machte zwar oft Krach, wenn die Pechgrüner Schwimmer ihre Teiche so oft wechselten, aber er fand sich dann doch immer wieder mit der Lage ab. Vielleicht wollte er auch dieser Schwimmbegeisterung nicht im Wege stehen.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, als unser erster Sprungturm gebaut wurde. Ein richtiges Kunstwerk war das, aus Erlenstämmen des Wäldchens zwischen Pfarr- und Stärkaneier-Teich, und fast 3 Meter ragte der Turm über das Wasser hinaus. Als der Fischmeister Schulz mit seinem großen schwarzen Hund das erste Mal davor stand und das Bauwerk betrachtete, machte er alles andere als ein freundliches Gesicht.

Allerdings war der Turm noch nicht vollendet. Es fehlte noch ein Absprungbrett. Lange wurde gesucht, und gesucht, bis der Hassmann Tone endlich fündig wurde. Es war unten auf der Schlämm. Der Hassmann Tone hatte Frühschicht und mußte sich mit seiner ganzen Kraft gegen den vollbeladenen Hund stemmen, um ihn von der Stelle zu bringen. Es hatte die ganze Nacht geregnet, da war der Lett’n mit Wasser vollgesogen und besonders schwer. Als er an der Weiche den Förderwagen in die andere Richtung drehen wollte, rutschte er aus und flog auf die Nase. Oh, tat das weh!

Aber auf einmal war der Schmerz, wie nach einer Narkose, vergessen. »Das ist es!« fuhr es ihm durch den Kopf, als sein Blut aus der Nase auf diese schöne kräftige Laufbohle tropfte, auf der er lag. Wenn es einen Gott der Schwimmer gibt, dann war er es, der ihn auf diesem Brett, diesem herrlichen »Sprungbrett«, ausrutschen ließ. Noch in der selben Nacht schleppte er es mit einigen Getreuen hinauf, über Wiesen und Äcker, zum Stärkaneier-Teich. Den nächsten Tag über lag es noch versteckt im Schilfgras des Pfarr-Teichs, aber nach Feierabend waren dann alle draußen bei der Montage des Sprungbrettes. Jetzt konnte sich der Sprungturm sehen lassen. Hei, war das eine Federung! Bei meinem ersten Kopfsprungversuch wurde ich so hinaufgeschleudert, daß ich gleich einen unfreiwilligen Salto schlug.

Am darauffolgenden Wochenende war ein herrlicher sonniger Tag. Alle waren draußen. weil sich der »Turm« herumgesprochen hatte. Auf dem »Deichdämm«, vorne beim »Zäp(f)n«, lagen sie kreuz und quer im Gras und ließen ihre nackten, sehnigen Leiber von der Sonne rösten. Da kam, wie ein aufziehendes Gewitter, der Fischmeister Schulz mit seinem Hund daher.

»Ich glaub’, ihr seid von allen guten Geistern verlassen!« donnerte er so laut, daß sogar sein Hund den Schwanz einzog. »Die Chodauer reißen sich die Füße fast wund, wenn sie drunten am Seeteich ins Wasser wollen, und die Herren aus Pechgrün stellen sich den reinsten »Turmbau von Babel« ins Wasser!« Dann ging er hin und rüttelte prüfend am Gebälk des Turmes. »Traut sich da überhaupt einer runterzuspringen?« fragte er dann schon um einiges freundlicher. »Ja Friedl, spring du!« rief die Menge, und mein Bruder Fred bestieg den Turm. Er wollte es ihm zeigen, dem Schulz. Er stellte sich mit dem Rücken zum Wasser auf die vorderste Kante des Brettes, dann federte er einige Male durch und flog auch schon durch die Luft. Mit gestrecktem Körper drehte er sich und machte einen fehlerfreien Salto rückwärts.

Schon beim Eintauchen ins Wasser wußte er, daß mit diesem Sprung die Ehre der Pechgrüner Schwimmer gerettet war. Als der Fred wieder an Land stieg, konnte er beobachten, daß ihm der Fischmeister bewundernd mit dem Kopf zunickte. »Das war ein feiner Sprung!« sagte er. Der Schulz war nämlich der Egerländer Sprache nicht mächtig, weil er, wie die Bayern sagen würden, ein »Sau-Preiß« war.

Dieses Lob von einem, dem man mit so viel Respekt begegnete, tat auch den Herumliegenden gut, und sie riefen dem Schulz zu: »Da Friedl koa a gout tauch’n!« »Soo?« sagte der Fischmeister, als er das hörte. »Dann zeig’ mal, was du kannst!« Etwas verlegen bestieg der Fred über die grob zusammengezimmerte Leiter abermals den Turm. Er atmete einige Male tief durch. Sein Brustkorb wölbte sich dabei so weit, daß er wie aufgeblasen aussah. Dann schnellte er wie eine gespannte Feder ins Wasser.

Jeder der Buben wußte, daß der Friedl der beste Taucher dieser Runde war. Er blieb sehr lange unter Wasser, und er schwamm so tief, daß man vom Ufer aus nicht feststellen konnte, wo er gerade war. Der Schulz meinte schon, man müsse Rettung holen, aber der Fred schwamm Zug um Zug, bis es ihm fast die Lunge zerriß. Dann merkte er, daß die Stengel der Seerosen seinen Körper streiften, und das Wasser heller und durchsichtiger wurde. Er wußte nun, daß er auftauchen konnte, und – es war auch höchste Zeit! Er schoß wie ein Torpedo an die Oberfläche und sog mit weit aufgerissenem Mund die frische Luft ein. Als er sich umsah, stellte er fest, daß er fast im Schilf war; eine Strecke, die sich sehen lassen konnte. In ruhigen Zügen schwamm der Fred vor ans Ufer. Als er wieder an Land stieg, hatte er sich so gut erholt, daß man ihm die Anstrengung nicht mehr anmerkte.

Der Fischmeister war voller freudiger Bewunderung. Er konnte es schier nicht fassen, daß ein Mensch so lange unter Wasser bleiben konnte. »Wie machst du das nur, so lange unten zu bleiben?« fragte er deshalb den Fred. »Dees is ganz einfach«, war seine lakonische Antwort, »ma(n) dörf holt koa(n) Luft hul’n!«

Als der Schulz die Beantwortung auf seine Frage hörte, konnte er ein Lachen nicht verbeißen. Man sollte die Schwimmer der Anfangszeit einmal beim Namen nennen, denn es gab ja auch einmal eine Zeit, wo kaum jemand in unserem Dorf schwimmen konnte. Ich wüßte keinen unserer Väter, den ich einmal in Badehosen oder gar schwimmend im Wasser gesehen hätte.

Das erste Mal sah ich meinen Vater im Neurohlauer Strandbad anläßlich eines Wettschwimmens; aber es soll mich keiner fragen, welcher Überredungskünste es bedurfte, bis wir ihn so weit hatten. Da saß er nun unter den vielen Leuten in seinem Sonntagsanzug gelangweilt herum. Seinen Gamsbart-Hut ließ er wegen der Sonne auf seinem Kopf, und das Bier schmeckte ihm unter den fremden Leuten auch nicht. Als er aber dann die feschen Schwimmerinnen in ihren Badeanzügen so hin- und herspringen sah, fand auch er seine Freude am Schwimmsport. Es war übrigens ein schöner Wettkampf damals.

Bei den Pechgrüner Schwimmern gab es keine Spezialisten, wie es heute der Fall ist. Da meldete sich jeder für jede Disziplin, egal ob er Aussicht auf einen der vorderen Plätze hatte; »Dabeisein« war damals tatsächlich alles. Es konnte ja auch nicht sein, daß einer im Springen so gut war wie beispielsweise im 1500 m-Brustschwimmen. Aber Kondition hatten sie alle so viel, daß sie jede Übung durchstehen konnten.

Ich weiß von meinem Bruder Fred, daß er einmal zu Fuß zu einem Schwimmwettkampf nach Heinrichsgrün (Hanaschgrä(n)) 5–6 km gegangen ist. Er kam an, ging an den Start, machte den ersten Platz und ging zu Fuß wieder nach Hause. Das war Kondition!

Schwimmurkunde mit der Namensform „Rödlbach“
Warum steht in dieser Schwimmurkunde „Rödlbach“ und nicht „Redelbach“, werden sich Kenner unserer Familie fragen. In den Hitlerjahren gehörte zu den Heiratspapieren ein Ahnenpaß. Bei der Erstellung eines solchen Papiers kam man darauf, daß durch einen Schreibfehler bei einer Immatrikulierung unser Name nicht wie bis dahin „Rödlbach“, sondern „Redelbach“ sein müsse.

Aber ich möchte zu dem Neurohlauer Wettkampf noch was sagen: Der Fred startete und hatte gute Aussicht, Erster zu werden. Plötzlich überquerte ein Ruderboot kurz vor dem Ziel seine Bahn. Er mußte einen Bogen schwimmen und verlor dabei die Zeit, die ihm zum Sieg fehlte. So wurde er nur Zweiter. Man munkelte damals, daß der »Ruderer« von der Konkurrenz angesetzt war. Heute ist so etwas nicht mehr vorstellbar.

Wenn ich heute an die alte Schwimmtruppe zurückdenke, dann fällt mir zuerst der Hassmann Pepp ein. Er war nicht nur bei den Schwimmern unseres Ortes, sondern auch bei den Turnern und Leichtathleten ein Bahnbrecher. Zu den »Ersten« gehörte auch Siehr Karl, der »Frie(d)l Luis«, der Siehr Dolf, der Kreuzer Franz, der Hassmann Toni und, wie gesagt, der »Frie(d)l Fred (Redelbach), aber der war damals noch Jugend-Klasse. Ich habe sicher einige vergessen, aber das waren die, die ich bei Wettkämpfen sah. Der Nachwuchs unseres Dorfes wurde immer stärker und hatte gute Aussichten, in die Fußstapfen der »Alten« zu treten, doch der Krieg und die Vertreibung machten alles zunichte.

Um noch einmal auf unseren Fischmeister Schulz zurückzukommen: Man mag nach dem, was ich bisher über ihn geschrieben habe, den Eindruck bekommen, daß er mit den Pechgrüner Buben ein Herz und eine Seele war. Dieser Eindruck wäre aber völlig falsch. Man muß wissen, daß es unter diesen Buben – wie auch zu allen Zeiten – rechte Lausbuben gab.

Da wurde neben dem Baden her, na, man kann schon sagen ein bisserl Raubfischerei betrieben. In der Badehose auf dem Deichdamm zu liegen, sich von der Sonne rösten zu lassen und nebenbei eine Angel auszuwerfen war eine einfache und unverdächtige Sache. Aber der Schulz hat manches durch sein Glas beobachtet und auch ab und zu eine Verfolgung aufgenommen. Die Burschen waren in ihren heimatlichen Jagdgründen aber immer schneller. Nicht nur die Angel, sondern auch der »Zwiesel« spielte bei solchen kleinen Wildereien immer eine große Rolle. Dabei fällt mir eine Geschichte ein, die ich schnell erzählen möchte.

Es war ein schöner Tag. Die Sonne spiegelte sich im Stärkaneier-Teich, und die Vögel musizierten wild und leidenschaftlich in den Bäumen. Der Geruch von Blutweiderich, sprießendem Laub und verfaultem Schlamm, der so typisch für unsere Teichlandschaft war, lag in der Luft. Vorne, beim »Zäpf’n«, saßen drei Buben. Sie hingen ihre Beine ins kühlende Wasser und träumten vor sich hin. Es waren dies: der Neudert Karl, genannt: »Da Gloosa Kå(r)l«, dann der Dimitri Donabitowitsch, den jeder nur »Midika« nannte, und schließlich der »Frie(d)l Fred«, der korrekt Redelbach Alfred hieß. Alle drei konnte man unter die Spezies »Lausbuben« einreihen.

Jeder hatte seinen Zwiesel schußbereit neben sich im Gras liegen, und ihre Taschen waren zum Platzen voll mit »Munition« gefüllt. Plötzlich sagte der Gloosa Kå(r)l in diese Träumerei hinein: »Öitz gengma am Sài-teich unte zan Antn schöißn!« Das war eine gute Idee, den langweiligen Tag totzuschlagen, deshalb waren auch alle gleich einverstanden, griffen nach ihren »Waffen« und erhoben sich wie auf Kommando. Sie gingen den Pfad über die Wiesen hinunter, die um diese Jahreszeit vor lauter Wiesenschaumkraut, das in voller Blüte stand, wie mit Neuschnee überzogen aussahen.

Am oberen Ende des Seeteichs war ein Kahn angepflockt und mit einem Vorhängeschloß gut gesichert. Aber was war schon so gut gesichert, daß es diesen dreien Widerstand geleistet hätte! Mit vereinten Kräften wurde der Pfahl herausgerüttelt, und das Boot war frei. Jetzt mußte man sich noch um einen Stock zum »Nachstoßen« kümmern, denn der Fischmeister hatte die Ruderblätter wohlweislich in einer Hütte, oben beim Klee-Teich, eingesperrt. Der Midika zog sein großes Messer, um das ihn jeder beneidete. Es hatte nämlich nicht nur eine Menge Klingen, sondern auch eine kleine Säge, die man herausklappen konnte. Damit ging er auf eine schlanke, unschuldige Birke zu und begann zu sägen. Den Naturschützern der heutigen Zeit hätte bei diesem Anblick das Herz geblutet. Das armdicke Stämmchen war schnell auf die richtige Länge gebracht, und dann sah man sie auch schon wie drei venezianische Gondolieri im Schilfgürtel verschwinden.

Pechgrüner Schwimmer auf dem Teichdamm des Stårkeneier
Pechgrüner Schwimmer auf den Teichdamm des Stårkeneier. Von links: Redelbach A., Kreuzer H., Langhammer J., Zinner und Siehr R.

Wer schon einmal die Schilfstraße dieses Teiches entlanggeschwommen ist, wird sich an jenes Paradies der Tauch- und Schwimmvögel erinnern. Haubentaucher, Bläß- und Teichhühner sowie jede Menge Stockenten waren hier zu Hause. Mit ein wenig Geduld konnte man neben allen Arten von Rohrsängern, auch Graureiher und die Rohrweihe beobachten.

Die kühnen Jäger suchten also, im Boot stehend und mit gezogenen Zwieseln das Schilf ab. Aber das Glück der Enten war, daß sie sich um diese Tageszeit in der Nähe ihrer Gelege aufhielten, und diese waren tief im Schilf versteckt. Wenn sich aber doch welche auf der offenen Schilfstraße zeigten, dann hatten sie abermals Glück, denn keiner von den drei Entenjägern konnte so treffsicher mit dem Zwiesel umgehen wie beispielsweise »d’ Katherinann«, »da Somma Pepp« oder der Kreuzer Heinl. So verließen sie nach einiger Zeit den Schilfgürtel mit gebrochener Jagdlust und ohne Beute.

Zur selben Zeit war auch der Fischmeister Schulz auf seinem Rundgang, aber diesmal, was man nicht gewohnt war, ohne seinen schwarzen Schäferhund. Er stand am Saum der »Kläi-Birkla« und suchte mit dem Fernglas das ihm anvertraute Revier ab. Dabei konnte er nicht nur die Wildenten-Staffel erkennen, die drüben am Herrn-Teich gerade einfloß, oder den Glöckner-Bauern, der auf seinem Acker oberhalb des Säi-Teichs mit dem Rudi zusammen Drainagen zog, sondern er sah auch klar und deutlich die drei Entenjäger, die eben dem Boot entstiegen und ans Ufer sprangen. Den Kahn ließen sie ungepflockt zurück.

Der Fischmeister machte sich also auf die Verfolgungsjagd; Eile tat not, denn er war, wie schon gesagt, ohne Hund. Er sah, daß die Bürschlein in Richtung Herrn-Teich gingen, und versuchte, ihnen den Weg abzuschneiden, indem er vom Kläi-Teich her auf sie zuschlich. Er nützte dabei jeden Busch als Deckung aus und machte es diesmal so geschickt, daß unser aller Freund »Winnetou« seine helle Freude an ihm gehabt hätte.

Die Buben gingen inzwischen, nichts Böses ahnend, in Richtung Kläi-Teich weiter, vielleicht, um dort das Jagdglück noch einmal zu versuchen. Aber, o grausames Schicksal, dabei liefen sie dem Fischmeister Schulz, der hinter einem Erlenbusch lauerte, direkt in die Hände. Abhauen hatte diesmal keinen Sinn, denn er hatte sein Gewehr im Anschlag, und das beeindruckte sie doch sehr. Als Schulzens: »Halt, stehenbleiben!« so aus dem heiteren Himmel ertönte, waren sie wie vom Blitz getroffen und standen ihm in ersten Schreck Rede und Antwort.

Mit gezücktem Notizbuch fragte er zuerst den Gloosa Kå(r)l: »Wie heißt du?« »Gloosa Koa(r)l!« sagte der und blickte störrisch zu Boden. »Ihr mit eurem Egerländerisch müßt erst einmal richtig Deutsch lernen. Das heißt doch sicher nicht »Gloosa«, sondern »Glaser!« Während Schulz das sagte, machte er Eintragungen in sein Buch. Der Glooser Karl aber dachte so für sich: »Glaser ist mir auch recht, es ist mir sogar lieber, wenn er meinen richtigen Namen nicht weiß.«

»Wohin gehst du in die Schule?«, fragte Schulz weiter. »In d’ Bürchaschöll af Chuada!«, war die Antwort. Als er auch das eingetragen hatte, wandte er sich an Midika: »Wie ist dein Name, und wohin gehst du zur Schule?« »Ich heuß ‚Midika‘ u gäh aa af Chuada in d’ Bürchaschöll!«, antwortete der und sah trotzig zu ihm auf. »Midika?«, wiederholte er fragend, »Was ist’n das für ein Name? Bist du Ausländer?« »Na, – ich bin a va Pechgräi(n)!« Der Schulz gab sich damit zufrieden und buchstabierte »Mi-di-ka« vor sich hin, als er seine Eintragung machte.

»Und du?«, fragte er schließlich den Fred, »Gehst du auch in die Bürgerschule?« »Nein!«, sagte der Fred, »ich bin da Frie(d)l Fred uu gäh af Pechgräi(n) in d’ Volksschöll!« Als auch das alles notiert war, war die Vernehmung abgeschlossen. Er klappte sein Notizbuch zu und schob es in die Brusttasche zurück. »Und jetzt haut ab, und laßt euch ja nimmer sehn!« fauchte er. »Und eure Schulen werden einen saftigen Brief von mir bekommen!« rief er ihnen noch nach, als sie schon ein Stück weg waren.

Als die Buben in sicherer Entfernung waren, taten sie wieder stark und mutig. »Wöisua häut-a-ran heint kuin Hund dabaa?« fragte einer. »Der wird holt scho(n) g’freckt sa(n) – dean wird-a z’tät gschund’n ho(b)m, der alte Hundschinda!« sagte ein anderer.

Und jetzt, da sie schon oben beim »Teich-Weber« waren, ging ihm Übermut sogar in Frechheit über, denn als sie sahen, daß der Schulz, weit unten am See-Teich, versuchte, das abgetriebene Boot mit dem abgesägten Birkenstämmchen ans Ufer zu ziehen, rief der Midika ganz laut zu ihm hinüber: »Hundsschinder – Hundsschinder!« Dann fielen auch die anderen in diesen Ruf ein. Noch lange dröhnte dieses „Hundsschinder, Hundsschinder!“ über den Säi-Teich hinunter in Schulzens Ohren, und die Buben legten ihre ganze Wut, über die eben erfahrene Demütigung, in diesen Chor. So fanden wenigstens auf diese Art ihre Rachegefühle noch eine kleine Befriedigung. Als sie über die Wiesen hinauf dem Dorf zugingen, sah es aus, als wolle auch der Himmel mit ihnen Trauer tragen, denn eine dunkle Wolke zog über dem Föllerberg auf, und den Saum der Wälder an den Bergkämmen sahen sie schwarz und geduckt dastehen. Ein kräftiger Wind strich über die hohen Wiesengräser, so daß richtige Wellen entstanden und es aussah wie ein herrlich grünes Meer.

Von den Briefen an die Schulen, mit denen der Fischmeister gedroht hatte, war nichts mehr zu hören. Welcher Lehrer konnte auch schon wissen, daß sich hinter dem Namen „Midika“ Donabitowitsch, hinter „Glaser“ ein Neudert und hinter „Friedl“ ein Redelbach verbarg!

Als Midika eines Tages mit einer Schar anderer Buben von der Schule nach Hause ging, war dieses Erlebnis am Säi-Teich längst vergessen. Keiner achtete darauf, als unterhalb der Leit’n-Straße, dort wo der Allee-Weg auf die „Oalt-Leit’n“ abzweigte, der Fischmeister ihren Weg kreuzte. Er war schon an ihnen vorbei, da ging ein „Ahnen“ durch seinen Kopf. Er drehte sich noch einmal um und musterte den Midika mit scharfem Blick. Dann ging er auf ihn zu, packte ihn am Arm und gab ihm zwei saftige Watsch’n, eine links und eine rechts. „Das ist für den Hundsschinder von damals!“ sagte er, drehte sich um und ging weiter in Richtung auf den Mühl-Teich zu.

Die Kameraden standen wie zu Salzsäulen erstarrt um den verdutzten Midika herum. Sie drangen auf dem ganzen Heimweg mit Fragen auf ihn ein, brachten aber kein Wort aus ihm heraus, was der Fischmeister mit dem „Hundsschinder“ gemeint hatte.

Ich wollte von den Teichen erzählen, und nun sehe ich, daß ich wieder bei unserer unvergeßlichen Jugendzeit angekommen bin. Alle Geschichten, die ich beginne, enden mit dieser einmaligen und unvergleichlichen Jugend; und ich weiß, daß diese Zeit ewig mit uns leben wird. Aber sie wird auch mit uns sterben. Ich habe 1979 einmal ein Gedicht geschrieben. Damals machte ich eine Vorhersage. Heute ist das, was ich schrieb, schon Wirklichkeit geworden. Das Gedicht endet mit folgenden Worten:

A Zeit wird amål kumma,
mir wer(d)n scho(n) nimma le(b)m,
dåu wer(d)n d’ Kinn(d)a frågn:
„Håuts Pechgräin wirkle ge(b)m“

(Karl Redelbach, Februar 1988)

Pechgrüner Buben beim Spielen am Stärkeneier (Pechgräina Necha)
Pechgrüner Buben beim Spielen am Stärkeneier (Pechgräina Necha). Von links: Kreuzer W., Redelbach K., Strunz A., Haberdiztl F., Fischer J., Mörtl H. Sitzend: Hahn R., Lorenz R.