Wo man einkehrte in Pechgrün
Die drei Wirtshäuser im Spiegel persönlicher Erinnerungen
Diese Seite versammelt die drei Wirtshäuser von Pechgrün, wie sie im Erinnerungsbericht meines Onkels beschrieben werden. Sie lagen nicht zufällig im Dorf verteilt, sondern markierten zentrale Punkte des gemeinschaftlichen Lebens – Orte des Feierns, der Versammlung, der Politik und des Alltags. Die Übersichtskarte zeigt ihre Lage im Dorfgefüge und dient als Orientierung für die folgenden Beschreibungen, die jeweils an den einzelnen Häusern ansetzen.
Gleich nach diesem Kellerhaus begann der Wirtshausgarten vom »Grünen Baum«. Der »Grüne Baum«, Haus Nr. 9, war eines von drei Wirtshäusern im Dorf. Mehrere Kastanienbäume hüllten es fast gänzlich ein. An der Brücke, die den Zugang zum Gasthaus bildete, waren die Ufermauern des Baches etwa mannshoch. Das Haus war eingeschoßig erbaut. Unter dem weitüberstehenden Dach waren Schlafräume. Durch verschiedene Anbauten wirkte es flacher als die Häuser aus der gleichen Bauperiode. Das Dach war mit Teerpappe gedeckt. Hinter dem Wirtshaus begannen die Wiesen, die zum »Meiselberch« führten. Über zwei Türen gab es einen Erker. Die eine Tür ging in den Tanzsaal, die zweite öffnete sich zu einem Hausflur, der am hinteren Ende einen Ausgang in die Wiesen hatte. Links vom Flur war der große Saal, in dem Tanzveranstaltungen und Theateraufführungen abgehalten wurden. Auch die Übungsstunden des Arbeiter-Turnvereins fanden in diesem Saal statt. Auf den gut gepflegten Parkettboden des Saales war der Wirt besonders stolz. An den Saal angebaut durch zwei Mauerbögen zur Tanzfläche geöffnet, gab es einen Raum zum Sitzen und Trinken. Neben dem Schanktisch führte eine Tür in einen Keller, in dem das Bier und andere Getränke gelagert waren. Auf der rechten Seite des Flurs führte eine Tür in »d’ Schänk« (Ausschank), gleich danach eine Stiege zu den Räumen unter dem Dach. Unter dieser Stiege gab es eine Falltür. Wurde diese Falltür hochgeklappt, konnte man in den Keller gelangen. In dem anschließenden Anbau gab es eine »Selch« (Räucherofen), in der ein Wirtssohn seine Wursterzeugnisse selchte (räucherte). Neben der »Selch« war die Tür zur Küche, in die man auch über die »Schänk« kommen konnte. Beim Hinterausgang befanden sich die Toiletten. Es ist übertrieben, wenn man mit solch vornehmer Bezeichnung von dieser primitiven Abortanlage spricht. Mit »Wåstls« Wirtshaus, wie es auch genannt wurde, und dem gegenüber abzweigenden Weg nach Stelzengrün endete das »lawara Dorf«.
Das größte und vornehmste Haus in Pechgrün war das Pleierwirtshaus, Haus Nr. 67, nach seinem Besitzer so benannt. Allerdings betrieb er die Gaststätte nicht mehr selbst, sondern hatte sie zu meiner Zeit immer verpachtet. Welchem Stil, das noch im 19. Jahrhundert erbaute Haus zugerechnet werden konnte, wird nicht mehr geklärt werden können. Häuser, in den Gründerjahren in Karlsbad gebaut, haben den Architekten vermutlich zu diesem Machwerk angeregt. Das Haus war etwa 1,5 m über Straßenniveau errichtet. Der Höhenunterschied zur Straße wurde durch einen Vorgarten ausgeglichen. Die Mauer dieses Vorgartens zierte ein schmiedeeiserner Zaun. In der Mitte dieses Gartens stand lange Jahre eine Zypresse. Zum Eingang der Gastwirtschaft führten mehrere Stufen. Neben der Treppe, quasi als Vorplatz zum Eingang, gab es eine steinerne Terrasse. Sie war dem Wirtshausgarten vorgelagert. Ein Schneebeerstrauch schützte die Böschung, die zum Weg nach Stelzengrün abfiel. Im Garten waren Tische und Bänke fest errichtet, Gäste und Ausflügler aus Chodau konnten dort ihr Vesper verzehren, wenn es das Wetter zuließ. Aus diesem Garten führte eine Tür in den Tanzsaal. In der Nähe dieser Tür stand eine mächtige Fichte, sie überragte das Gebäude um etliche Meter. Gab es Tanzveranstaltungen, die bereits nachmittags begannen, dann versammelte sich die Dorfjugend in diesem Garten und verfolgte durch vier Fenster des Saales die Geschehnisse auf dem Tanzboden. Nach diesem Saalanbau begannen die Wiesen, welche sich zwischen den Höfen vom »Euin«, »Läin« und »Matzl« ausdehnten. Der Gaststättenpächter hatte sogar ein Fremdenzimmer zu vermieten, was in Pechgrün nicht selbstverständlich war. Es darf festgestellt werden, daß im Pleierwirtshaus die Pechgrüner verkehrten, die sich zu den besseren Kreisen zählten, wenn es solche in Pechgrün überhaupt gab. Die Stammgäste, wie auch der Wirt, waren meistens überzeugte Sozialdemokraten, auch der Gesangverein, der dort seine Singstunden abhielt, konnte dieser Partei zugerechnet werden. Auf der gleichen Straßenseite, zwischen zwei prächtigen Kastanienbäumen war das Kriegerdenkmal für die Gefallenen und Vermißten des Ersten Weltkrieges errichtet. Wie es in Pechgrün üblich war, war dieser Platz von einem Zaun umgeben. Hinter dem Kriegerdenkmal war ein Garten zum Wäschetrocknen, daran anschließend befand sich ein großer Schuppen, der zur Garage für »Wastl Edawadns« Lastauto umfunktioniert war. Auf einer Einfahrt zwischen der Garage und dem Haus gelangte man zu einer Scheune mit Stall, denn der Pleier betrieb früher neben der Gast- auch noch Landwirtschaft.
Im Anschluß an das Grundstück des »Edawad« folgte das »Glöckner« Anwesen, es war ein großer Komplex von Häusern, Scheunen und Ställen, Schuppen und einem Schlachthaus Haus Nr. 27, 28, u. 78. Dieses Gelände war begrenzt vom Bach, dem Weg in die »Erlseich« und am »Hechtenteich« entlang, der Fliederhecke am Rande von »Gartners Garten« und »P(ü)lzns« Grundstück. Zentrum war das »Gasthaus Zum Bohrturm«, Haus Nr. 28. Vor diesem Haus gab es einen kleinen Platz, auf dem zwei imposante Ahornbäume standen. Früher, d.h. vor der Regulierung des Baches, führten zwei steinerne, geländerlose Brücken von der Straße zu diesem Platz. Die älteste Brücke bestand aus zwei Granitquadern, die längs der Laufrichtung des Baches auf einer Holzkonstruktion ruhten. Sie wurde 1938 abgebaut. Bei der zweiten und größeren lagen die Steinquader quer über den Bach, sie wurden nur von den Ufermauern getragen. Oberhalb dieser Brücke war der Bach angestaut. Von beiden Seiten führten Stufen bis auf Wasserhöhe. Im angestauten Wasser dieser Wehr konnten die Frauen aus der Nachbarschaft ihre Wäsche, nach dem Kochen »flahn« (spülen). Solche Waschgelegenheiten nannte man »Wåsserluach«. Es gab sie längs des Baches bei jedem am Bach gelegenen Haus. Nach »Friedls Weja« wie dieses Wasserloch genannt wurde, hatte der Bach ein starkes Gefälle und erst in der Nähe der Schule wurde das Bachbett wieder flacher.
Das Wirtshaus hieß zum »Bohrturm«, weil sein Besitzer ein Tiefbohrunternehmen betrieb. Im Haus hatte unser Fleischer (Metzger) seinen Laden mit Kühlhaus, einem Anbau, in das im Winter große Mengen Natureis aus dem nahen Hechtenteich eingelagert wurden, welches sich durch sinnvolle Isolierung der Mauern über den Sommer bis zum nächsten Winter hielt. Im Haus wohnten auch noch zwei Familien zur Miete. Neben der Gaststätte, getrennt durch einen Weg, gab es ein langes, schmales, einstöckiges Gebäude, Haus Nr. 78, das mit seiner Schmalseite zum Bach und der Straße stand. In ihm waren das Schlachthaus, die Wurstküche und Lagerräume untergebracht. Im ersten Stock gab es eine Wohnung, bestehend aus Küche und Schlafzimmer, dort wohnte der Pächter der Gastwirtschaft und der Fleischerei (Metzgerei). Im restlichen Teil des Oberstockes war Heu und Stroh gelagert. Daran anschließend befanden sich »Schüppla« (Lagerräume für Kohle und Holz) für die Mieter des Hauses Nr. 28.
Hinter dem Wirtshaus lag »Glöckners Bauernhof«, Haus Nr. 27, mit Wohnung, Stall und Scheune. Ein großer Weidegarten (Kölwergårtn) ergänzte das Grundstück. Die Bohruntensilien und Maschinen lagerten früher in einer Remise neben dem Wirtshaus. Auf diesem Lagerplatz wurde später ein Saal mit integrierter Bühne errichtet. Vom Bauernhaus führte ein schmales Gäßchen am Saal entlang zu einem Brunnenhäuschen, das am Rande des Glöcknerischen Weidegarten lag und größere Bedeutung für die Nachbarschaft als für den Besitzer hatte.
Das Brunnenhäuschen war auch über den »Huulzplåtz« des Nachbargrundstückes zu erreichen, dieser Platz diente der »Schindler Berta«, als auch ihren Mietern zur Lagerung des Brennholzbedarfs. Auf ihm wurde das Holz ofengerecht gemacht, bei Bedarf auch gelagert. Dieser Holzplatz war begrenzt durch den Saalbau des »Gasthauses Zum Bohrturm« und dem Wohnhaus der Witwe Unger, Haus Nr. 53, die im Dorf nach ihrem Geburtshaus »Schindler Berta« gerufen wurde. In dem Winkel, der durch Haus und Saal gebildet wurde, stand ein Wasserbirnbaum, der möglicherweise schon älter als das Haus war. Ein Graben, der das Überlaufwasser des Hechtenteiches dem Bach zuführte, begrenzte den Holzplatz. Am Graben entlang führte ein Zaun, der beim Brunnenhäuschen endete. Das Haus selbst war einstöckig und nur für Wohnzwecke gebaut. Es dürfte um die Jahrhundertwende entstanden sein und stand parallel zur Straße, vom Bach nur durch einen Weg getrennt. Eine schmale Steinbrücke, später war sie aus Holz, führte von der Straße her zum Haus. Ein Anbau auf der linken Giebelseite war etwas zurückgesetzt und das Erdgeschoß diente früher als Laden, in den letzten Jahren war es ein Schlafraum für »Konrads« Kinder. Zwischen Haustür und Bach waren Granitplatten in den Boden eingesetzt, auch dies nannte man eine »Bruck«. Der Vorplatz des »Bohrturmgasthauses« lag etwa 2 m über »Schindler Bertas Bruck«. An beiden Seiten der Ahornbäume führten festgetretene Wege hin zur Tabaktrafik (Verkaufsstelle für Zigaretten), die von der »Schindler Berta« betreut wurde.