Der Weg Richtung Neurohlau – Teil 3

Entlang des Wöidichn Ochsn bis zum oberen Dorfende

Jenseits der Nazns Birkla führt der Weg in den obersten Wohnbereich von Pechgrün. Hier lösen sich die geschlossenen Dorfstrukturen zunehmend auf: Die Häuser stehen weiter auseinander, das Gelände wird offener, und der Blick reicht ins Umland. Der Abschnitt beschreibt diesen Übergang bis an das Ortsende – dorthin, wo Pechgrün endet und man beim Abstieg wieder auf die kürzere Verbindung trifft, die weiter Richtung Neurohlau hinausführt.

Weg in Richtung Neurohlau - drittes Teilstück
Weg in Richtung Neurohlau - drittes Teilstück

Hinter dem »Kreuzer Haus«, Haus Nr. 56, stieg der Weg sachte an, wurde nach der Einfahrt zu »Ruas Tones« Haus etwas steiler bis zur Abzweigung zum Haus von Råchlwenzalas Kårl«. Das Haus vom »Ruas Tone«, Haus Nr. 57, war ein eingeschoßiges Kleinbauernhaus, dessen Rückseite ein Teil der Mauer war, welche die Steigung des Weges abstützte und zur Bildung der Einfahrt beitrug. Diese Einfahrt endete auf der »Bruck« an der Vorderseite des Hauses. Ich bin im Zweifel, ob zum »Ruas Haus« ein Garten gehörte, wenn ja, dann war er sehr klein.

Haus Nr.57 der Fam. Anton Müller
Haus Nr. 57 der Fam. Anton Müller

Nach dem »Ruas Haus« senkte sich der Weg wieder; er führte an »Hanrich Kårls und Kla(r)lasn Haus« vorbei zu einem Fußsteig, der beim »Mastawenzl Huaf« endete. Diese drei Häuser waren das, was wir als »Wöidichn Ochsn« bezeichneten. Nach dem »Ruas Haus« auf gleicher Höhe wie der Weg gab es ein kleines Stückchen Wiese, das ganz steil zum »Duadan Acker« abfiel. Am Rande dieser Böschung standen ein paar Lärchenbäume. Dieser »Rong« wurde dem Gefälle des Weges folgend immer flacher und war an der Grenze von »Kla(r)las« Grundstück nicht mehr vorhanden.

Vor »Hanrich Kårls Sto(d)l« teilte sich der Weg und ging im Bogen steil bergwärts. Dieses Wegstück endete bei den Wiesen und Feldern des Gewanns »Vuaglhee(r)d«. Von dort kam man auf einem Fußsteig durch »Mastawenzls Wallerl« hinter dem »Lei(n)berch« auf den »Neurohlauer Weg«.

Das Haus vom »Hanrich Kårl«, Haus Nr. 66, war wirklich sehr klein, was mir jetzt erst so richtig bewußt wird. Die Grundfläche war höchstens 7 x 5 Meter, einschließlich Stall. Daher war der Platz unter dem mit »Doochpåpp« gedeckten Dach noch kleiner. Auch der Sto(d)l war nur so groß, daß darin gerade ein Wagen ohne Deichsel Platz fand. Die Vorderfront des Hauses war nach Süden gerichtet. Mit der Rückseite war das Häuschen bis zur Dachtraufe in einen steilen Wiesenhang hineingebaut. In diesem Haus kam 1898 mein Vater zur Welt. Die Scheune war im Winkel so dazugebaut, daß der Abort an der linken Hausecke noch dazwischen paßte. Eine Bretterwand, einer Dachhälfte ähnlich war an die zusammenstoßenden Giebelseiten von Haus und Scheune schräg angelehnt, so daß darunter Lagerplatz für Heu und Stroh entstand. Weil dieses Lager nicht abgeschlossen war, konnte man sich darin gut verstecken. Ein tagelang vermiẞtes Liebespaar wurde an einem Sonntagmorgen dort im Stroh entdeckt. Die »Bruck« begann schon am Scheunentor, stieg bis vor das Haus leicht an und war an der Haustür gut 1,5 m höher als der vorbeiführende Weg. Den Höhenunterschied überbrückte der Misthaufen. Hinter dem Haus gab es zwei oder drei Obstbäume. Das Nachbarhaus war ebenfalls nicht groß, hatte aber die Scheune, Stall und Wohnbereich unter einem Dach. Das »Kla(r)las Haus«, Haus Nr. 58, gehörte früher meinem Großonkel Wenzl. Weil die Besitzer dieser beiden Anwesen Brüder waren, gab es keine Zäune zwischen den Grundstücken. Das Haus war in der gleichen Flucht wie das »Hanrich Haus« gebaut, da aber das Gelände dort schon stärker abfiel, führte eine flache Böschnung bis zur »Bruck«, die sich von der Scheune bis zur Haustür hinzog. Nach etwa 20 Metern endete der Weg. Am Übergang zu den Wiesen standen einige Fichten, die sich in die Zwetschkenbaumreihe des »Duadan Bauern« nahtlos einfügten. Hinter diesen beiden Häusern stieg eine Wiese bis zu einem Acker an, der an das Grundstück mit dem Haus des »Eckl Frånzn«, Haus Nr. 94, grenzte.

Haus Nr.66 der Fam. Karl Heinzl
Haus Nr. 66 der Fam. Karl Heinzl

Dieses Haus, es wurde um 1930 gebaut, war eines der höchstgelegenen Häuser von Pechgrün. Nur das alte »Hiacha Haus« lag noch höher. Wie alle Häuser, die zu dieser Zeit gebaut wurden, war es nur zur Hälfte einstöckig, die zweite Hälfte war Dachgeschoß. Die Vorderseite des Hauses war nach Süden gerichtet, man hatte eine herrliche Aussicht auf das südliche und westliche Umland von Pechgrün. Der Garten war terrassenförmig angelegt und war von kleinen Birken begrenzt. Das Haus stand an einem Hang, der zu einer Wiesensenke steil abfiel, welche sich zwischen den Grundstücken vom »Kla(r)las«, »Duadan« und Mastawenzl« erstreckte und sich jenseits des »Neurohlauer Weges« mit der »Bärnhaut« vereinigte.

Zwischen dem Weg, der bei »Hanrich Kårls Haus« im Bogen bergwärts führte und dem Saum von »Naatzns Birklan«, gab es Felder. Direkt am Wald war das Haus mit separat stehender Scheune von »Råchlwenzls Kårl«, Haus Nr. 93, gelegen. Es stand etliche Meter höher als das »Ruas Haus« und blickte nach Westen. Es war zur gleichen Zeit gebaut worden wie das Haus vom »Eckl Frånz«. Sie unterschieden sich nur unwesentlich. Die Kellerräume beider Häuser konnte man durch eine Tür von außen betreten.

Häuser Nr.58 der Fam. Ferdinand Bauer, Nr. 93 der Fam. Karl Frank und Nr. 94 der Fam. Unger
Häuser Nr. 58 der Fam. Ferdinand Bauer, Nr. 93 der Fam. Karl Frank und Nr. 94 der Fam. Unger

Der »Lei(n)berch« am Ortsausgang nach Neurohlau war eine Erhebung, die von zwei »Seichen« gebildet wurde. Die »Erlseich« im Norden führte das Wasser, das von den Hängen des Fuchsberges kam, zwischen dem »Hirtenhüwl« und den »Vuaglhee(r)d« hindurch zur »Untan Bärnhaut«. Die unteren Ausläufer der »Long Wies« und der Senke bei »Eckl Frånzens Haus« formten diesen Bergrücken. Beginnend am Bach stieg der Berg über das Birkenwäldchen des »Eckl Bauern« und »Mastawenzls Fölsn« langsam an und erreichte hinter »Mastawenzls Huaf« in »Mastawenzls Wallerla« seine größte Höhe. Der Lei(n)berch« war ca. 480 m hoch und vereinigte sich am »Vuaglhee(r)d« mit den »Naatzens Birklan« und dem »Neibauern«. Am steilen Südhang stand der Hof des »Mastawenzl«, Haus Nr. 60. Er war ein einstöckiges, großes Gehöft. Die Scheune war im rechten Winkel dazugebaut. Unterhalb einer wuchtigen »Stoa(n)bruck«, die am Haus entlanglief, war die Düngerstätte, der »Miesthaffn« gelegen. Vor der Haustür am Ende der »Bruck« lief Tag und Nacht frisches Quellwasser in einen großen Granittrog. Das Überlaufwasser aus der Quelle sammelte sich einige Meter tiefer in einem Teichlein. Die Rückseite des Stalles und der Wohnbereich des Erdgeschoßes waren in den Südabhang des bewaldeten »Lei(n)berchs« hineingebaut. Die Wohnräume im Obergeschoß konnten ebenerdig von der Rückseite her betreten werden. Über eine aufgeschüttete Rampe konnte man vom Neurohlauer Weg her in den offenen Hof fahren. Der »Mastawenzl Huaf« stand eingebettet zwischen Obstbäumen. Schräg gegenüber vom Haus am Weg zu den Feldern gab es eine Bretterbude mit Satteldach, in ihr war eine Feldschmiede untergebracht. Dort schärfte und spitzte der »Mastawenzl Seff« seine Steinmetzeisen, die beim Steinbrechen stumpf geworden waren.

Hof Nr.60 der Fam. Josef Fäustl
Hof Nr. 60 der Fam. Josef Fäustl

Aus diesem Hof führte ein Weg hinaus in die Felder und zu einem Steinbruch. Oberhalb dieses Steinbruchs standen ein paar Kiefern. Dort erreichte der Lei(n)berchwech« seine höchste Höhe, dann führte er zwischen Feldern und Wiesen an einem Teich vorbei zur »Hirtenhoud«. Auf dieser, einem von der Landwirtschaft nicht benutztem Heideland, befand sich der Pechgrüner Sportplatz. Ein Fußweg führte quer durch den Platz nach Neurohlau. Diesen Weg mußten die Arbeiter und Angestellten der Porzellanfabrik »Bohemia« benutzen, wenn sie zur Arbeit wollten. Ob zu Fuß oder mit dem Fahrrad, bei schlechtem Wetter war die Benützung dieses Weges eine Zumutung.

Die »Hirtenhoud« war in meinem Leben und sicher auch in dem vieler anderer Pechgrüner von Bedeutung. Ursprünglich war es ein brachliegendes Heideland. Die Landwirtschaft war nicht daran interessiert und so blieb es, wie es schon seit ewigen Zeiten aussah. Der Teil, der näher bei Poschetzau lag, gehörte auch zu dieser Gemarkung. Dort wuchs Ginster, man fand ihn sonst in der ganzen Umgebung nicht. Wir nannten diesen Ginsterbestand »Hosenkraut« (Hasenkraut). In seinem Dickicht konnte man herrlich Verstecken spielen. Naturfreunde errichteten dort 1930 dem Heidedichter Hermann Löns ein Denkmal. Auf einem Granitfindling - auf der »Hirtenhoud« gab es viele davon - war eine Bronzeplatte mit dem Porträt des Dichters angebracht. Die Tschechen haben dieses Denkmal nach 1945 zerstört. »D’ iwara Hirtenhoud« war für viele Pechgrüner von größerer Bedeutung. Anfang der zwanziger Jahre haben sportbegeisterte junge Männer aus Pechgrün in Eigenleistung dort einen Sportplatz angelegt. Es mußte Land abgetragen und an anderer Stelle wieder aufgeschüttet werden. Lehmigen Sand gab es in Hülle und Fülle und am Ende waren die Platzverhältnisse auch bei oder nach Regen recht passabel. Auf diesem Platz wurde »Raffball«, eine dem Handball verwandte Spielart, später »Fußball« gespielt und zu allen Zeiten Leichtathletik getrieben. Es waren Gruben für Hochsprung und Weitsprung angelegt, sogar Geräte für den Stabhochsprung waren vorhanden. Kugelstoßen, Schleuderballwerfen und alle Laufdisziplinen wurden ausgeübt. Leider war dieser Platz einen Kilometer von der Dorfmitte entfernt. Das Umfeld des Platzes war in seinem Naturzustand belassen. Auf dem hügeligen Gelände lagen riesige Granitfindlinge, an denen konnten wir Buben unsere Kletterkünste erproben. Mädchen machten dabei nicht mit oder durften nicht mitmachen. Zwischen dem Sportplatz und dem Wald war ein Gebüsch von Birken und Erlen, in dem regelmäßig Indianerspiele stattfanden. In diesem Gebüsch fand man während der »Schwåmmazeit« beachtlich viele Birkenpilze und Rotkappen. Unmittelbar am Wald, dem »Poschetzauern« erhob sich der Kegel des »Hirtenhüwls«, er war die höchste Erhebung dieses Ödlandes. Auf ihm wuchs kniehohes »Heui« (Heidekraut) und darin versteckt fand man oft sehr große »Heuib(ü)lsn« (eine Abart des Steinpilzes). Stellenweise gab es auch Preiselbeerkraut, dann und wann ein einzelnes Birkenbäumchen und natürlich immer wieder Granitfindlinge.