Pechgrüner Straße
Von Chodau bis ins untere Dorf von Pechgrün
Die Pechgrüner Straße war mehr als nur der Weg ins Dorf. Sie verband Pechgrün mit Chodau, führte durch Felder, Teiche und offene Landschaft und reichte bis an den Rand des alten Dorfkerns. Die folgende Beschreibung folgt dieser Straße Schritt für Schritt, so wie sie in den Erinnerungen meines Onkels überliefert ist: vom Aufstieg zur Leitn über das Teichgebiet bis ins untere Dorf von Pechgrün, dort, wo der eigentliche Dorfkern begann.
Links ist der Verlauf der Straße von Chodau bis Pechgrün dargestellt; der grau markierte Bereich kennzeichnet den rechts gezeigten Luftbildausschnitt mit den vorgelagerten Häusern am Dorfrand.
Pechgrün war ein schönes Dorf, vielleicht das schönste in der näheren Umgebung. Eine gut gepflegte Straße verband das Dorf mit Chodau, der größten Stadt im Bezirk Elbogen. Diese Straße wurde 1895 erbaut und kostete 24 207 österreichische Kronen. Ein Drittel dieser Baukosten übernahm die Stadt Chodau. Diese Straße endete im »Iwan Dorf« bei einem größeren Kilometerstein, in dem die Länge von 3,635 km eingemeißelt war.
Die Pechgrüner Straße begann in Chodau bei der Einmündung in die Bezirksstraße nach Neudeck, bzw. nach Heinrichsgrün und führte von 428 m Meereshöhe kurvenreich auf die »Leitn«. Der höchste Punkt der Straße lag bei 465 m. Von dieser Stelle aus hatte man den Kessel von Pechgrün und das ansteigende Erzgebirge vor sich.
Die Berge, die das Dorf einrahmten, waren im Westen der Föllerberg; nach Osten hin erstreckte sich der lange Rücken des Mitterberges, daran anschließend die Goldene Leitn. Zwischen ihr und dem auffälligen Spitzberg floß der Schwarzebach ins Tal. Es folgten der Kahlhau, Fuchsberg und der Håmmerrång. Der Wölfling, schon etwas weiter entfernt, schloß diesen Rahmen ab. Vor diesen gewaltigen Bergrücken, erhob sich der wesentlich niedrigere unbewaldete Vulkankegel des Voitsgrüner Berges. Bei guter Sicht konnte man den Keilberg sehen, mit 1244 m die höchste Erhebung im Erzgebirge. Im Norden erblickte man weit hinter dem Håmmerång den Peindlturm.
Von der Leitn ging es bergab. Links der Straße ein Riesenacker, das »Huaffööld«, 500 m rechts von ihr die Kaolinschlämmereien von Poschetzau. Alte Eichen, dazwischen ein paar Eschen und Vogelbeerbäume säumten die Straße bis zu ihrer niedrigsten Stelle. Dort bog sie fast im rechten Winkel nach Westen ab, um nach 250 m wieder in die alte Richtung, nach Norden einzuschwenken. An dieser Stelle mündete die Eichenallee der »Alten Leitn« in die Straße ein. Dieser Weg war vor dem Bau der neuen Straße die Verbindung nach Chodau, sie wurde nur noch von eiligen Fußgängern benutzt, die schneller nach Oberchodau wollten.
Die Steigung der Straße nach Pechgrün war sanft und erreichte an ihrem Ende beim letzten Kilometerstein die Höhe von 460 Meter. Gleich nach der Einmündung der »Ålten Leitn« kamen schon die ersten Teiche, die recht zahlreich dem Dorf vorgelagert waren; sie wurden schon im 14. Jahrhundert angelegt. Zwischen ihnen lagen sumpfige Wiesen, deren Gras nicht verfüttert werden konnte. Das Vieh fraß es nicht. Der erste dieser Teiche, in denen Karpfen und Schleien gezüchtet wurden, war der »Mühlteich«. Die Eichen, die auf den Dämmen wuchsen, waren ganz bestimmt schon sehr alt. Über den Mühlteichdamm führte ein Weg zum »Hirschteich« und weiter zur Schlämmerei »Osmose«. Zwischen Mühlteich und Poschetzauer Weg lag der »Saierteich« (Sauteich). An seinem Ufer gab es nur Sträucher, keine Bäume. Die Straße führte weiter über den Damm des »Kåstenteiches«. Schleudersteine, etwa 1 m hohe Granitsäulen, säumten dort die linke Straßenseite, sie sollten verhindern, daß Fahrzeuge ins Wasser fuhren. Wenige Meter vor dem Kåstenteich stand neben der Straße eine Birke. Sie war noch nicht sehr alt, aber sie paßte wunderschön in das Bild, das sich dort dem Auge bot. Die Teiche waren stufenweise dem Gelände angepaẞt, so daß das Überlaufwasser des einen in den darunterliegenden floẞ. Der »Herrenteich« war einer der Großen. Es schien, als umarmte er den Kåstenteich. Auf seinem Damm standen viele alte Eichen; es folgte der »Frauenteich«, er wurde vom Wasser des größten, dem »Seeteich« gespeist. An all diesen Teichen wuchsen Eichen, nur am »Kleeteich« gab es Birken. Ein Wäldchen, das an dieses Gewässer grenzte, nannte man »Klejbirkla«. Dort beim Seeteich stand unter einer riesigen Pappel das »Teichwewerhaus« Haus Nr. 63 (Dotzauer).
Die Straße von den Teichen bis zum ersten Haus des Dorfes war gesäumt von Vogelbeerbäumen und Äckern. Das erste Haus am Dorfeingang wurde in den zwanziger Jahren erbaut. Es hatte ein rotes Schieferdach (Eternit). Meine Eltern kauften es vom Stöckner Pepp, der sich vom Erlös im Haus Nr. 73, dem alten »Pleierhaisla«, eine Bäckerei einrichtete. Das Grundstück, auf dem das Haus Nr. 95 erbaut war, maß ca. 20 Ar. Entlang seiner Grenze lief ein Fußsteig von der Straße bzw. vom Poschetzauer Weg zum Feldweg, der vom Herrenteich am Teichwewer vorbei nach Neuhäuser führte. Er wurde von den Fußgängern benutzt, die von Poschetzau kommend nach Neuhäuser, Stelzengrün und Doglasgrün wollten. Auf dem Wiesengrundstück hinter dem Haus pflanzte mein Vater Obstbäume, was anscheinend eine sehr schwierige Angelegenheit gewesen sein mußte, denn es wurde lange visiert und gemessen, bis jedes Bäumchen seinen richtigen Standort gefunden hatte.
Auf dem nun folgenden Straßenstück konnte man den Anblick der Berge genießen, die hinter dem Dorf emporstrebten. Sie waren zum Greifen nahe und umgaben schützend das Dorf. Nach Nordosten hin, einige km hinter der »Hirtenhoud«, sah man den »Voitsgrüner Berg«, einen erloschenen Vulkan, der sich hell vom dunklen »Wölfling« abhob.
Bis zur »Krimming« (Krümmung, Kurve), einer markanten Stelle auf dem Weg ins Dorf, gab es zur Linken die Wohnhäuser vom Fickert (Haus Nr. 74) und Lutz (Schneida) Ferdl (Haus Nr. 90). Zwischen diesen Häusern hindurch konnte man in den Hofraum vom »Lehna Dolfn« sehen. Dieser Hof (Haus Nr. 62) lag nicht an der Straße, er war etwa 40 m von ihr entfernt. Vor Fickerts Haus zweigte ein Weg ab, der zum Lenk führte, so hieß der Besitzer mit Familiennamen. Das Wohn- und Stallgebäude war frontal zur Straße und die Scheune im rechten Winkel dazu erbaut. Einige ältere Obstbäume schlossen den Hofraum ab. Hinter dem Haus standen mehrere Fichten, sie waren bestimmt schon viele Jahrzehnte alt. Bevor man zu diesen Bäumen kam, zweigte ein Fußsteig ab, auf dem man nach weiteren 50 Metern das »Måaliesa Haus« (Haus Nr. 71) erreichte. Es stand zwischen Wiesen und Feldern und war nicht eingezäunt, was in Pechgrün sehr selten war. Etliche Obstbäume gehörten zu diesem Grundstück. Von dort hatte man einen schönen Blick auf das »Intara Dorf« mit seinem Wahrzeichen der »Poopl« (Pappel). Vom »Euin-Huaf« bis zum »Lei(n)berch« lag das Dorf vor einem, dahinter die bewaldeten Berge, ganz auffallend der »Spietzberch«. Unmittelbar in Dorfnähe sah man das »Mitterwallerl« und »s' Neibauern«, abseits davon »d' Earlseich«, ein Waldstück, das den Bergen vorgelagert war.
Das Fickerthaus war ein Wohnhaus mit Satteldach und Erker über der Fronttür. Diese Tür wurde nicht als Eingang benutzt, obwohl mehrere Stufen zu ihr hinführten. Zu beiden Seiten dieser Freitreppe standen große Kastanienbäume. In den Gartenstücken links und rechts vom Haus gab es verschiedene Obstbäume. »Kullnschippla« (Holz- und Kohleschuppen) grenzten das Anwesen zu einer Wiese ab, die zum Lenkhof gehörte.
Das Haus vom »Schneida Ferdl« war ebenfalls nur Wohnhaus und noch sehr neu. Eigentlich hieß es das Haus von der »Peda Mare«, denn sie hat dem Ferdl ihren Hausnamen vermacht. Bei den älteren Pechgrünern war er der »Schneider Ferdl« vom Schneiderhuaf im »Iawan Dorf«. Im dazugehörenden großen Obstgarten waren viele junge Bäume gepflanzt, sie trugen schon Früchte, als die Vertreibung erfolgte.
Diesem Anwesen gegenüber war der »Mastahuaf«, Haus Nr. 68, direkt an die Straße gebaut. Der Hof mit Obstgarten war rundum eingezäunt. Am Garten entlang, auf dem Damm eines trockengelegten Teiches, führte ein Feldweg zu den Äckern und Wiesen im »Boouafn«, einem Stück Land auf einem sanften Hügel, der an die Bärnhaut grenzte. Dieser Feldweg vereinigte sich oberhalb des »Saiateichs« mit dem Weg nach Poschetzau. Das Haus war ein reines Wohnhaus mit einer Tür zur Straße und einem durchgehenden Flur, der einen Ausgang zum Hofraum hatte. Der »Stoo(d)l« (Scheune) mit »Stool« (Stall) trennte den Obstgarten vom Hofraum. Ich kann mich nicht erinnern, daß der Masta Dolf, wie früher, ins »Bergluach« zur Arbeit ging. Er lebte mit seiner Familie vom Ertrag seiner Landwirtschaft. Die Hofeinfahrt war nicht durch ein Tor abgeschlossen. Danach gab es entlang der Straße auf beiden Seiten Felder. Vogelbeerbäume säumten die Straße bis zur »Krimming«.
Das »Reifhaus« war das letzte, welches vor Ausbruch des 2. Weltkrieges noch fertiggestellt wurde. Es bekam die Hausnummer 107. Hinter diesem Neubau begann die »Bärnhaut«, ein Wiesengelände, das sich am Bach entlang in Richtung Poschetzau erstreckte.
An die Äcker zwischen »Mastahuaf« und »Reifhaus« grenzte »s' Loahmwiesl« mit einem Tümpel, der »Loahmteichl« genannt wurde. Es war ein kleines, seichtes Gewässer, heute würde man Biotop dazu sagen, das mit Sträuchern umwachsen war. In seiner Nähe standen zwei große, alte Erlenbäume inmitten einer Wiese, die zum Eckl Huaf gehörte. An die beiden Erlen erinnere ich mich deswegen noch so genau, weil dort die »Sommer Boum« einmal ein Eichhörnchen gejagt und gefangen hatten.
Dann kam die »Krimming«, dort wo sich die Straße nach Nordwesten wandte, sie war mehr als nur eine Kurve. Dort führte ein Graben unter der Straße hindurch, da bildete sich nach heftigen Regengüssen oder nach der Schneeschmelze ein See, der oft bis an »P(ü)lz Kårls Haus« heranreichte, dort hatte der »Siema Wenzl« weit von seinem Haus entfernt eine Scheune. Zwischen zwei Schleudersteinen war eine Eisentraverse eingebaut, dort wo neben der Einfahrt zur Bärnhaut eine »Staun« (Strauch) eine »Huulerstaun« (Holunderstaude) stand, das war die »Krimming«. Es war ein Flurname wie »d' Luuft« oder »d' Weja«.
Von dort bis zu Leo Ostermanns halbem Haus war nur ein Katzensprung. Aus Geldmangel konnte das Haus Nr. 101 nie fertiggebaut werden. An dieser Stelle treffen wir auf den Schwarzebach, der dort seine Laufrichtung verließ; danach floß er ein Stück nach Osten durch die Wiesen der »Bärnhaut« und mündete nach etwas mehr als einem Kilometer in den »Owastteich« (Oberst).
Bevor man das Dorf betrat, erblickte der Beschauer rechter Hand am Bach entlang zuerst einen Vogelbeerbaum und kurz danach zwei Ulmen, dazwischen das Gehöft des »Hommer Tone«, Haus Nr. 54, ein typisch Egerländer Kleinbauernhaus mit Wohnteil und Stall unter einem Dach, das wie die meisten alten Häuser mit geteerter Dachpappe gedeckt war. Ein Schuppen und die separat stehende Scheune bildeten vom Weg nach Neurohlau begrenzt einen kleinen Hofraum.
Neben dem Haus und dem unmittelbar angrenzenden Obstgarten vom »Hiacha Richard« zwängte sich ein Fußsteig zum Haus der »Schindler Mare« (Kempf, Haus Nr. 72) empor. Dieses Haus stand etwa in Firsthöhe zum darunterliegenden Nachbargebäude auf einer Anhöhe. Von dort hatte man eine herrliche Aussicht über die Wiesen und Felder im Süden von Pechgrün, über die Teiche bis zur »Chodauer Leitn« weiter zum »Horner Berg« und dem »Kaiserwald«.
Der »Lei(n)berch« mit »Mastawenzls Huaf« und dem dahinter gelegenen Wäldchen vervollständigten diesen Rundblick.
Von der »Krimming« bis ins Dorf standen am rechten Straßenrand Schleudersteine. Bevor man auf der linken Seite der Straße zur Einfahrt zu »P(ü)lz Kårls Haus«, Haus Nr. 91 kam, standen zwei alte Vogelbeerbäume. Das Haus war etwas von der höherverlaufenden Straße abgesetzt. Es war eingeschoßig und das Satteldach war mit Eternit gedeckt. Weil Kårls Grundstück sehr feucht war, sammelte er Erde und Abraum, und erhöhte damit die Oberfläche seines Gartens, um ihn vor gelegentlichen Überflutungen zu schützen.
Das Haus vom »Dotzauer Ernst«, Haus Nr. 77,war teilweise zweigeschoßig. Sein Satteldach hatte T-Form, weil der eingeschoßige Teil des Hauses im rechten Winkel zum zweigeschoßigen gebaut war. Es stand direkt an der Straße und man kam über eine »Bruck« an der Frontseite des Hauses zum Eingang (die Bruck war ein aus Steinen gemauerter, erhöhter Vorplatz). Das Anwesen war rundum eingezäunt.
An der rechten Zaunecke, schon zum Grundstück der »Werdl Luis« gehörend, stand ein Marterl. Stifter und Grund der Stiftung sind nicht bekannt. Das Haus der Luis, Haus Nr. 47, war schon sehr alt, es hatte ein mit Naturschiefer gedecktes Krüppelwalmdach und lag tiefer als die Straße.