Flüchtlinge aus Glaserhau
Ein fast vergessenes Kapitel der Pechgrüner Geschichte
In den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs kamen Menschen aus einem mehr als 400 Kilometer entfernten, überwiegend deutschsprachigen Dorf in der Slowakei nach Pechgrün. Sie kamen mit Pferdefuhrwerken, brachten mit, was sie auf den Wagen unterbringen konnten, und wurden bei Familien im Dorf einquartiert.
In den Pechgrüner Erinnerungsbüchern findet sich über diese Flüchtlinge nichts. Überliefert ist ihre Geschichte jedoch in den Kindheitserinnerungen von Rudolf Wildner. Eine zweite, unabhängig entstandene Erinnerung von Erich Lill aus dem benachbarten Kösteldorf zeigt, dass Flüchtlinge aus Glaserhau tatsächlich in diese Gegend gelangten.
Glaserhau, heute Sklené, liegt in den Westkarpaten in der Mittelslowakei. Das Dorf gehörte zum sogenannten Hauerland, einem alten deutschen Siedlungsgebiet mit mehreren deutschen Sprachinseln. Seine deutschsprachigen Bewohner gehörten zu den Karpatendeutschen.
Das Massaker vom 21. September 1944
Am 21. September 1944 ermordeten Partisanen 187 deutsche Männer aus dem Dorf Glaserhau. Es war das größte Massaker an der deutschen Zivilbevölkerung der Slowakei während des Zweiten Weltkriegs.
In der Nacht zuvor durchsuchten Partisanen die Häuser des Dorfes und nahmen etwa 300 Männer im Alter zwischen 16 und 60 Jahren fest. Sie wurden zunächst in der Bürgerschule festgehalten. Am nächsten Morgen führte man die arbeitsfähigen Männer unter dem Vorwand, sie würden zu Schanzarbeiten eingesetzt, zum Bahnhof von Glaserhau und verlud sie in sieben Güterwagen.
Der Zug fuhr nur etwa zwei Kilometer in Richtung Oberstuben. Am sogenannten Ebenen Wald hielt er an. Dort mussten zunächst etwa zwanzig Männer eine Grube ausheben.
Anschließend wurden die Männer wagenweise aus dem Zug geholt und erschossen. Insgesamt wurden an diesem Tag 187 Männer aus Glaserhau getötet. Etwa dreißig Männern gelang die Flucht. Weitere 63 Männer aus einem der Eisenbahnwagen entgingen der Erschießung und wurden nach Slovenská Ľupča gebracht.
Unter den Überlebenden befand sich auch der Glaserhauer Pfarrer Josef Pöss. Er überlebte zwischen den Erschossenen und konnte später über das Geschehen berichten.
Für die im Dorf zurückgebliebenen Frauen und Kinder war zunächst vielfach unklar, was mit ihren Männern, Vätern und Söhnen geschehen war. Ottilie Pittner, damals zwölf Jahre alt, erinnerte sich später an die Angst dieser Tage und daran, dass es in Glaserhau kaum eine Familie gab, die nicht einen Angehörigen, Nachbarn oder Freund unter den Toten zu beklagen hatte.
Das Massaker veränderte das Leben im Dorf grundlegend. Für viele Familien war nicht nur ein Angehöriger verloren. Zugleich war das Vertrauen darauf zerstört, in Glaserhau noch sicher zu sein.
Nach dem Massaker
Wie schnell die ersten Familien Glaserhau nach dem Massaker verließen, lässt sich aus den bisher bekannten schriftlichen Quellen nicht vollständig rekonstruieren. Organisierte Evakuierungen sind ab November 1944 dokumentiert, als zunächst Schulkinder mit der Eisenbahn fortgebracht wurden. In den folgenden Monaten verließen weitere Teile der Bevölkerung den Ort.
Rudolf Wildner erinnert sich jedoch an eine andere Form der Flucht. Im Herbst 1944 sah er in Pechgrün einen ganzen Treck schwer beladener Pferdefuhrwerke aus Glaserhau ankommen.
Es liegt nahe, dass diese Menschen Glaserhau bereits vor den organisierten Evakuierungen auf eigene Initiative verlassen hatten. Der von Wildner beschriebene Treck würde zu einer solchen frühen Flucht passen. Ein unabhängiger Bericht über diesen konkreten Treck ist bislang allerdings nicht gefunden worden.
Der Flüchtlingstreck nach Pechgrün
Rudolf Wildner war damals zehn Jahre alt. Jahrzehnte später hielt er fest, was er von der Ankunft des Trecks in Erinnerung behalten hatte.
Wildner schrieb:
„Es könnte so im Herbst 1944 gewesen sein, da kam eines sonnigen Tages aus der Richtung von Köstldorf, dort wo die Ausläufer des Erzgebirges steil abfallen und es gar keine richtige Straße gab, ein ganzer Treck von Pferdewagen in unser Dorf Pechgrün.“
Die Wagen waren schwer mit Hausrat und Lebensmitteln beladen. Die Menschen hatten zu diesem Zeitpunkt bereits einen außergewöhnlich langen Weg hinter sich. Zwischen Glaserhau und Pechgrün liegen rund 470 Kilometer Luftlinie; auf Straßen und Wegen war die zurückgelegte Strecke noch erheblich länger.
Wildner erinnerte sich besonders an die Schwierigkeiten der schweren Fuhrwerke im bergigen Gelände. Nach seiner Schilderung waren die Wagen für solche Gefällestrecken nicht ausreichend gebremst. Beim Bergabfahren drückten die schweren Wagen auf die Zugtiere. Als der Treck Pechgrün erreichte, seien die Pferde am Hinterteil zum Teil schwer verletzt gewesen.
Die Flüchtlinge wurden auf verschiedene Häuser im Dorf verteilt. Bei Wildners Großmutter wurde eine fünfköpfige Familie Schwarz einquartiert.
Wildner beschreibt Herrn Schwarz als großen, schlanken Mann mit einem steifen Bein. Er war Schuhmacher und hatte sein Werkzeug aus Glaserhau mitgebracht. In Pechgrün reparierte er die Schuhe der Dorfbewohner – eine gefragte Arbeit in einer Zeit, in der neue Schuhe kaum noch zu bekommen waren.
Zur Familie gehörten nach Wildners Erinnerung die Ehefrau, die beiden Söhne Fritz und Walter sowie eine Großmutter.
Wildner erinnerte sich noch an einen zweiten Mann aus Glaserhau. Seinen vollständigen Namen wusste er nicht mehr. Vermutlich hieß er Josef und wurde von den Glaserhauern der „Krumme Seppel“ genannt. Auch er war Schuhmacher. Ein Bein sei gesund gewesen, das andere stark verkrümmt. In Pechgrün bekam er eine kleine Stube im sogenannten Rasiererhäuschen, in dem früher der Dorffriseur gearbeitet hatte.
Später kam nach Wildners Erinnerung noch ein jüngerer Mann namens Loisl hinzu. Er war etwa dreißig Jahre alt und war nicht mit dem ursprünglichen Treck nach Pechgrün gekommen.
Besonders deutlich blieben Wildner die Frauen und Kinder in Erinnerung. Die vielen Kinder konnten Hochdeutsch sprechen, untereinander verwendeten sie jedoch ihren Glaserhauer Dialekt, den Wildner kaum verstand. Die Kinder fanden sich nach seiner Erinnerung vergleichsweise schnell in ihrem neuen Alltag zurecht. Anders erlebte er die Frauen. Viele hatten Angehörige verloren und wussten nicht, wie ihre Zukunft aussehen würde. Wildner erinnerte sich an ernste Frauen, die er immer wieder weinen sah.
Flüchtlinge aus Glaserhau in Kösteldorf
Auch Erich Lill aus dem benachbarten Kösteldorf berichtet von Flüchtlingen aus Glaserhau. Seine Erinnerung betrifft jedoch eine andere Familie und einen späteren Zeitpunkt.
Als der siebzehnjährige Erich Lill Mitte Mai 1945 nach seinem Kriegseinsatz nach Kösteldorf zurückkehrte, traf er im Elternhaus auf ein etwa vierzigjähriges Ehepaar mit einem fünfjährigen Sohn. Die drei waren bereits seit März bei seiner Familie einquartiert. Sie kamen, wie Lill schreibt, „aus der Gegend um Glaserhau im Hauerland“.
Den Familiennamen hatte Lill später vergessen. An den Vornamen des Mannes, Josef, erinnerte er sich noch. Dessen Frau war Slowakin und sprach neben Deutsch und Slowakisch auch etwas Ungarisch und Russisch. Nach dem, was Lill von den Flüchtlingen erfuhr, hatte Josef die Gewalttaten in der Heimat überlebt, weil seine Frau ihn verstecken konnte.
Die drei Flüchtlinge wohnten in Lills Zimmer. Nach seiner Rückkehr musste er deshalb mit seinem Bruder in die sonst kaum benutzte „gute Stube“ ausweichen. Die Familie nahm diese Einschränkung gern in Kauf. Lill erinnerte sich später:
„Dabei dachten wir, dass es uns im Vergleich zu unseren unfreiwilligen Gästen noch relativ gut ging.“
An eine Begebenheit mit der Flüchtlingsfrau erinnerte sich Lill besonders. Vier russische Soldaten kamen mit einem einfachen Pferdewagen, einem sogenannten Panjewagen, auf den Hof. Erich wollte sich ihnen entgegenstellen und lief in die Küche, um das große Küchenmesser seiner Mutter zu holen. Die Frau hielt ihn zurück. Weil sie Russisch sprach, konnte sie mit den Soldaten reden und die Situation entschärfen. Lill schrieb später, sie habe ihm damit wahrscheinlich das Leben gerettet.
Die Flüchtlinge blieben bis in den Herbst 1945 bei der Familie Lill. Dass er sich daran so genau erinnerte, begründete er damit, dass sie noch bei der Kartoffelernte dabei waren.
Danach wollten sie in die Slowakei zurückkehren. Zunächst sollte die Reise vom Bahnhof Chodau aus beginnen. Dort stellte sich jedoch heraus, dass dies wegen der damaligen amerikanischen und sowjetischen Besatzungszonen nicht möglich war. Ihr Gepäck musste wieder nach Neudeck gebracht werden, von wo aus sie schließlich die Heimreise antraten.
Mehr als zehn Jahre später erfuhr die Familie Lill durch Zufall, was aus ihren ehemaligen Hausgenossen geworden war. Sie hatten ihre Heimat tatsächlich erreicht, wurden dort jedoch später selbst vertrieben und gelangten schließlich in die sowjetische Besatzungszone Deutschlands.
Chodau als Ziel
Wildner und Lill berichten von unterschiedlichen Flüchtlingen und unterschiedlichen Zeitpunkten. Ihre Erinnerungen lassen sich nicht zu einer einzigen Fluchtgeschichte zusammenfügen. Sie zeigen aber, dass Menschen aus Glaserhau und seiner Umgebung sowohl in Pechgrün als auch in Kösteldorf Aufnahme fanden.
Andere Glaserhauer Erinnerungen zeigen, dass die Gegend um Chodau dabei kein zufälliges Ziel war. Silvester Stric schrieb später über das Kriegsende in Glaserhau, der größere Teil der Flüchtlinge sei ins Sudetenland gegangen, „genauer gesagt, nach Chodau bei Karlsbad“.
Er selbst fuhr erst im Frühjahr 1945 mit einem Eisenbahnwaggon nach Chodau. Als der Transport dort eintraf, waren bereits zahlreiche Glaserhauer in einer Schule untergebracht, in der sich auch eine gemeinsame Küche befand.
Damit ist belegt, dass Chodau in den letzten Kriegsmonaten zu einem wichtigen Aufnahmeort für Menschen aus Glaserhau wurde. Ungeklärt bleibt jedoch, wann diese Verbindung entstand. Wir wissen nicht, ob die Gegend um Chodau bereits als Ziel feststand, als der von Wildner beschriebene Pferdetreck im Herbst 1944 aufbrach, oder ob frühe Flüchtlinge selbst den Weg für später Nachkommende bereiteten.
Zwei Dörfer weit voneinander entfernt
Glaserhau und Pechgrün lagen rund 470 Kilometer Luftlinie voneinander entfernt. Bis zum Herbst 1944 hatten die beiden Dörfer vermutlich kaum etwas miteinander zu tun.
Das änderte sich in den letzten Monaten des Krieges. Menschen aus Glaserhau lebten nun in Pechgrün und Kösteldorf. Andere gelangten nach Chodau und in weitere Orte des Sudetenlandes.
Doch auch dort fanden sie nur für kurze Zeit Zuflucht. Die Orte, in denen sie aufgenommen worden waren, wurden wenige Monate später selbst von Krieg und Vertreibung erfasst. Für viele Glaserhauer bedeutete die Flucht aus der Slowakei deshalb nicht das Ende ihres Weges. Sie mussten erneut weiterziehen. Manche kehrten zunächst nach Glaserhau zurück und wurden später von dort ausgesiedelt, andere gelangten von Westböhmen aus weiter nach Deutschland.
Wie der von Rudolf Wildner beschriebene Pferdetreck nach Pechgrün kam und weshalb gerade die Gegend um Chodau sein Ziel war, wissen wir bislang nicht. Doch die verschiedenen Erinnerungen ergänzen einander.
Rudolf Wildner bewahrte die Erinnerung an den Treck und an die Menschen, die in Pechgrün Aufnahme fanden. Erich Lill berichtete von einer anderen Flüchtlingsfamilie im benachbarten Kösteldorf. Ottilie Pittner und andere Glaserhauer Zeitzeugen überlieferten das Massaker, die Angst der zurückgebliebenen Familien und die späteren Evakuierungen. Silvester Stric dokumentierte schließlich die Verbindung zwischen Glaserhau und Chodau.
Zusammengenommen erzählen diese Berichte von Menschen, die innerhalb weniger Monate mehrfach ihre Heimat oder ihren Zufluchtsort verloren. Pechgrün, Kösteldorf und Chodau waren für sie nur Stationen auf einem Weg, dessen Ende sie beim Aufbruch aus Glaserhau nicht kennen konnten.
Quellen
Tomáš Klubert: „21. september 1944. Masaker v Sklenom“, historische Darstellung zum Massaker vom 21. September 1944.
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Ottilie Pittner / Anita Schwarz: Glaserhau – Erinnerungen für die Ewigkeit, 2018.
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Anita Schwarz: Verbrannte Erde – verbrannte Seelen, Erinnerungen und Dokumente zur Geschichte Glaserhaus.
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Rudolf Wildner: „Der Flüchtlingstreck“, aus den Kindheitserinnerungen Fast wie im richtigen Leben.
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Erich Lill: „Kriegsende und Vertreibung aus dem Sudetenland“, Zeitzeugenbericht.
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Silvester Stric: „Das Kriegsende 1945 in Glaserhau“, Karpatenblatt, 1998.
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