Vertreibung aus Pechgrün
Erinnerungen an Abschied, Vertreibung und die letzten Jahre des Dorfes
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs veränderten sich die Lebensverhältnisse der deutschen Bewohner Pechgrüns grundlegend. Häuser und Höfe wurden ihren bisherigen Eigentümern entzogen und neuen Besitzern zugewiesen. Manche Familien mussten ihre Häuser verlassen, obwohl sie zunächst weiterhin im Dorf blieben. Im Laufe des Jahres 1946 wurde der größte Teil der deutschen Bevölkerung in mehreren Transporten aus Pechgrün vertrieben.
Mehrere Pechgrüner haben später aufgeschrieben, wie sie diese Monate erlebten. Ihre Erinnerungen unterscheiden sich in Einzelheiten und Ton, ergeben zusammen aber ein eindringliches Bild der letzten Monate der deutschen Bevölkerung in Pechgrün.
Januar 1946 – Familie Lutz verliert ihr Haus
Irene Lutz war gerade 18 Jahre alt geworden. Am 10. Januar 1946 feierte sie im Haus Nr. 90 mit ihrer Familie und einigen Freunden Geburtstag. Schon an diesem Abend lag eine bedrückende Stimmung über der Feier. Ihre Mutter sagte einen Satz, den Irene nach eigener Aussage nie vergessen sollte:
„Wollen wir anfangen zu essen, denn ich weiß nicht, ob ich euch morgen noch was zum Essen anbieten kann.“
Sechs Tage später erhielt die Familie heimlich die Warnung, dass ihr Haus in Kürze „besetzt“ werde. Sie versuchte daraufhin, einige persönliche Dinge bei Bekannten unterzubringen.
Am Morgen des 18. Januar 1946 erschienen ein Kommissar und zwei weitere Männer. Der Familie wurde mitgeteilt, dass sie das Haus innerhalb einer halben Stunde verlassen müsse. Selbst die Zither der Mutter durfte nicht mitgenommen werden.
Eine Besonderheit bewahrte die Familie zunächst davor, das Haus ganz verlassen zu müssen: Im oberen Stockwerk wohnte die Familie Wildner zur Miete. Ella Wildner hielt sich zu diesem Zeitpunkt mit ihren beiden Kindern bei ihrer kranken Mutter auf und gestattete den Lutz, ihre Wohnung zu beziehen. So lebten die bisherigen Eigentümer nun als Geduldete im eigenen Haus. Noch am Vormittag des 18. Januar wurde das Haus von der Familie Mühlheim übernommen. Die Familie war deutscher Abstammung; Herr Mühlheim hatte sogar in der deutschen Wehrmacht gedient. Nach Irene Lutz’ Erinnerung konnte die Familie jedoch über die tschechische Großmutter Janicek als sogenannte „Kommissare“ auftreten und das Haus übernehmen. Irene bezeichnet die Mühlheims deshalb in ihrem Bericht als die „Besetzer“.
Die Transporte beginnen
Im Frühjahr 1946 begannen die Transporte der deutschen Bevölkerung aus Pechgrün. Oswald Heinzl berichtet, dass der erste größere Transport um Ostern abging. Die Betroffenen mussten sich in Pleiers Gasthaus einfinden. Dort wurde ihr Gepäck noch einmal durchsucht, bevor sie nach Neusattl gebracht wurden.
Anschließend ging fast jeden Monat ein weiterer Transport aus Pechgrün ab. Gleichzeitig kamen neue Bewohner ins Dorf:
„Immer leerer wurde das Dorf von Deutschen, dafür strömten Tschechen herein.“
50 Kilogramm für ein neues Leben
Karl Redelbach berichtet von der amtlichen „Aufforderung“ (Výzva), die sein Vater zur Aussiedlung erhalten hatte. Als Redelbach seinen Vater nach der Vertreibung wiedersah und ihm das Schreiben noch einmal vorlas, standen diesem nach seiner Erinnerung die Tränen in den Augen.
Einen Tag habe die Familie Zeit gehabt, die erlaubten Sachen einzupacken. Am folgenden Morgen musste sie um acht Uhr bei Pleiers Gasthaus sein.
In einem weiteren Beitrag gibt Redelbach den Text dieser Aufforderung wieder. Sein Vater hatte sich demnach am 16. Mai 1946 um 8 Uhr mit seinem Gepäck bei Pleiers Gasthaus in Smolnice zum Abtransport nach Deutschland einzufinden.
Mitgenommen werden durften Kleidung, Wäsche, Schuhe, Bettwäsche, notwendiges Geschirr und Lebensmittel für sieben Tage – insgesamt 50 Kilogramm pro Person. Möbel, Radio- und Fotoapparate, Schmuck und zahlreiche andere Gegenstände waren verboten. Beim Verlassen der Wohnung mussten die Eingänge verschlossen und versiegelt werden; die Schlüssel waren der örtlichen Verwaltung zu übergeben.
Der Transport vom Mai 1946
Familie Lutz hatte sich für den ersten Transport gemeldet, weil sie unter den gegebenen Umständen Pechgrün möglichst bald verlassen wollte. Sie hatte bereits die erlaubten Sachen gepackt. Beim ersten Versuch im April war jedoch kein Platz mehr auf dem Lastwagen. Die Familie musste mit Sack und Pack wieder umkehren.
„Ihr kommt mit dem zweiten Transport dran“, wurde ihnen gesagt. Am 15. Mai kam schließlich die Nachricht: Am nächsten Tag sollten sie fort.
Am 16. Mai 1946 brachte die Familie ihre Habe zu Pleiers Gasthaus. Dort wurden die Ausreisenden einzeln kontrolliert und ihr Gepäck durchsucht. Irene schildert, wie ihr ein selbstgemachtes Täschchen mit Fotografien abgenommen werden sollte. Ein anderer anwesender Mann griff ein und gab es ihr zurück. Andere Gegenstände wurden ihr aber abgenommen.
Anschließend wurden die Menschen auf einen Lastwagen verladen. Irene beschreibt den Augenblick, in dem sie Pechgrün verließ:
„So fuhren wir, wie Sträflinge, dicht gedrängt auf dem Lastwagen, aus unserem schönen, bis dahin so geliebten Heimatort.“
Von der Leiten aus blieb ein letzter Blick zurück auf das Dorf. Der Lastwagen brachte sie nach Neusattl, wo in der neuen Schule ein Durchgangslager eingerichtet worden war. Nach und nach trafen dort weitere Menschen aus den umliegenden Orten ein.
Sylvia Fischer: „Damals begann ich Menschen zu hassen“
Mit demselben Transport mussten auch die damals 15-jährige Sylvia Fischer und ihre Mutter Pechgrün verlassen.
Auch sie beschreibt die Kontrolle in Pleiers Gasthaus. Ihre Säcke seien auf den Boden ausgeschüttet, Bett- und Tischwäsche sowie Teile der Unterwäsche weggenommen worden. Aus einer Holztruhe wurden Gegenstände herausgenommen, Klöppelnadeln auf dem Boden verstreut und Steppdecken aufgeschlitzt.
Von den erlaubten 50 Kilogramm Gepäck sei ihnen danach nur wenig geblieben. Sylvia fasste ihre Erinnerung Jahrzehnte später in einem drastischen Satz zusammen:
„Damals begann ich Menschen zu hassen.“
Gleichzeitig erinnert sie sich auch an eine menschliche Geste: Der bei der Kontrolle anwesende Arzt, Herr Horner, brachte ihnen später eine zunächst aussortierte Küchenwaage ins Lager nach Neusattl.
Von Neusattl nach Deutschland
Am 21. Mai wurden die Menschen nach Irenes Erinnerung in Viehwaggons verladen. Alte Menschen, Erwachsene und Kinder befanden sich zusammen mit ihrem Gepäck in den Waggons. Irene saß mit anderen während der ganzen Nacht an der offenen Waggontür.
Als der Zug am Morgen die Grenze erreichte, warfen die Vertriebenen ihre weißen Armbinden, die sie als Deutsche kennzeichneten, aus dem Zug.
In Wiesau wurden sie registriert und ärztlich untersucht. Danach ging die Reise weiter. Irene erinnert sich an die Fahrt durch das zerstörte Würzburg und Gießen. Die Familie Lutz kam schließlich am 27. Mai 1946 nach Alten-Buseck. Andere ehemalige Pechgrüner lebten in der Umgebung, sodass zumindest einige der alten Verbindungen bestehen blieben.
Die letzten Monate – Oswald Heinzl
Oswald Heinzls Tagebuch ermöglicht einen Blick auf Pechgrün, nachdem bereits viele Bewohner fort waren.
Heinzl bewirtschaftete im Frühjahr und Sommer 1946 weiterhin die Felder seiner Familie. Gleichzeitig beschreibt er, wie Vieh, landwirtschaftliche Geräte und Grundstücke zunehmend anderen Nutzern zugeteilt wurden. Immer wieder kam es zu Durchsuchungen und Auseinandersetzungen. Ihm war dabei bewusst, dass auch seine Familie nicht bleiben würde.
m September wurde klar, dass auch Heinzl mit seiner Familie Pechgrün verlassen musste. Am 19. September 1946 belud er seinen Kastenwagen mit den wenigen Dingen, die die Familie mitnehmen wollte, spannte seinen Ochsen Hans ein und fuhr damit zu Pleiers Gasthaus, wo das Gepäck noch einmal durchsucht und kontrolliert wurde.
„Ich spannte meinen Ochsen Hans ein und fuhr zum letzten mal in meiner Heimat, dem Gasthaus Pleier zu.“
Auf dem Rückweg kam Heinzl nur bis zur Bachbrücke beim Fellner. Dort wartete bereits ein Mann, der ihm das Gespann abnahm.
Am Nachmittag brachte ein Traktor mit zwei Anhängern die 24 Personen dieses Transports nach Neusattl. Die noch verbliebenen deutschen Bewohner standen im Dorf und winkten ihnen nach.
Am 23. September ging die Reise mit der Bahn weiter. Auch Heinzl beschreibt die weißen Armbinden, die an der Grenze aus den Waggons geworfen wurden. Über Wiesau und Niederbayern gelangte er schließlich nach Wolfakirchen. Dort begann für ihn die schwierige Suche nach einer Unterkunft und einem neuen Leben.
Wer gebraucht wurde, musste bleiben
Nicht alle Pechgrüner wurden jedoch vertrieben. Manche wurden als Fachkräfte in den Betrieben der Umgebung gebraucht und durften das Land nicht verlassen. Auch Oswald Heinzl berichtet, dass benötigte Facharbeiter von den Transportlisten gestrichen und einzelne Personen sogar aus dem Lager in Neusattl zurückgeholt wurden.
Wie das im Einzelfall aussehen konnte, beschreibt Karl Redelbach am Beispiel von Langhammer Pepp. Viele Pechgrüner arbeiteten im Bergbau und vor allem in der Porzellanindustrie. Für die Herstellung des böhmischen Porzellans wurden erfahrene Brenner, Maler, Dreher, Gießer, Glasierer und andere Spezialisten benötigt. Nach Redelbachs Darstellung wurden solche deutschen Fachkräfte zurückgehalten, damit die Produktion weitergeführt und tschechische Arbeitskräfte angelernt werden konnten.
Langhammer Pepp arbeitete in der Porzellanfabrik Bohemia. Er hatte dort junge Tschechen auszubilden und galt als unabkömmlich. Eine „Legitation“, wie Redelbach schreibt, bestätigte seine Unabkömmlichkeit.
Pepp wollte jedoch wie viele andere Pechgrüner nach Deutschland aussiedeln. Er stellte einen Antrag und wandte sich an die Verwaltung der Bohemia, denn nur sein Betrieb konnte ihn freigeben. Dort erhielt er nach Redelbachs Erinnerung eine unmissverständliche Antwort:
„Sie können machen, was Sie wollen, fort kommen Sie nicht! Sie schaden sich nur selbst! Bleiben Sie, und Sie bekommen die gleiche Lebensmittelkarte wie die tschechischen Staatsbürger. Später können Sie vielleicht einmal fort. Vielleicht können Sie dann sogar Ihre Sachen mitnehmen!“
Redelbach fasst die Situation knapp zusammen:
„Dem Pepp blieb nichts anderes übrig, als zu bleiben.“
Für Pepp bedeutete dieses Bleiben jedoch nicht einige Monate oder wenige Jahre. Während die meisten deutschen Bewohner Pechgrüns fort waren, lebte er mit seiner Familie weiterhin im Dorf.
In den folgenden Jahrzehnten verschwand das alte Pechgrün Stück für Stück. Viele Häuser standen leer und verfielen. Um 1960 wurde nach Redelbachs Erinnerung erstmals von der geplanten Zuschüttung des Dorfes gesprochen. Schließlich rückten die Abraummassen immer näher an Pechgrün heran, und auch die verbliebenen Bewohner zogen nach und nach fort.
Pepp wohnte mit seiner Frau Anna im Haus Nr. 100 beim Flor Karl, am „Wöidich’n Ochs’n“.
Das Leben in dem inzwischen weitgehend verlassenen Dorf wurde immer schwieriger. Der Strom war bereits abgeschaltet. Abends saßen die verbliebenen Bewohner beim Licht einer Petroleumlampe. Lebensmittel und andere Dinge des täglichen Bedarfs mussten zu Fuß oder mit dem Fahrrad aus Chodau geholt werden. Richtige Wege aus dem Dorf gab es kaum noch. Gleichzeitig wurde der geleerte Kastenteich als Müllabladeplatz genutzt.
Einer nach dem anderen verließ nun auch der kleine Rest der Bevölkerung das Dorf. Am 19. November 1968 gingen nach Redelbachs Bericht Langhammers zwei Töchter sowie die Familien Singer und Möckl.
Danach waren Pepp und Anna allein in Pechgrün.
Redelbach schildert, wie schwierig diese Situation besonders für Anna gewesen sein müsse, wenn ihr Mann bei der Arbeit war. Immer wieder kamen Menschen in das verlassene Dorf und suchten in den alten Häusern nach Dingen, die noch zu gebrauchen waren. Zugleich rückte die Aufschüttung immer näher an ihr Haus heran.
Im Oktober 1969 gaben schließlich auch Pepp und Anna auf. Sie verließen Pechgrün und zogen nach Chodau.
Doch Pepps ursprünglicher Wunsch von 1946 war damit noch immer nicht erfüllt. Durch seine Ehe mit Anna, die aus ihrer ersten Ehe die österreichische Staatsbürgerschaft besaß, eröffnete sich später eine Möglichkeit zur Aussiedlung. Erst im August 1973, fast 27 Jahre nachdem Pepp seine erste Ausreise verwehrt worden war, gelang ihnen die Ausreise.
Karl Redelbach bezeichnet Pepp und Anna deshalb als die „allerletzten Pechgrüner“.
Quellen
Für diese Zusammenfassung wurden die folgenden Erinnerungen aus den Büchern „Pechgrün – Geschichte und Erinnerungen“ verwendet. Die Originalbeiträge können als PDF gelesen werden.
Irene Lutz: „Erinnerungen an die schlimmsten Tage meines Lebens“
PDF ansehen
Sylvia Fischer: „Damals begann ich Menschen zu hassen“
PDF ansehen
Oswald Heinzl: „Aus dem Tagebuch von Oswald Heinzl“
PDF ansehen
Karl Redelbach: „Wir sollten es nie vergessen“
PDF ansehen
Karl Redelbach: „Vom Osser bis zum Allerletzten“
PDF ansehen