Die Tischler Gerber
Josef und Richard Gerber – zwei Generationen Pechgrüner Handwerksgeschichte
Von Frühbuß nach Pechgrün
Josef Gerber wurde am 4. Dezember 1865 in Frühbuß im hohen Erzgebirge geboren. Am 29. Mai 1891 heiratete er die Pechgrünerin Johanna Lorenz. Deren Eltern waren bereits Besitzer des Anwesens Nr. 26. Josef heiratete damit in eine Pechgrüner Familie und in das Anwesen ein, auf dem er in den folgenden Jahrzehnten seine Tischlerei aufbaute.
Sein Enkel Rudolf Wildner beschreibt die Anfänge als ausgesprochen bescheiden. Josef sei mit „ein bischen Werkzeug in einem Rückenkorb“ aus Frühbuß nach Pechgrün gekommen.
Über seinen Großvater erinnert sich Rudolf Wildner:
Nach Erzählungen unserer Mutter war der Großvater eine sehr strenge Person. Wenn er zur Tür reinkam, waren alle still, keiner wagte es laut zu sprechen oder gar zu lachen. Mit dem Einsatz all seiner Kräfte und das erwartete er auch von seinen Söhnen, der Frau und den Gesellen, verfolgte er ein Ziel: den Aufbau seiner Tischlerei.
Wie die damalige Denkweise war und auch heute noch ist, zeigt ein Beispiel: Als kleines Nebeneinkommen wurde mit Hilfe der Bienen Honig produziert. Die acht Kinder bekamen davon allerdings nichts, der Honig wurde verkauft. Die Kinder durften mal ein paar Waben auskauen.
Sein Wirken war erfolgreich, er baute das alte Haus um, erwarb als zweites Standbein einen Hektar Acker- und Wiesenland und baute eine neue Werkstatt.
Leider ist der erstgeborene Sohn Franz 1914/18 aus Rußland nicht zurückgekehrt, was die Familie und da besonders die Mutter sehr belastete. Das war so bis in die Zeit meiner Kindheit. Alles, was vom Onkel Franz stammte, wurde in großen Ehren gehalten. Da war z. B. eine von ihm angefertigte filigrane Laubsägearbeit an der Wand, darin 3 Bürsten steckten, also ein Bürstenhalter. Den durften wir als Kinder nicht anfassen, geschweige von der Wand nehmen. Es hieß immer: das oder das ist vom Onkel Franz.
Auch Johanna arbeitete beim Aufbau des Familienbetriebes mit. Bei größeren Aufträgen half sie selbst in der Werkstatt. Rudolf Wildner überliefert dazu einen Ausspruch seines Großvaters:
„Die Hannl ersetzt mir einen Gesellen.“
Josef Gerber und die Feuerwehr
Josef Gerber war nicht nur als Tischler im Dorf bekannt. Er gehörte auch zu den Wiederbegründern der Pechgrüner Feuerwehr.
Als Josef Gerber am 20. Dezember 1933 starb, hinterließ er etwas ganz anderes als das, womit er mehr als vier Jahrzehnte zuvor nach Pechgrün gekommen war: ein ausgebautes Anwesen, Acker- und Wiesenland und einen etablierten Tischlereibetrieb, den die nächste Generation weiterführen konnte.
Richard übernimmt die Tischlerei
Nach dem Tod des Vaters übernahm sein Sohn Richard Gerber den Betrieb. Auch Richards Bruder Emil hatte in der väterlichen Tischlerei gearbeitet, bevor er in den dreißiger Jahren nach Neudek übersiedelte.
Rudolf Wildner erinnert sich:
Nun übernahm der Sohn Richard die Produktion. Er baute nicht nur Türen und Fenster für Neubauten, sondern auch Möbel aller Art sowie Ski, welche zwar keine Qualitätserzeugnisse waren wie die vom Eisen-Stingl in Chodau, dafür aber sehr billig. Durch sein florierendes Geschäft konnte er sich das erste und einzige Personenauto in Pechgrün leisten. Manchmal nahm er uns mit wenn er nach Chodau oder Karlsbad fuhr und wir gerieten in Angst wenn uns ab und zu ein Auto entgegenkam. Obwohl die Familie Gerber hieß, waren das im Dorf nur die Tischlerkinder.
Wie für die meisten kleinen Buben, so war auch für mich die Tischlerwerkstatt eine interessante Welt. Der Bankraum und der Maschinenraum waren durch eine Tür miteinander verbunden und der Onkel gebot mir an dieser stehenzubleiben, bevor er die spänespuckende Hobelmaschine oder die ratternde Bandsäge in Betrieb nahm. Um den ungewohnten Lärm von meinen Ohren fernzuhalten stand ich an der Tür und hielt mir die Ohren zu, währenddessen der Meister mit den großen Hölzern hantierte. Ich hatte damals eine Körpergröße welche es mir erlaubte gerade so auf die Hobelbank zu blicken, aber wenn ich etwas basteln wollte war es schwierig. Als ich eines Tages mit einem Stemmeisen meine Wange verletzte, war man seitens der Erwachsenen froh, daß ich nicht das Auge getroffen hatte. Um einen weiteren Unfall zu vermeiden wurden geeignete Holzteile vor die Hobelbank gelegt damit ich etwas größer war und dadurch mein Gesicht aus der Gefahrenzone brachte. Wenn der Tischler Zapfen schneidet dann entstehen als Abfall die sogenannten Schlitzbrettchen. Mit Hilfe eines leichten Hammers und kleinen Nägeln stiftete ich diese Brettchen so zusammen, daß Tisch und Stühle entstanden. Mama und Onkel haben diese wertlosen Erzeugnisse anerkennend gelobt, was mich erfreute. Der Onkel hat diesen Schrott mit brauner Beize noch etwas verschönert. Ich war stolz auf meine Arbeit und habe diese Erzeugnisse meinem bescheidenen Spielzeugsortiment zugeordnet.
Richard Gerber stellte nicht nur Ski her, er war auch selbst begeisterter Skifahrer.
Auch Erich Heinzl erinnert sich an die Gerbers und ihre Tischlerei:
Nachdem der ålt Tischler in seinem Hinterhof eine neue große Werkstatt gebaut hatte, übernahm der Richard die Produktion. Er baute nicht nur Türen und Fenster für die Neubauten und Möbel aller Art, er stellte auch Ski her. Die Ski waren keine Qualitätserzeugnisse, wie sie der Eisenhändler Stingl in Chodau verkaufte, dafür waren sie unerhört billig. Beim Stingl kosteten ein Paar Eschenski 110 Kc, beim Gerber Richard brauchte man nur 30 Kc für die 1. Wahl Ausführung zu bezahlen. Beim Bau der neuen Werkstatt gab es Schwierigkeiten mit der Kohle, der Besitzerin des Hauses Nr. 69. Es kann kein Mensch in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Dieser Spruch traf auf das Verhältnis Gerber–Kohl wortwörtlich zu. Wäre der Neubau so ausgeführt worden, wie es der Plan vorsah, dann wäre die linke Werkstattecke zu nahe an die Grundstücksgrenze gekommen. Weil die Kohle dies nicht duldete, es war ihr gutes Recht auf den Bauvorschriften zu bestehen, wurde die Werkstatt fünfeckig gebaut.