Rudolf Wildner trägt vor

Das Gedicht „Winter in Pechgrün“ von Karl Redelbach

Im August 2026 besuchte Claus Kircheiss den über 90-jährigen Rudolf Wildner bei ihm zu Hause. Bei diesem Besuch entstand auch diese schöne Aufnahme, in der Rudolf ein Stück seiner Erinnerungen an Pechgrün mit uns teilt.

Rudolf Wildner wurde 1934 in Chodau (Chodov) geboren. Als er vier Jahre alt war, zog die Familie nach Pechgrün, dem Heimatort seiner Mutter, wo er aufwuchs.

In der Aufnahme erzählt er von Karl Redelbach aus Pechgrün, der Gedichte über das Dorf und das Leben seiner Bewohner verfasste. Eines davon hat Rudolf bis heute im Gedächtnis: „Winter in Pechgrün“, das er hier im Egerländer Dialekt vorträgt.

Das Gedicht schildert einen Wintertag im damaligen Pechgrün so anschaulich und mit so vielen kleinen, oft humorvollen Beobachtungen aus dem Alltag, dass man sich beim Zuhören beinahe selbst in das Dorf zurückversetzt fühlt: Kinder sausen auf Fassdauben durch den Schnee und über die Schanzen, vor einem Stadel streiten sich die Vögel um einen Brocken Brot, der Postler bringt die Weihnachtspost, ein Bergmann kommt vom Heinrichschacht nach Hause, und am Abend hört man nur noch das Feuer prasseln und die Mutter mit ihren Klöppeln rasseln.

Die Aufnahme bewahrt damit nicht nur ein Stück Erinnerung an das verschwundene Dorf Pechgrün, sondern auch ein Stück seiner Mundart und Alltagskultur.

Winter in Pechgrün

Nach dem Vortrag von Rudolf Wildner transkribiert. Links steht der Text im Egerländer Dialekt, rechts die hochdeutsche Übertragung.

Winter in Pechgrain,
drass is 's kålt u Nachts hat 's g'schneit.
Af d'Weihnacht'n is 's nimmer weit.

Winter in Pechgrün,
draußen ist es kalt und nachts hat es geschneit.
Bis Weihnachten ist es nicht mehr weit.

d'Feicht'n biag'n sich unter'm Schnei,
drie'm am Wåldrand stenga Reih.

die Fichten biegen sich unter dem Schnee,
drüben am Waldrand stehen Rehe.

Über d'Leit'n all dei Baima
han voll Said'nschwanz u Seima.

Über der Leitn all die Bäume
sind voll Seidenschwänze und Zeisige.

Die Leitn ist der Hausberg von Chodau. „Seima“ ist die mundartliche Bezeichnung für Zeisige.

Vom Meisla siat ma's ojestaub'n,
kloina Buab'n mit Fasseldaub'n.

Vom Meislberg sieht man es herunterstauben,
kleine Buben mit Fassdauben als Skiern.

Fassdauben waren die gebogenen Bretter eines Fasses. Kinder verwendeten sie früher als einfache Skier.

Mer mou sich wunnern, wei dei Ranzen
scho ohjespringa über d'Schanz'n.

Man muss sich wundern, wie diese Ranzen
schon über die Schanzen springen.

„Ranzen“ ist hier scherzhaft für die Buben bzw. Lausbuben gebraucht.

U tschienern do'n se, d'Buab'n u d'Moidla,
dei håb'n Courasch, da fleig'n dei Kleudla!

Und tschienern tun sie, die Buben und die Mädels,
die haben Mut, da fliegen die Kleider!

„tschienern“ bezeichnet das Rutschen oder Schlittern auf Eis.

Vor'm Master-Wenzl sei'm Stadel dau'er
raffen Spåtzen mit ner Graue,
immer an alt'n Brock'n Broat,
d'Viagl hab'n jetzt große Noat.

Vor dem Stadel vom Master-Wenzel dort
zanken Spatzen mit der Krähe,
über einen alten Brocken Brot,
die Vögel haben jetzt große Not.

Der Postler bringt a Weihnachtskart'n,
der Nachbar schaufelt Schnei im Gart'n.
Am Kutscherberch wird Åscha g'straht,
a Fuahrmann bringt's Deportat.

Der Postbote bringt eine Weihnachtskarte,
der Nachbar schaufelt Schnee im Garten.
Am Kutscherberg wird Asche gestreut,
ein Fuhrmann bringt das Deportat.

„Deportat“ bezeichnete eine festgesetzte Sach- oder Naturallieferung, etwa von Holz, Kohle, Getreide oder anderen Gütern.

A Weib geiht schnell nu Essen trog'n,
der Mo braucht ganz schnell woas im Mog'n.
Es geiht ja scha aaf Zwölfa zu,
er schimpft glei, wenn er wart'n mou.

Ein Weib geht schnell noch Essen austragen,
der Mann braucht ganz schnell etwas im Magen.
Es geht ja schon auf zwölf Uhr zu,
er schimpft gleich, wenn er warten muss.

Der Duaglasgraina Bäck bringt Broat,
u oiner, der a Radl håt,
rutscht aas u fällt in tief'n Schnei!
Ban Aufsteihn sagt er: „s'Boan tuat weh!“

Der Doglasgrüner Bäcker bringt Brot,
und einer, der ein Fahrrad hat,
rutscht aus und fällt in tiefen Schnee!
Beim Aufstehen sagt er: „Das Bein tut weh!“

Er soucht sa Uhr – die Tasch is laa,
d'Uhr liegt im Schnei, es is holber draa.

Er sucht seine Uhr – die Tasche ist leer,
die Uhr liegt im Schnee, es ist halb drei.

Nu zwoa, draa Stund', af is scho Nåcht,
a Mo kemmt ham von Heinrichschåcht.
Für jed'n Schritt doa verzaiht er 's G'sicht,
bei derer Költ', doa plågt nan d'Gicht.

Noch zwei, drei Stunden, dann ist schon Nacht,
ein Mann kommt heim vom Heinrichschacht.
Bei jedem Schritt verzieht er das Gesicht,
bei dieser Kälte plagt ihn die Gicht.

Sa Ålta håt heit aa ihr Gfrett,
di Kinner woll'n net ain ins Bett.
Di denk'n scho an murg'n u låcha,
di woll'n vor'm Haus an Schneimo mach'n.

Seine Frau hat heute auch ihre liebe Not,
die Kinder wollen nicht hinein ins Bett.
Die denken schon an morgen und lachen,
die wollen vor dem Haus einen Schneemann machen.

„Gfrett“ bedeutet Mühsal, Plage oder Ärger.

Da Voada versteiht für soa waas koin Spaß,
er schaut nur vo der Zeiting aaf,
scho san se wei zwoo Schaifla brav.

Der Vater versteht für so etwas keinen Spaß,
er schaut nur von der Zeitung auf,
schon sind sie wie zwei Schäflein brav.

Erst schlaaft das Moidl, aff der Bua,
aaf oimal is im Haus a Ruah.

Erst schläft das Mädel, dann der Bub,
auf einmal ist im Haus eine Ruhe.

Mer hei'rt nur noch's Feia prasseln
u d'Moadr mit ihrn Glibbln rasseln.
Drass'n murmalt staat der Boch,
u d'Nacht verschluckt dein Wintertoch.

Man hört nur noch das Feuer prasseln
und die Mutter mit ihren Klöppeln rasseln.
Draußen murmelt still der Bach,
und die Nacht verschluckt den Wintertag.

„Glibbln“ sind die Klöppel beim Spitzenklöppeln.