Wo ist Pechgrün?
Rudolf Wildner auf der Suche nach dem Pechgrün seiner Kindheit
Rudolf Wildner wurde 1934 in Chodau geboren und kam als kleines Kind mit seinen Eltern nach Pechgrün. Dort wuchs er auf. Viel Zeit verbrachte er in der Tischlerei seiner Großeltern und seines Onkels. Später wurde er selbst Schreiner und arbeitete als Betriebsschreiner bei einem großen Unternehmen der pharmazeutischen Industrie.
1999 kehrte Rudolf Wildner nach Chodau zurück. Von dort machte er sich auf die Suche nach Pechgrün, dem Dorf seiner Kindheit, aus dem seine Familie nach dem Krieg vertrieben worden war. Doch er fand Pechgrün nicht mehr. Zu sehr hatte sich die Landschaft verändert. Seine Suche und die Erinnerungen, die dabei wieder lebendig wurden, hielt er anschließend fest.
Rudolf Wildners Bericht
Die Fotografien zeigen die von Rudolf Wildner beschriebenen Orte in ihrem heutigen Zustand.
Es ist Sonntag, ein freundlicher Herbsttag des Jahres 1999. Zwar ist der Himmel etwas bedeckt, aber es regnet nicht. Langsam schlendere ich durch die kleine Stadt, in welcher ich vor nunmehr 65 Jahren geboren wurde. Vor vielen Jahren war dieser Ort zusammen mit der Nachbargemeinde Pechgrün meine Heimat, die Stätte meiner Kindheit. Nun bin ich zurückgekehrt, der erste Besuch nach 53 Jahren. Ein Fremder bin ich unter Fremden. Nicht nur daß die hier lebenden Menschen eine andere Sprache sprechen, welche ich nicht verstehe, auch das vertraute Bild der Stadt ist nicht mehr vorhanden.
Ganze Stadtteile sind einfach verschwunden, ersetzt durch himmelragende Hochhäuser von 8 bis 10 Etagen. Zwar stoße ich hin und wieder auf Gebäude, die mir aus der Kindheit vertraut sind, so zum Beispiel die Bürgerschule, die evangelische Kirche mit dem kleinen Park sowie einige Bürgerhäuser, und es ist mir zumute, als träfe ich alte Bekannte wieder. Viel könnten sie erzählen, diese alten Gemäuer, aber sie bleiben stumm und schweigen.
Auch das Haus meiner Großeltern väterlicherseits ist dieser „Säuberungsaktion“ zum Opfer gefallen. Das Viertel mußte Platz machen für ein Einkaufszentrum sowie zahlreiche Hochhäuser. Hier in Ober-Chodau stand meine Wiege, hier übte ich mich bei meinen ersten, unsicheren Schritten und machte an der Hand meiner Mutter die ersten Erkundigungen, so z. Beispiel mal rüber zum Fleischer Enders, dessen übergroßer Hund mir immer großen Respekt oder besser gesagt Angst einflößte. Oder um die Ecke zum Kaufmann Dietrich oder in die nahegelegene Mühle mit dem Mühlteich, deren tönendes Räderwerk mich jedesmal in großes Erstaunen versetzte.
Nach wenigen Jahren in Chodau verlegten meine Eltern unseren Wohnsitz nach Pechgrün, wo wir bis zur großen Vertreibung weilten.
Nachdem ich meinen Rundgang durch die Stadt fortgesetzt habe, stehe ich nun vor ihr, der barocken Kirche Sankt Laurentius aus dem Jahre 1725. Auf einer Anhöhe stehend und daher weithin sichtbar, war dieses Gotteshaus früher das Wahrzeichen der Region. Hier in diesem Gebäude des Glaubens wurden meine Eltern getauft und hier schlossen sie den Bund fürs Leben, und auch wir, die Kinder, empfingen hier die Taufe.
Mein erster Eindruck ist erschreckend, tiefe Risse durchziehen das Mauerwerk, das Dach ist reparaturbedürftig, der Außenputz schadhaft. Man könnte Millionen investieren, aber wer hat diese für eine Kirche in diesem Land.
Neben der Kirche der Friedhof. Hier ruhen die Gebeine der Großeltern väterlicher- und mütterlicherseits. Trotz intensivster Bemühungen an anderen Tagen sind die Grabstätten nicht mehr auffindbar. Wohl aber manche mir bekannte Personen.
Ich verlasse diesen Platz, gehe bergab zur Straße, welche nach Pechgrün führt. Unten an der Ecke war das Eisenwarengeschäft Stingl, heute ist es verschwunden. Schon als Bub faszinierte mich das Werkzeug in den Auslagen und nie kam ich an diesem Haus vorbei, ohne mir die Nase an den kleinen Schaufenstern platt zu drücken.
Nun bin ich auf der Straße und gehe Richtung Pechgrün. Linkerhand der Bach rauscht dahin wie eh und jeh, aber was muß ich zu meiner Rechten feststellen? Die kleinen, biederen Bürgerhäuser, darunter das Lebensmittelgeschäft Richter, alle sind verschwunden. Himmelragende Hochhäuser, die Fassaden geschwärzt vom Ruß der Braunkohle, haben sie verdrängt.
Und dann stehe ich vor einem Gebäude aus der Kindheit, die sogenannten Fenkelhäuser, heute ein Hotel, die Fassade sauber renoviert. Langsam geht es bergauf. Links von der Straße einige Häuser aus der Vorkriegszeit, sie sind sauber renoviert, dazwischen sogar ein schmucker Neubau.
Wie schon früher macht nun die Straße eine leichte Krümmung nach links, und hier rechts des Weges treffe ich eine alte Bekannte wieder: die alte, mächtige Birke, deren Anblick mich schon als Kind erfreute. Leise rauschen ihre Zweige, so als wollte sie mir manches aus vergangener Zeit erzählen. Die beiden riesigen Espen hingegen, welche in unmittelbarer Nähe standen, gibt es nicht mehr, die eine wurde noch kurz vor Kriegsende von den Deutschen gefällt und für Holzvergaser verwendet, die andere von den Tschechen.
Die ehemalige Fahrstraße nach Pechgrün ist in einen ca. 2 m breiten Weg umfunktioniert worden und mit quadratischen Platten aus Beton belegt. Nun geht es bergauf zur „Leitn“. Auf halbem Weg bleibe ich stehen. Von hier aus kann man über weite Teile der Stadt schauen, heute genauso wie früher. Aber den vertrauten Anblick gibt es nicht mehr. Hochhäuser beherrschen das Bild der Stadt. Direkt unterhalb der Straße die Landschaft verwildert, kleine Birken und Hagebuttenhecken in großer Anzahl. Erfreulicherweise grüßen die alten Alleebäume der „Alten Leitn“ herüber, so wie in fernen Kindertagen.
Kurze Zeit später hat der Betonweg den höchsten Punkt erreicht, ich bin auf der „Leitn“. Gleich einer gigantischen Riesenschlange überquert ein Röhrenpaar von ca. 1 m Durchmesser diesen markanten Punkt und windet sich bis zum Horizont durch die Landschaft. Was hier geleitet wird, entzieht sich meiner Kenntnis, vermutlich ist es Fernheizung. Man wird diesem landschaftsverschandelnden Ungetüm noch öfters begegnen.
Ein kleiner Parkplatz, eine Schranke quer über den Weg, ein alter Baum von früher, der einzige, der noch steht, aber auch dieser tot und abgestorben, das ist heute das Bild von der „Leitn“. Wenn man früher diesen Punkt erreicht hatte, so war der mühselige Anstieg geschafft und die Straße führte bergab, vorbei an den Teichen, und kurze Zeit später war man an den ersten Häusern von Pechgrün.
Und welches Bild bietet sich mir heute? Ein See großen Ausmaßes liegt vor mir. Auf der Leitn kein See; unvorstellbar aber wahr. Ein paar Angler gehen ihrer Beschäftigung nach, in kleinen Gruppen haben sich Birken und Buschwerk am Ufer angesiedelt und ein weißer Schwan zieht lautlos seine Runden. Für den unwissenden Fremden mag das durchaus ein friedlicher Anblick sein, nicht aber für mich, da ich doch weiß, daß diese gigantische Erdaufschüttung mein Heimatdorf für immer und ewig ausgelöscht hat.
Ein Weg führt um den gesamten See herum. Am rechten Seeufer entlang setze ich meine Wanderung fort, verlasse den Weg und schreite auf unwegsamen Gelände über die aufgeschüttete Halde, unter welcher meine Heimat war. Hier hatten die Ahnen mütterlicherseits unter harten Bedingungen sich abgeplackert und für ihre Familien gesorgt. Wald und Wiese, Feld und Flur sowie das gesamte Dorf, alles verschlungen von der grauen Masse.
Anmerkung: Wildner erwähnt hier erstmals einen Baggerführer, von dem er sich verabschiedet. Die vorausgegangene Begegnung mit ihm ist in seinem Bericht nicht beschrieben.
Ich verabschiede mich von dem Baggerführer, steige einen 10–15 m hohen Steilhang herunter und befinde mich nun auf einer Ebene, bestehend aus dieser grauen Aufschüttung. Es führt sogar ein bequemer, ca. 3 m breiter Weg über das Gelände, auf welchem ich zügig vorankomme. Am Horizont erkenne ich einen alten Bekannten wieder, den Spitzberg.
In einem Bergeinschnitt erspähen meine schwachen Augen, verhangen vom leichten Nebel, kleine, weiße Flecken. Ich vermute, daß dies die Häuser von Kösteldorf sein könnten. Diese weißen Flecken setze ich mir als Fernziel und marschiere zügig weiter.
Auf der grauen Halde hat sich bereits eine spärliche Vegetation angesiedelt, kleine Gehölze, aber knie- bis brusthohes Gestrüpp, verdorrt aussehend und von mir mangels botanischer Kenntnisse nicht benennbar. Aber eine mir bekannte Bodenpflanze scheint hier gut zu gedeihen; es ist die anspruchslose Huflattich. An Lebewesen sehe ich weder einen Vogel noch eine Schnecke oder einen Wurm. Noch nicht einmal die überall vertretenen Ameisen sind hier anzutreffen. Nur ein einziger schwarzer Käfer überquert eilends meinen Weg.
Nachdem ich ungefähr 40 Minuten gewandelt bin, komme ich an einen ca. 10 m hohen Steilhang. Es ist dies das Ende der Halde. Direkt rechts neben mir ragen ein paar unscheinbare Felsbrocken aus der Masse. Später werde ich erfahren, daß dies der Rest vom Affenfelsen ist.
Zum Glück ohne Schaden steige ich den Steilhang herunter. Eine brusthohe Wand aus Beton versperrt mir den Weg. Als ich über diese Brüstung schaue, sehe ich dahinter ein kleines, klares Gewässer plätschernd dahineilen: unseren ehemaligen Dorfbach.
„Lieber guter Schwarzebach, was hat man mit Dir gemacht? Du warst die Lebensader unseres Dorfes, Dein Wasser war so rein, daß wir es trinken konnten. In Deinen sauberen Fluten tummelten sich zahllose Forellen. Du warst die Quelle für Mensch und Tier. Nun hat man Dich in dieses häßliche Korsett aus Beton und Stahl verbannt, in welcher Kloake wirst Du wohl enden?“
Ich überquere den Bach und sehe eine meterdicke Staumauer aus Beton. Später wird man mir sagen, daß hier die Wehrmühle stand. Auf einem breiten Fahrweg aus jüngerer Zeit schreite ich bergauf, bis ich nach ca. 15 Minuten an einen freien Platz komme. Der breite Fahrweg führt bergab. Links dagegen führt ein unscheinbarer, etwas zugewachsener Weg bergauf.
Ich entschließe mich, den schmalen Weg zu beschreiten und muß nach kurzer Zeit erkennen, daß dies der obere Teil des alten Weges von Pechgrün über die Schnitreich nach Kösteldorf ist. Diesen Weg bin ich als Kind schon mehrmals gegangen, mit den Eltern, später mit Freunden. Sogar die Wasserrinnen sind noch vorhanden, wenngleich erneuert.
Nun geht es steil bergauf, links und rechts des Weges stehen stattliche Fichten, dazwischen wie von Riesenhand hingeschleudert, graue Felsbrocken. Bald wird der Weg flacher, der Wald lichter, eine Wiese liegt vor mir und darauf am Waldrand ein Haus. Ein älteres Ehepaar ist im Garten damit beschäftigt, Brennholz zu zerkleinern. Ich frage, ob ich in Kösteldorf bin, was diese deutschsprechend bejahen. Man bittet mich ins Haus und gibt mir zu trinken. Ich nenne den Namen eines Bekannten aus der Schulzeit, welcher hier in Kösteldorf wohnen soll.
Nach kurzer Rast verlasse ich diese freundlichen Leute und wandere auf mit Teersplit befestigten Wegen durch das Dorf. Der Ort ist sehr malerisch, die Häuser stehen weit auseinander. Man sieht keinen Menschen, nur ein paar Pferde auf der Weide. Als ich endlich ein paar Leute antreffe, so können diese kein deutsch und wieder einmal begreife ich, daß ich nun mal ein Ausländer in meiner alten Heimat bin.
Und dann kommt der Augenblick, wo ich meinem Bekannten aus der Kinderzeit gegenüberstehe, nach 53 Jahren. Wie schön das ist, wenn ich mit ihm unsere unverfälschte Mundart sprechen kann in diesem fremden Land. Wir werden noch einiges gemeinsam unternehmen und er wird mir noch vieles zeigen.
So machen wir eine Wanderung zum Affenfelsen und zum Trahnschneider-Haus. Von diesem ehemals abseits des Dorfes im Wald gelegenen Anwesen zeigen nur noch ein paar Steine und eine Gruppe von Akazien den Standort an. Auch diese mächtige Fichte am Trahnschneider wurde vor ca. 2 Jahren gefällt. Nur noch der große Wurzelstock ist vorhanden.
Unter sachkundiger Führung meines Bekannten besichtigen wir noch den ehemaligen Standort der Wehrmühle, sowie den Ortsteil Neuhäuser, von welchem noch ca. 3 Häuser vorhanden sind, sowie die sagenumwobene Höhle des Föllerberges, vor der ich als Kind im Krieg stand und ängstlich in die Dunkelheit blickte. Ohne die Hilfe meines Bekannten hätte ich das alles niemals mehr gefunden. Ein gemütliches Beisammensein beendet diesen erlebnisreichen Tag.
Und nun zum Schluß eine Anmerkung: Um nur annähernd deutlich zu machen, welche unvorstellbar gigantische Materialmenge auf unserem Heimatort Pechgrün lastet, muß man sich eine waagrechte Linie von der Leitn bis zur Wehrmühle vorstellen, und alles, was sich unterhalb dieser gedachten Linie befindet, wurde mit dieser grauen, unwirtlichen Bergwerksmasse aufgefüllt. Man muß annehmen, daß die Pechgrüner Häuser 50–70 m unter der jetzigen Oberfläche begraben sind.
Und so wie ich vernommen und auch gesehen habe, geht die Aufschüttung weiter. Eine neue Schicht von 6–8 m Höhe wird aufgetragen. Tag für Tag rollen weitere Züge heran. Eine Umweltzerstörung, welche ihresgleichen in ganz Europa suchen kann, verursacht von Menschenhand.
Unser schönes Heimatdorf Pechgrün ist für immer und ewig ausgelöscht, aber Dank einiger engagierter Pechgrüner Bürger wird es weiterleben. Bei uns Zeitzeugen in unserer Erinnerung und bei der kommenden Generation durch unsere Pechgrüner Literatur.
Schicksal eines Dorfes
Bereits 1998, ein Jahr vor seinem Besuch, erschien im dritten Pechgrüner Erinnerungsband Rudolf Wildners Gedicht „Schicksal eines Dorfes“.
Wanderer, ziehst du in der Welt umher
und ein Ort erscheint dir öd und leer,
weder Baum noch Strauch zieret dieses Land,
die Erde ist wie ausgebrannt.
Dann senke dein Haupt, knie nieder und bete,
denn hier fand sie statt, die große Tragödie.
Hier lebten einst Menschen in Frieden und Freude,
es waren einfache, fleißige Leute.
Man hörte das Weinen und Lachen der Kinder,
die Ställe beherbergten Pferde und Rinder.
Es sangen die Vögel, es krähte der Hahn,
auf dem Teich glitt dahin der hölzerne Kahn.
Das Wasser im Bach so hell und klar,
der Wald so schön wie im Märchen war.
Und fragst du: „Wo sind die Menschen geblieben“?
Die Antwort: „Sie wurden gewaltsam vertrieben“.
Dort wo das Leben hat geblüht,
wo jeder sich hat abgemüht,
wo die Mutter an meiner Wiege gesungen,
die Halde vom Bergwerk hat alles verschlungen.
Das Land verwüstet, die Natur geschunden,
so ist unser schönes Pechgrün verschwunden.
Verstummt ist das Lachen, verklungen die Lieder,
die alten Zeiten kehren nie wieder.
Versunken bist du, unser Heimatort,
doch in unseren Gedanken da lebst du fort.