Erinnerungen an Pechgrün

Kindheitserinnerungen und Dorfleben

Karl Redelbach · Aus: Pechgrün am Fuße des Erzgebirges – ein verschüttetes Dorf. Geschichte und Erinnerungen.

Dieser Text versammelt Erinnerungen an Pechgrün in zusammenhängender Prosa. Anders als im Skizzenheft beschreibt Karl Redelbach nicht den Verfall des Dorfes aus unmittelbarer Nähe, sondern blickt aus zeitlicher Distanz auf Kindheit, Dorfleben, Wege, Orte und Landschaften zurück. Die Erinnerung folgt dabei keinem historischen Anspruch, sondern dem persönlichen Gedächtnis: ruhig, beschreibend, manchmal tastend – getragen von Nähe zum Ort und von Sprache. Namen, Hausnummern und Flurnamen im Text sind anklickbar. Sie führen zu weiterführenden Informationen im Stammbaum, zu den Wegbeschreibungen der Häuser sowie zur Flurnamenkarte.

Büst va Pechgräin?
Oft sitz i da(u) u denk' mit Huiwäd u a(n Pechgräin.
Ii mach nä mena Aug'n a bißl zu,
af säh ii una Dörfl, håia d' Huimat gåih(n,
u all's sua, woi's wår, oals kluina Bou.

So beginnt ein Gedicht, das ich vor einigen Jahren geschrieben habe. Ich glaube, es war 1980.
Sitzen und sinnieren ist eine schöne Sache, nachdenken und sich zurückerinnern. Gedanken sind wie Fledermäuse: wenn man sie einmal aufgescheucht hat, dann schwirren sie einem im Kopf herum und berühren alle Stationen eines langen Lebens.

Es ist gut, daß man das Schlechte im Leben schneller vergißt als das Gute. Wenn man erzählt, dann meinen die Zuhörer, man hätte das Leben »auf Rosen gebettet«, voller Glück und Freude, hinter sich. Oft ist das Gegenteil der Fall. Man sagt, daß alte Menschen sich besser an weit Zurückliegendes erinnern können als an Gestriges. Demnach glaube ich nun doch, daß ich schon zu den Alten zähle, denn ich kann mich an Erlebnisse aus meiner frühesten Jugend so scharf erinnern, als wären sie in Stahl gestochen. Wenn meine Frau mich aber zum Einkaufen in den Laden gleich nebenan schickt, dann komme ich selten zurück, ohne die Hälfte vergessen zu haben.

Im Alter von knapp 5 Jahren sagte mein Bruder Fred einmal zu mir: »Heint genma in d' Brauwabeer, dörfst mit gåih(n)!« Ich habe diesen Satz noch Wort für Wort im Kopf.

Nun gut, wir gingen früh bald los. Die Sonne brannte an diesem Tag, wie schon lange nicht mehr. Ich hatte die kurzen Hosen an und an den Füßen nur Sandalen. In der Spitzseich hatten wir schnell einen Brombeerplatz aufgestöbert, der unsere Herzen lachen ließ.

Gegen Mittag sagte ich zu meinem Bruder heulend: »Mich haut in mein Fous woos g'stochn!« Fred besah sich die zwei winzigen Bluttropfen über meiner Ferse, und sagte: »Dees wär a Kreizatta, Kreizatta haut di biss'n!«

Er band fachgerecht mein Bein ab, Schnüre hatte er immer genug in der Tasche, dann nahm er mich auf seine Schulter und rannte nach Hause. Ich sehe noch die entsetzten Augen meiner Mutter vor mir, als sie hörte, mich hätte eine Kreuzotter gebissen. In einem Kinderwagen fuhr sie mich, fast immer im Laufschritt, bis unter die Leit'n, dann ging ihr die Luft aus. Sie keuchte den Berg hinauf wie eine alte Dampflok. Auf der anderen Seite, nach Chodau hinunter, ging es dann leichter. Ich weiß noch jedes Wort, das der Arzt sagte, um mich zu beruhigen, bevor er begann die Bisswunde mit einer glühenden Nadel auszubrennen.

Ist das nicht eigenartig, daß man alles noch genau so weiß? Auch bei meinem ersten Schultag ist es so. Wer erinnert sich nicht an seinen ersten Schultag, als wäre es gestern gewesen?

Ich spüre die Angst noch in mir, die ich vor diesem Tag hatte. Warum Angst?
Nun, mir wurde immer, wenn ich etwas angestellt hatte, mit den Worten gedroht:
»Na warte, wenn du in die Schule kommst, da wird man dir schon Mores beibringen! Jeden Tag wirst du deine Prügel bekommen, wenn du dich nicht besserst!«
Mit solchen Prophezeiungen beladen, trat ich den schweren Gang zur Schule an.

Die Mutter leistete mir wohl Beistand und ging mit mir bis zu der alten Pumpe vor dem Kutscherbauern-Haus (Nr. 3), aber dort schob sie mich weg und sagte: »Öitz mous al(i)n weita seah!« und klammerte ihre Hände und wollte, daß sie mit in die Schule kommt und sich neben mich auf die Bank setzt.

Da kam der Klarlaß Toni wie »gewunschen« vom Kutscherberg heruntergesaust. Der Toni war damals schon in der 2. oder 3. Klasse, ein alter Hase sozusagen. Ihn bat meine Mutter, er möge mich mit in die Klasse nehmen. Ich verkroch mich in den grobleinen Arbeitskittel meiner Mutter, aber der Toni langte fest zu und schleifte mich plärrend in die Klasse. Dort setzte er mich auf die vorderste Bank und sagte: »Da bleibst du sitzen, bis es losgeht!«

Mit »losgehen«, dachte ich, wären die Prügel gemeint, die man mir Tag für Tag prophezeit hatte.
Da saß ich nun und machte mir Gedanken, ob ich wohl »von Hand« oder mit dem Stock versohlt würde.

Der Zuber, damals Oberlehrer, betrat die Klasse, aber nichts geschah, keine Prügel und kein böses Wort.
Im Gegenteil, der Zuber erzählte uns eine Geschichte, eine sehr spannende sogar. Ich glaube, es war die Föllerberg-Sage. Als er damit fertig war, harrte ich abermals der kommenden Dinge mit großer Angst. Der Lehrer griff auf den Schrank neben der großen Tafel, und ich dachte: »Jetzt kommt's!« Aber es war wieder nichts. Er holte nur seine Geige vom Kasten, stimmte und klimperte ein wenig darauf herum, probierte einige zaghafte Töne, die allmählich in Melodien übergingen. Es war eine Melodie, die ich kannte, »Der Mai ist gekommen«. Wer wollte, durfte mitsingen.

Als ich begann, am Schulbetrieb Gefallen zu finden, war der Unterricht beendet und der Lehrer schickte uns heim. Ich rannte vom Kutscherbauern (Nr. 3) bis nach Hause (Nr. 22), um meine Nachricht schnellstens zu überbringen: »Ich habe gar keine Prügel bekommen!« rief ich schon unter der Haustür meiner wartenden Mutter zu und flog in ihre ausgebreiteten Arme.

Wenn man einmal mit dem »sich-erinnern« angefangen hat, dann schießen einem die Gedanken wie aufgescheuchte Flitzen im Kopf herum. Sie gehen weit zurück und kommen wieder ganz nahe. Man erinnert sich an die Freunde, an die, die noch leben, und an die vielen, die in Rußland oder sonstwo geblieben sind.

Ich glaube, als wir hinauszogen in den Krieg, hatte sich alles geändert. Wir waren uns nie mehr so nahe wie in unserer Schulzeit, nie mehr so nahe wie damals in dem Wäldchen zwischen den Teichen. Oder damals, wo wir an einem warmen Ostertag am Affenfelsen saßen. Oder bei unseren Streifzügen durch das blühende Hasenkraut auf der unteren Hirtenhut. Und niemals mehr so wie auf den Wanderungen, zu denen wir uns oft so spontan entschlossen hatten.

Es waren immer dieselben, nämlich: die vom Stamm der Mohikaner, die ihre Jagdgründe zwischen Stärkenteich und Pfarrteich hatten. »Weißt du noch«, man möchte jeden Satz mit »weißt du noch?« anfangen. Weißt du noch, damals, bei Sangerberg, wo wir unter der Talsperre zu schlafen versuchten? Die Kälte war stärker als der Schlaf. Erst oben, nahe dem Ort, lagen wir dann am lodernden Lagerfeuer und schliefen in den Tag hinein. Was waren das doch für freie, glückliche Zeiten, und wir waren wir immer eins mit der Natur!

Dem Dichter Peter Coryllis, den ich sehr schätze, wären damals diese schönen Sätze nicht eingefallen, in denen es heißt:

»Wieder Ehrfurcht lernen vor der Bewegung des Halmes,
und deine Stunden werden zu Feiertagen.«

Das sind Sätze, die in die heutige Zeit passen, in eine Zeit, in der man beginnt, der Natur nachzutrauern.

Ich erinnere mich an eine Radtour, die ich mit Richard machte. Das war auch eine von diesen schnell improvisierten Touren. Da wurden nicht lange Landkarten studiert und vorbereitet. Von heut' auf morgen hieß es da: Wir fahren zum Karl-May-Museum nach Radebeul. Schlafsäcke hatten wir nicht, ein Zelt hatten wir auch nicht. Mein Fahrrad war eine alte Schleuder, mit der man sich heute nicht vor's Haus trauen würde. Der Richard allerdings, er stammte ja aus gutem Hause, hatte ein Ballonrad. Das war damals große Mode, und damit konnte er sich schon sehen lassen.

So fuhren wir los, zuerst in Richtung Komotau. Dort übernachteten wir das erste Mal bei einem Bauern. Am nächsten Tag fuhren wir über Zinnwald, hinüber ins Sächsische. Weiter ging es über Chemnitz (das heutige »Karl-Marx-Stadt«) nach Dresden, der Hauptstadt von Sachsen. Drei Tage waren wir bisher unterwegs und schliefen einmal beim Bauern, einmal im Strohhaufen und einmal unter freiem Himmel, nur mit einer Decke zugedeckt. Da hatten wir »die Bewegung des Halmes« täglich vor Augen, und jeder Tag war ein Feiertag.

Am vierten Tag hatten wir dann unser Traumziel erreicht: Radebeul, Karl-May-Museum. Wieviel gäbe es über dieses Erlebnis zu erzählen! »Silberbüchse«, »Bärenfänger«, »Henry-Stutzen«, alles lag leibhaftig vor unseren Augen. Wir hatten alles gesehen, worüber wir schon so viel gelesen hatten. Einen ganzen Tag Indianer und alles, was dazu zu tun hatte. Das machte sogar uns müde.

Nun wollten wir wieder heim. Diesmal sollte es über Aue, Klingenthal und Neudeck gehen.
Vorher machten wir aber noch einen Besuch bei Richards Tante, die in dieser Gegend wohnte. Ich weiß nicht mehr genau, wie dieses Städtchen hieß, aber ich erinnere mich genau, daß dort ein ganz tolles Schwimmbad war, mit richtigen Schwimmbahnen und einem mächtigen Sprungturm. Als wir da hinaufblickten, zehn Meter war er hoch, war ich noch so mutig zu sagen: »Dåu spring i amål unte!« Der Richard war vielleicht mutiger, als er sagte: »Ii neat!« Wir stiegen also hinauf, ich immer noch mutig, aber je höher wir kamen, desto stiller wurde ich.
Oben, auf der Plattform, war auch der kleine Rest Mut, den ich noch hatte, verflogen wie der Tau in der Morgensonne. Wie beneidete ich da Richard im stillen um sein »Ii spring neat!«, das er unten gesagt hatte.
Aber »ein Mann ein Wort«, wie es so schön heißt. Ich ging vor an den Absprung und sah in die Tiefe. Wie klein dieses Schwimmbecken auf einmal war, in dem die vielen kleinen Köpfe herumschwammen. Hilfesuchend ging mein Blick noch einmal zu Richard zurück, aber sein Gesicht zeigte kein Mitleid. So holte ich noch einmal tief Luft, drückte die Augen zu und sprang. Der Flug schien mir kein Ende zu nehmen. Als ich ins Wasser eintauchte, öffnete ich die Augen. Ich stieß fast bis auf den Boden hinunter, denn ich verstand damals noch nicht, die Hände beim Eintauchen richtig abzuwinkeln, um den Bogen zur Wasseroberfläche abzuflachen. So raste ich in voller Fahrt immer tiefer und tiefer. Ich sah noch immer Dunkelheit voller Phantasmen um mich, als ich merkte, daß die Luft knapp wurde. Instinktiv schlug ich mit Armen und Beinen um mich, um wieder an die Oberfläche aufzusteigen. Als ich die Sonne endlich wieder sah, hatte ich keinen Schnaufer Luft mehr in mir.
Es war fürchterlich, aber der Richard schwärmt heute noch von meinem tollkühnen Sprung. Er braucht ja nicht zu wissen, wie es dabei in mir aussah.

Damals, als ich meinen »allerersten Kopfsprung« machte, stand Richard auch an meiner Seite. Es war am »Eun-Teich«, und ich war kaum 6 Jahre alt. Was war das doch für ein erbärmlicher Hüpfer gegen diesen Zehn-Meter-Sprung.
Vorne, wo der Weg nach Stelzengrün ging, war am Ufer eine Steinplatte, von dort bin ich abgesprungen.
»Schön den Kopf nach unten beim Eintauchen, die Beine gestreckt und hoch!«, wurde mir immer gesagt, »sonst gibt es einen Baucherer!«
Dies alles beherzigend, stieß ich auch hier kerzengerade auf den Grund und wirbelte den Schlamm auf. Ich spürte auch einen Schlag und ein Reißen am Kopf, aber ich war zu sehr mit dem Sprung beschäftigt, um darauf zu achten. Als ich auftauchte und aus dem Wasser stieg, blieb dem Richard der Mund vor Entsetzen offen stehen. Mein ganzer Kopf glich einer geschlossenen Blutlache. Ich hatte am Grund eine messerscharfe Steinkante gestreift. Es stellte sich zum Glück heraus, daß die Schramme kaum 5 Zentimeter lang war, wie tief weiß ich nicht.
Mein nasser Kopf ließ das Blut so im Gesicht zerfließen, daß ich einen fürchterlichen Anblick bot. Das Loch war doch groß genug, daß mich damit nicht heim traute. Richards Mutter, die selige Bauma Emma war dann die barmherzige Samariterin, die mich verarztete. Nach »Art des Hauses« leerte sie mir eine halbe Flasche Arnika über den Schädel, daß es brannte, als müßte ich Hölle und Fegefeuer auf einmal abbüßen.
Mit einem handgroßen Kopfpflaster versehen und mit guten Wünschen schickte sie mich nach Hause. Als meine Mutter diesen arg ramponierten Kopf sah, waren Sorge und Mitleid so groß, daß die sonst übliche Tracht Prügel ausblieb.
So hat halt das Schicksal jedem von uns seine Narben hinterlassen.

Auf der Fußsohle habe ich auch noch so eine Erinnerung. Es wird wohl die älteste Narbe an mir sein, und sie kann sich heute, nach so vielen Jahren, noch sehen lassen.
Immer wenn mein Enkelsohn dieses Wundmal beim Baden oder bei sonst einer Gelegenheit sieht, muß ich ihm die Geschichte darüber erzählen.

Und die Geschichte geht so: Ich war als Kind nie ein großer Freund des runden Leders. Wenn mir aber zufällig einmal ein Ball vor die Füße sprang, dann schlug ich auch ab und zu danach.
So passierte es, daß bei einer Kickerei auf dem kleinen Platz vor Glöckners Gasthaus (Nr. 28), zufällig ein Ball auf mich zurollte, obwohl ich gar nicht am Spiel beteiligt war.
An diesem Tag schien ich einen begnadeten Fuß zu haben, denn ich erwischte den Ball »vollspann«, wie die Fußballer sagen, er flog sehr weit und so hoch, daß er auf dem Dach von Franz Karls Schlachthaus (Nr. 78) aufsprang und schließlich im Bach landete.

»O Schreck!« dachte ich, »nun wird das Spiel durch mich so lange verzögert!« Ich fühlte mich verpflichtet, den Ball schnell wieder ins Spiel zu bringen, und sprang ihm, barfuß wie ich war, über die Brücke hinunter nach, um ihn noch zu schnappen, ehe er über das Wehr hinuntertrieb. Auch damals waren die Menschen nicht besser als heute und warfen, was sie so haben konnten, einfach in den Bach. Diesmal war es eine alte Bierflasche, genauer gesagt, der Flaschenboden, von dem seitlich einige scharfe Zacken hochstanden, wie bei einer königlichen Krone. Und genau auf dieser Flaschenkrone landete ich bei meinem Sprung. Als die jungen Fußballer die weitklaffende Wunde auf meiner Fußsohle sahen, war es mit der Spielfreude vorbei. Es war ein schrecklicher Anblick. Meine Mutter, die schon eine Menge Kinder großgezogen hatte, war an Verletzungen solcher Art gewöhnt.
So überlegte sie mit klarem Verstand, was zu tun sei. Chodau, wo unsere Ärzte waren, war für schnelle Hilfe zu weit entfernt. Da war noch Dr. Barth in Poschetau, aber bis der benachrichtigt und mit seinem Rad nach Pechgrün gestrampelt wäre, das hätte auch viel Zeit gekostet.
Blieb also nur noch der Steidl Pepp, der war Feuerwehr-Sanitäter und hatte gerade Frühschicht. Er mußte um diese Zeit schon von der Schlämmerei daheim sein. Der Pepp kam auch sofort, noch in der Arbeitskleidung, seine Sanitätstasche schwingend, angekeucht. Fachmännisch betastete er die Wunde, besah sich die freiliegenden Sehnen und Bänder und begann, die Verletzung zu behandeln. Durch das Herunterspleißen des provisorischen Verbandes hatte die Wunde wieder zu bluten begonnen.

»Wöi mit ran Rasiermessa g'schni(t)'n siats aas!« sagte der Pepp. Die Mutter stand stumm vorbeugend dabei und hielt beruhigend meine Hand.
Der Pepp nahm eine Pinzette aus seiner Tasche, prüfte sie im Licht und begann nun, mit Watte und einer gelblichen Flüssigkeit das Umfeld der Verletzung und auch die Wunde zu reinigen.
Die Hände, die doch gewohnt waren, mit Hacke und Schaufel umzugehen, erfaßten die Pinzette so geschickt und sicher, daß man glauben konnte, er hätte mit Behandlungen ähnlicher Art täglich zu tun.
Als er fertig war, kramte er aus seiner schwarzen Sanitätstasche ein Paket mit Gaze. Er legte ein Stück davon mehrmals zusammen, daß es ein handgroßes Polster gab. Dieses bestreute er mit einem gelblichen Puder aus einem seiner geheimnisvollen Fläschchen, und legte es auf die Wunde.
»Öitz hum-mas glei(ch), Böiwl. Håust schäi oog'hålt'n!«, sagte der Pepp, und begann, den Fuß bis hinauf zu den Knöcheln zu verbinden. Schließlich stellte er noch ein Glas Wasser auf den Tisch und legte eine Tablette dazu. »Sua, öitz samma förti. Döi Tablett'n nimmst nu, daß d' schlåuf'm koast, u üwermorg'n kumm-e wieder!«
Damit packte er seine Tasche und ging so schnell zur Tür hinaus, daß er das »Vergelt's Gott« meiner Mutter schon nicht mehr hörte.

Von nun an war er jeden zweiten Tag, immer um dieselbe Zeit, bei uns und versorgte meinen Fuß. Nach einem Monat war er soweit geheilt, daß kein Verband mehr nötig war. Heute würde man einen Schnitt dieser Länge klammern oder nähen, aber der Steidl Pepp war kein Arzt. Und eines muß ich noch sagen: So gewissenhaft und geduldig, wie mich der Pepp in dieser langen Zeit behandelt hat, dafür bin ich ihm noch heute Dank schuldig.
Bald war ich wieder munter und konnte wie jeder andere springen und toben.

Aber etwas Neues, etwas, was bisher nie Beachtung bei mir gefunden hatte, ging mir im Kopf herum. Als Bub war ich immer voll der verschiedensten Gedanken. Fragte mich aber einmal jemand: »Woos wüllst'n amål wer(d)'n?«, dann lautete meine spontane Antwort immer: »Löichtmåcher!«
Der »Löichtmåcher« unseres Ortes, oder »Elektriker«, wie die korrekte Berufsbezeichnung lautet, war seinerzeit der Müller Albin.

»Löichtmåcher«, das war ein schöner Beruf, und gefährlich war er! Immer wenn der Albin das Transformatorhaus aufsperrte, stand ich klopfenden Herzens und voller Spannung unter der Tür und sah hinein auf die vielen Drähte, Armaturen, Schalter und Hebel. Ich hörte das geheimnisvolle Knistern und Summen um die vielen Isolatoren und hatte diese so eigenartig nach Öl riechende Luft in der Nase.
Ich bestaunte den Müller Albin wie einen Hexer, wenn er hinter die Kettenabsperrung trat, an der ein auffälliger Warnschild mit Totenkopf und Blitz hing, und an Manometern drehte oder an Rädern und Hebeln hantierte.
Das ist ein Beruf, dachte ich immer. Um dieses gefährliche Handwerks willen würde ich ein großes Ansehen unter meinen Kameraden genießen.

Oft ergab es sich, daß ich den Albin auf seinem Weg begleiten und seine Steigeisen tragen durfte, wenn im Ort eine defekte Glühbirne an der Straßenbeleuchtung ausgewechselt werden mußte. Wenn er seine Steigeisen anzog und den Steiggurt um den Mast legte, dann blickte ich zu ihm auf wie zu einem König.
Freilich, es wäre mir ein Leichtes gewesen, den Mast barfuß zu besteigen, denn ich war immer ein guter Kletterer.
Aber mit Steigeisen, das war schon etwas anderes. Der Albin sagte immer, für die Steigeisen wäre ich noch zu jung. Und ich glaubte ihm immer, was er sagte, und respektierte seine Worte.
Und so blieb halt das Besteigen eines Lichtmastes »mit Steigeisen«, für mich immer ein unerfüllter Traum.

Ja, und nun möchte ich wieder auf die Zeit zurückkommen, von der ich abwich, nämlich auf die Zeit, in der der Feuerwehr-Sanitäter Josef Steidl jeden zweiten Tag in unser Haus kam, um meinen Fuß zu verbinden.
Es war die Zeit, in der mein bis dahin sehnlichster Wunsch, »Elektrischer« zu werden, immer mehr verblasste. Auf einmal fesselte mich das »Doktern« und »Verbinden«, das ich durch meine Fußverletzung so täglich vor Augen hatte. »Sanitäter«, das wäre was für mich, dachte ich nun. So eine Art »Steidl Pepp«, möglichst auch bei der Feuerwehr! Da hätte man eine schöne Uniform im Dienst, und am Arm würde man die schneeweiße Binde mit dem roten Kreuz tragen. Das wäre schon etwas anderes als der Müller Albin mit seiner blauen Arbeitshose, und abenteuerlich wäre es auch noch.
Wenn man womöglich einmal das Glück hätte, jemand aus einem brennenden Haus zu retten! Das wäre eine Tat, über die man im ganzen Dorf sprechen würde.
Also, von nun an wollte ich Sanitäter werden. Das stand fest.

Zur selben Zeit gab es noch einen im Dorf, der sich zu diesem Beruf hingezogen fühlte, nämlich der Schwimmer Franz.
Der Franz war zwar um einiges älter als ich, und er hatte auch sonst immer andere Interessen, aber was das Sanitätern betraf, das wollte auch er gerne.
Es gab verschiedene Anschaffungen zu machen, die man miteinander besser bewältigen konnte, deshalb beschlossen wir, uns zusammenzutun.

Da war zunächst die Sanitäter-Tasche. Ein Sanitäter ohne die schwarze Tasche mit dem roten Kreuz darauf ist ein Nichts. Aber es stellte sich heraus, daß »sie« das kleinste Problem war. Wir hatten sie aus einem alten Schulranzen schnell zusammengeschustert. Und das rote Kreuz auf weißem Grund war für mich eine Kleinigkeit. Aber eine leere Tasche? Danach dreht sich kein Hund um.
Ich konnte wohl einiges in unsere Fläschchen abfüllen aus den Beständen, die wir zu Hause hatten. Mit Baldrian, Arnika und so Zeug konnte man schon etwas anfangen, aber wo sollten wir die anderen Sachen hernehmen? Heftpflaster, Mullbinden, Pinzette und eine schöne glänzende Schere, das mußte man kaufen, und wir hatten beide kein Geld.

Wir überlegten einen ganzen Tag, wie wir zu Geld kommen könnten, und am nächsten Morgen, auf dem Weg zur Schule, sprach der Franz die Zauberformel aus: »Wir machen ein Waldfest!«
Ein Waldfest, wieso sind wir da nicht schon früher draufgekommen! Wir haben es ja beim Feuerwehr-Waldfest gesehen, das draußen beim Frankschneider (Anm.: Neues Hegerhaus, Nr. 75) war, wie gut das gelaufen ist. Der Fleischer (Anm.: Karl Franz, geb. 29.3.1895) mußte ein paarmal ins Dorf hinunter, um Nachschub zu holen.
Auch der Zuckerlsstand war gut besucht und fast ausverkauft. Die Fleischer Resi (Anm.: Theresia Johanna Harbauer, geb. 19.5.1900 in Poschetzau) hatte einen Bierausschank. Es war damals die Zeit des Vogel-Tonis, und ich kann mich noch gut erinnern, daß er der Resi ihren Stand mehrmals anflog. Er flatterte dann immer solange mit den »Flügeln«, so aufgeregt, wie er beim »Abdrücken« tat, bis ihm die Resi ein Glas Bier einflößte. Ja, der Toni hatte damals einen schönen Tag. Er flog von Stand zu Stand und fraß sich durch. Aber ich will nicht zu weit abschweifen. Ich wollte nur sagen, daß bei so einem Waldfest Geld zu machen war.

Die Frage war: Was hatten wir zu bieten?
»Wer sucht, der findet«, sagt ein altes Sprichwort, und wir fanden beim Suchen allerhand. Alte Taschenmesser, zerlesene Bücher, »Rolf Torring«, »Tom Shark« und so Zeug. Der Franz war damals schon ein großer Markensammler und hatte schöne »Doppelte« anzubieten, und ich, als begeisterter Steinsammler, hatte schöne farbige Steine und Kristalle zur Genüge. Ich könnte noch vieles aufzählen, womit unsere Stände gefüllt waren. Werbung für dieses Unternehmen brauchten wir kaum zu machen, denn, wie es auf einem Dorf halt so ist, es sprach sich schnell herum.

Es war ein heißer Tag, als das Fest stieg.
Über die von der Sonne aufgesprungenen Felder spannte sich eine schorfige und rissige Haut wie bei einem alten Saurier. Die Risse waren teilweise so breit, daß man den kleinen Finger hineinlegen konnte. Wir hatten unseren Festplatz im Neubauern-Wald angelegt, da hatten wir wenigstens ein bißchen Schatten. Mit Bändern, die wir von Baum zu Baum zogen, hatten wir das Gelände abgegrenzt.

Es wurde ein guter Tag für uns, denn wir verkauften mehr, als wir dachten. Ein paar Heller hatte jeder von daheim mitbekommen, und das Geld floß alles in eine Kasse.
Als wir unseren Kassensturz machten, reichte das Geld tatsächlich für zwei Mullbinden, eine Rolle Heftpflaster, eine Pinzette und eine schöne, silbrigglänzende Schere. Nun konnten wir unseren Sanitätstaschen mit Stolz vorzeigen.

Nun, da wir uns alles angeschafft hatten, ließ die Begeisterung fürs Sanitätern merklich nach. Ein Spiel ohne Echo ist langweilig. Wir träumten in unserer jugendlichen Phantasie von richtig schweren Fällen, von blutig zugerichteten Freunden vielleicht, denen wir bis zum Eintreffen des Arztes Notverbände anlegen konnten, oder so was.
Aber nun, wenn sich einer das Knie aufgeschlagen hatte oder sonst mit einem Kratzer daherkam, da reichte ein »Pflasterl«. Das war nichts für Sanitäter »unseres Kalibers«, das konnte jeder. Sogar die »Olwa Mare« (Anm.: unklar wer damit gemeint ist) oder s' »Regl Tonerl« konnten ein Pflaster hinkleben.

So kam es halt, daß aus dem, wovon wir geträumt hatten, mehr und mehr einschlief. Ich weiß nicht, wo unsere Rot-Kreuz-Tasche geblieben ist. Ich habe auch den Franz nie danach gefragt. Aber unsere schöne, chromglänzende Schere sah ich später, viel später einmal wieder. Sie blitzte mich wie einen alten Freund, aus der Flickzeugschachtel von Franzens Mutter (Anm.: Stiefmutter), der alten Schwimmer Barwl'n. So war wenigstens die Schere nicht umsonst angeschafft worden.

Als ich den Schwimmer Franz das letzte Mal traf, es war in Neumarkt, haben wir uns lange über unsere Sanitäterzeit unterhalten. Wir haben uns köstlich dabei amüsiert, daß wir uns die Lachtränen aus den Augen wischen mußten.

Es ist schön, daß sich die Gedanken nicht in eine chronologische Ordnung zwängen lassen. Sie gehen und kommen, wie sie wollen. Eine kleine Andeutung, ein Wort, ein Name können der Funke sein, der eine uralte Erinnerung zum Lodern bringen kann. So ging es mir mit dem Regl Tonerl, von dem ich doch eben erst schrieb. Ich dachte plötzlich an einen Wintertag, an dem der Tone eigentlich keine große Rolle spielte, aber sein Name war der Auslöser, um diesen Tag wachzurufen.

Und darüber möchte ich jetzt ein wenig erzählen: Es war ein Wintertag, ein ganz normaler Tag. Nach ein paar Nächten mit starkem, klarem Mondschein hatte es ausgiebig geschneit. Ich packte meine Ski und ging früh von zu Hause fort, wenn ich »Ski« sage, dann ist es diesen faßdaubenähnlichen Schwarten sehr geschmeichelt.

Mein Weg ging am Rinnl vorbei, Richtung Stohwasser (Nr. 75). Dort, wo der Weg den Bach entlang, in Richtung Affenfelsen abzweigte, schnallte ich die Latten an. Die Bindung bestand aus aufgenagelten, einst wärtlichen Sandalen, in die ich beim Festmachen einsteigen mußte.

Als ich nun so dahinfuhr und mich mit dem Riemenzeug herumärgerte, wurde ich von hinten angesprochen. Ich hatte in diesem weichen Schnee nichts kommen hören.
»Gähst lat Schlie(t)n fahr'n?«, sagte er und lachte mich mit seinen listigen Äuglein an. Es war das Regl-Tonerl. Das Tonerl ging oft durch unser Dorf, aber ich sah ihn immer nur vorbeigehen. Nie hatte er bisher ein Wort mit mir gesprochen.

Klein und hutzelig sah er aus, und sein kleiner Kopf war immer von einem alten Hut überschattet, dessen einziger Zierat ein paar zerrupfte Hühnerfedern waren. Ein Rucksack gehörte noch zu ihm, der meist leer aussah und fast bis in die Kniekehlen herunterhing.

Das war alles, was ich bisher vom Tonerl wußte. Nun hatte er mich also angesprochen, und als er sich so zu mir herunterneigte, war mir sein Gesicht so nah, wie ich es bisher noch nicht gesehen hatte. Seinen stoppeligem Bart, ja, den kannte ich. Aber jetzt, als mich der Alte so anlachte, so ganz aus der Nähe, jetzt sah ich sein entblößtes Zahnfleisch, in dem eine Pfeife wie eine alte, stinkende Wurzel hing. Ich sah, daß sein ganzes Gesicht nur ein Netz von Runzeln war, die wie kleine lebhafte Schlangen aussahen. Der Kopf mit seinen hundert Fältchen erinnerte mich an einen eingeschrumpften, erfrorenen Winterapfel. Die Augen waren freundlich, mit Lachfältchen umrahmt, aber gelagert und trübe. Sein Anzug war voller Flecken, das sah ich erst aus der Nähe, und die unteren Hosenränder waren ausgefranst wie ein alter Besen.

Aber, wie gesagt, er war sehr freundlich zu mir. Daß er meine Ski mit einem Schlitten verwechselte, trug ich ihm nicht weiter nach. Er klopfte mir zum Abschied noch einmal brüderlich auf die Schulter und ging weiter, Köstldorf zu.

Er war längst oben hinter der Wegbiegung verschwunden, aber seine stinkenden Tabakschwaden hingen noch immer in dieser frischen Winterluft.
Stohwassers Hund, der wohl Witterung vom Tonerl bekommen hatte, schlug ein giftiges Gebell an. Er halte von den Bergen her so laut wider, daß man meinte, ein Rudel Hunde käme herunter.

Ich ging den Weg, der am Affenfelsen vorbeiführte. Obwohl ich meine Ski anhatte, sank ich fast bis zu den Knien in den weichen Schnee ein. Bei jedem Schritt häuften sich an den Skispitzen kleine Schneeberge, die wie Schneemännchen aussahen und immer wieder umfielen.
Kein Laut war zu hören. Nur wenn ein Lüftchen in die tiefverschneiten Äste fuhr, fiel ab und zu ein Flocken Schnee herunter. Aber auch dieses kleine Geräusch wurde vom Schnee erstickt.

Bevor ich auf die Wehrmühle zu, über den Bach abbog, sah ich zwei Rehe vor mir. Sie äugten mit großen Lichtern, ohne Angst zu mir herüber. Man sah ihnen an, daß der Hunger im Wald umging. Besonders die Rehe waren übel dran, denn die Saat war tief unter dem Schnee begraben. Heidekraut, Himbeeren und Brombeeren waren verschneit und verweht. Rinde, dürre Halme und harte Stengel waren alles, was der Wald an Äsung bot.

Ich spurte an der Wehrmühle vorbei und ging von da, einen Holzabfuhrweg hinauf, zur »Goldenen Leitn«.
Plötzlich wurde diese Totenstille vom Gezeter eines Eichelhähers unterbrochen, und ich sah auch den Grund dieser Unruhe. Eine Eule war es, die lautlos den Tannenweg entlang strich.

Mühsam stapfte ich nun zum Kamm des Mitterbergs hinauf. Ich glaube, es werden nicht mehr viele leben, die noch wissen, wie schön der Ausblick von dort oben war.

Unser Dorf lag im weißsilbrigen Geflimmer vor mir. Dahinter der Kranz der Teiche und die aufsteigende Leitn.
Über dem Chodauer Kessel allerdings hing eine rußige Wolke, die nicht in diese saubere Landschaft paßte.

Am Horizont war als Silberstreifen der Kaiserwald (Anm.: auf Tschechisch Slavkovský les) mit dem Krudum (838 m, auf Tschechisch Chrudim) zu erkennen.
Neben mir stiegen mächtige Föhren in den Himmel, mit Stämmen, die weit hinauf kahl wie Lichtmasten waren.

Die Kronen waren dicht benadelt und so mit Schnee beladen, daß man meinte, sie müßten jeden Augenblick brechen. Schwarz hoben sie sich vom durchsichtigen Himmel ab und waren wie eine Einrahmung dieses prächtigen Ausblicks. Es war eine Stimmung, die mich an die Bilder Caspar David Friedrichs erinnerte.

Da heißt es zu einem Bild von ihm, das Kleist beschrieb: »… die Ausmaße des Räumlichen gehen in's Unendliche, und da es in seiner Einförmigkeit nichts als den Rahmen zum Vordergrund hat, so ist es, wenn man es betrachtet, als wenn einem die Augenlider weggeschnitten wären.«

Ich weiß nicht, ob diese Worte etwas zu meinen Gefühlen sagen können. Es war einfach die Luft an diesem Morgen, eine nach Wald und Frische riechende Luft, die über dieser Landschaft lag, die alle Farben abstimmte und alle Konturen verband, die verschleierte und färbte, die, wenn man so sagen kann, die eigentliche Stimmung dieser Landschaft schuf. Die Stimmung selbst läßt sich freilich nicht beschreiben.

Nun, wie ich so dastand und in die Stille hineinhorchte, passierte etwas, was mir diesen Wintertag so unvergeßlich machte und es ist auch der Grund, warum ich davon erzähle. Über meinem Kopf nämlich, in diesem gelblich schimmernden Himmel, sah ich lautlos eine große silberne Kugel stehen. Sie sah in der Sonne wirklich wie schieres Silber aus. Beim längeren Beobachten sah ich, daß sie sich langsam auf unser Dorf hin bewegte. Ich merkte, daß mein Herz vor Aufregung heftig zu schlagen begann. Was soll ich lange darum herumschreiben, es war ein Freiluft-Ballon; der erste Ballon meines Lebens, den ich am Himmel sah!

Natürlich hatte ich schon davon gehört und gelesen, daß die Montgolfiere-Brüder einen Warmluft-Ballon erfunden hatten. Ich wußte auch von dem später erfundenen Wasserstoffballon.
Aber einen Ballon am Himmel so richtig fliegen zu sehen, und so niedrig, daß ich Angst hatte, er würde die Bäume über mir streifen, so niedrig, daß ich die Schrift, die auf dem Ballon stand, deutlich lesen konnte, ja sogar so niedrig, daß ich die Besatzung im Korb stehen und hantieren sah, das war schon was ganz anderes, als nur davon zu lesen oder Bilder davon anzusehen, und möchte ich es noch so schön sein.

Heute freilich, heute kann man mit einem fliegenden Ballon kein Kind mehr hinter dem Ofen hervorlocken, heute müßten es schon Raketen oder so was sein. Damals als kleiner Bub, was für mich ein aufregendes, ich kann sogar sagen, ein historisches Ereignis. Nicht nur Kinder, auch Erwachsene hatten das noch nie gesehen. Ja, der Name, der auf dem Ballon stand, den habe ich mir gut gemerkt. »LAUCHHAMMER«, stand darauf, und der Name sagte mir damals überhaupt nichts. Aber lange nach dieser Zeit bin ich zufällig wieder einmal auf diesen Namen gestoßen, und von da an wußte ich, daß »Lauchhammer« eine Stadt in Sachsen ist. Diese Stadt nämlich war es, von der der Ballon mit unbekanntem Ziel in den Himmel aufgestiegen war.

Es war damals nicht möglich, ein bestimmtes Ziel anzufliegen. Der Wasserstoffballon (oder Gasballon, wie er auch heißt, 1766 von Henry Cavendish erfunden) hatte nämlich den Nachteil, daß er völlig von Wind und Wetter abhängig war. Der Wind machte also sozusagen, was er wollte.

Das macht der Wind auch mit den heutigen Ballons noch, aber man hat jetzt wenigstens die Möglichkeit, die Höhe mit dem Gasbrenner zu regulieren, und ein klein wenig, das sagte mir einmal ein Fachmann, ein klein wenig könne man jetzt auch die Flugrichtung beeinflussen. Es würde zu weit führen, noch weiter auf dieses Thema einzugehen, denn ich möchte ja wieder auf »meinen« Ballon zurückkommen.

Also, ich konnte beobachten, wieviel Arbeit die Männer im Korb hatten, um wenigstens unbeschadet über den Mitterberg zu kommen. Die Mannschaft leerte Sandsack um Sandsack über Bord, und es sah wie Rauchfahnen aus, wenn der dunkle Sand in weitem Bogen abgestreut wurde, um sich schließlich in nichts aufzulösen.

Ich sah, daß der Ballon auf unser Dorf, auf Pechgrün, zugetrieben wurde, und daß er trotz ständigen Ballastabwurfs zusehends an Höhe verlor.
Es sah aus, als ob es bald zu einer Landung kommen würde, und nach meinen Berechnungen müßte der Landepunkt in der Nähe unseres Dorfes sein. Dort wollte ich hin, da mußte ich natürlich dabei sein! Wer den steil abschüssigen Mitterberghang kennt, der weiß, welche Gefahren auf mich lauerten, als ich losraste. Da lagen jede Menge Steine herum, die jetzt, mit ihrem hohen Schneehaufen, wie weiche Kissen aussahen. Bäume streckten von allen Seiten ihre Äste nach mir aus, als wollten sie mich aufspießen. Unter dem Schnee lagen Wurzeln und Astgeflecht wie Fußangeln verborgen.

Illustration der Abfahrt vom Mitterberg (von Karl Redelbach)
Illustration der Abfahrt vom Mitterberg (von Karl Redelbach).

Und da hinunter ging es nun in rasender Fahrt, im Wettlauf mit dem Ballon. Ich war für mein Alter gewiß kein schlechter Skifahrer und hatte auch vor steilen Hängen nie Angst. Aber es sei verschwiegen, wieviel Stürze ich gebaut und wieviele Saltos ich geschlagen habe. Die Luft blieb mir mehrmals weg, und in einen meiner schönen, handgestrickten Wollstrümpfe habe ich ein handgroßes Loch gerissen. Aber man kann sagen: ich habe das Rennen gewonnen, denn als ich unten, beim »Heu Knuak« aus dem Wald fuhr, leerte die Ballonbesatzung über »Mazls Bühl« gerade ihre letzten Sandsäcke aus, um nicht noch mit den schönen, großen Birken, die dort wuchsen, Bekanntschaft zu machen.

Als ich über die Wiesen zum Stärkeneier- und Pfarrteich hinunter spurte, sah ich schon haufenweise Leute herumstehen. Alles Neugierige, die die Ballonlandung nicht versäumen wollten. Sie sahen alle wie gebannt hinauf zu diesem einmaligen Schauspiel. Die halbe Ortschaft war schon versammelt, und immer noch sah man Menschen, wie bei einem Sternlauf, aus allen Richtungen über die tief verschneiten Felder eilen, um dabei zu sein. »A Luftballon gäht nieder!«, wie ein Dauerfeuer ging dieser Ruf durch's Dorf.

Das hatte es noch nie gegeben. Die Männer ließen die Arbeit liegen, die Bauern sprangen aus den Ställen, die Weiber nahmen das Essen vom Herd, um hinaus zu eilen und zu sehen, wie die Männer aussahen, die wie himmlische Gesandte mit diesem luftigen Gefährt zu uns unterwegs waren. Der Wind schien sich inzwischen gedreht zu haben, denn der Ballon trieb nun hinüber auf den Pfarrteich zu.

Die Piloten konnten diese Winddrehung nur als Geschenk des Himmels hinnehmen, denn der Korb hing bereits so tief über den Birken, daß diese ihre Äste beängstigend, wie hungrige Arme, nach dem Ballon ausstreckten.
Es gab keine Möglichkeit mehr, die Höhe zu korrigieren, denn der Ballast war längst verbraucht. Die leeren Sandsäcke hingen schlaff über Bord.

Was gab es da Besseres, als hinaus zu treiben auf die freien Wiesen?
Das Eis des Pfarrteichs war um diese Zeit gut seine zehn bis fünfzehn Zentimeter dick. Die Fläche, die die Ballonbesatzung von oben sah, war so glatt und eben wie die jungfräuliche Rollbahn eines Flugfeldes. Und deshalb hatten sie sich genau die Mitte des Teiches als Landeplatz ausgewählt. Mann, Weib und Kind, alles, was herausgeeilt war, zum Schauen und Staunen, stand nun auf dem Eis und starrte hinauf zum Ballon, der inzwischen so tief über uns hing, daß man jedes Wort verstehen konnte, das da oben gesprochen wurde. Zunächst wurden Seile heruntergelassen, mit der Aufforderung, den Ballon festzuhalten.

Die Menschen standen gedrängt wie die Schafe im Pferch, denn jeder wollte dabei sein, wenn die kühnen Männer den Korb entstiegen.
Da, in diese Spannung hinein ging ein Zittern und Bersten durch das überlastete Pfarrteich-Eis. Es klang wie das Brechen eines dicken Eichenastes. Man sah, daß nach allen Seiten, wie die Strahlen eines Weihnachtssternes, Risse weggingen.

Nun war die Angst ums eigene Leben doch größer als die Neugier. Wie verscheuchte Hühner stoben sie hinaus auf den festen Damm. Nur wenige Mutige blieben und hielten verbissen die Seile fest. Aber die Geflüchteten sparten nicht mit guten Ratschlägen, die sie den Bleibenden aus sicherer Entfernung zuriefen.

»Wie heißt die nächste Stadt?«, wurde in einem sächsisch gefärbten Hochdeutsch aus dem Korb herunter gefragt.
Der Siehr Wenz, der zu den tapferen Männern gehörte, die das Seil festhielten, nahm die Pfeife aus dem Mund und rief: »Chuada!«

Ich weiß nicht, ob die Herren Ballonfahrer dieses ungehobelte Egerländerisch verstanden haben. So dachte sicher auch der Baummer Toni, der zu der »Mannschaft an den Seilen« gehörte, denn er übersetzte ins Hochdeutsche hinauf: »Chodau heißt die nächstgrößere Stadt!«

So ging die Unterhaltung hin und her: wie weit es bis zum nächsten Bahnhof sei, ob es hier eine Transportmöglichkeit gebe, und halt lauter so Zeug wollten sie wissen.

Dann kam wieder eine Anordnung von oben: »Seile loslassen!« Und der Ballon stieg wieder, schwerfällig zwar, aber er gewann an Höhe. Der Wind kam aus Stelzengrüner Richtung und trieb ihn über unser Dorf hinweg, manchmal beängstigend tief über den Häusern. Die Leute rannten dem Ballon nach, wie ein Rudel Hunde, das ein angeschossenes Wild hetzt. Zwischen dem Hommer Toni seinem Haus (Nr. 54) und dem Maaster Wenzl (Nr. 60) wurden abermals die Seile heruntergelassen, und der Ballon konnte aufsetzen.

Und dann waren sie da. Drei Mann waren es, die aus dem Ballon stiegen. Und ein bißerl steif kamen sie mir vor. Aber das mochte von dem langen Stehen kommen und von den dicken pelzgefütterten Mänteln. Mit ihren Lederkappen und ihren großen Brillen auf der Stirn sahen sie aus wie Rennfahrer. Einer hatte einen Bart, der schneeweiß »angereimt« war. Da sah man, wie kalt sie es da oben hatten.

Und so wurde halt von den neugierigen Gaffern alles beobachtet, bewundert und beredet, während die anderen, die Helfenden, unter der Anweisung der Piloten viel zu tun hatten. Wie in einem Heerlager sah es auf dem Landeplatz aus.

Das Oberkommando über diesen Pechgrüner Hilfstrupp, das sei noch gesagt, hatte der in solchen Lagen bewährte Schwimmer Wenz. Er stand wie eine Säule in diesem Wirrwarr, gab Befehle und wischte sich mit einem großen roten Taschentuch ununterbrochen seine Augen aus, so wie er es auch immer tat, wenn er den Aufbau der Theaterbühne überwachte, was ja, seit ich denken konnte, zu seinem Ressort beim Gesangverein gehörte.

Der Korb wurde von den vielen Halteseilen gelöst, das Gas wurde unter großer Vorsicht aus der Ballonhülle gepreßt und diese zusammengerollt. Gegen Abend war die Arbeit beendet.

Ich glaube, der Wastl Edward war es, der noch am selben Abend das ganze Zeug mit seinem Laster auf den Chodauer Bahnhof fuhr. Aber einen Eid, daß es der Eduard wirklich war, möchte ich nicht schwören.

Jedenfalls in Chodau wurde alles verladen, und zurück ging es, in das Land von dem man sagt, daß da die schönen Mädchen auf den Bäumen wachsen, nämlich nach Sachsen. Genauer gesagt, nach Lauchhammer, in die Stadt, von der der Ballon seinen Flug über das Erzgebirge angetreten hatte.

»Das war ein Tag«, dachte ich, als ich abends im Bett lag. Ich hatte sonst einen gesegneten Schlaf, aber in jener Nacht konnte ich keine Ruhe finden. In wirren Träumen erlebte ich noch einmal Flug und Landung des Lauchhammer-Ballons. Die Farben waren so wunderschön, wie sie nur in Träumen vorkommen. Der Himmel, über dem der Ballon schwebte, war von purem Gold. Der Ballon selbst hatte eine Farbe wie saphirblaue Seide. Die Ballonfahrer, alle mit Bärten, hatten bunte Gewänder an und reich mit Edelsteinen besetzte Kronen auf dem Kopf. Und ich sah, daß es die Heiligen Drei Könige waren, die in unserem Dorf landeten und nach dem Stall fragten, in dem ein Kindlein, auf Stroh gebettet, liegen soll.

Es war so ein schöner Traum, daß ich mich noch lange nach dem Aufwachen daran freute.

Noch lange war die Ballonlandung Tagesgespräch in unserem Dorf. Auch wir Kinder haben in dieser Zeit Schule und Aufgaben nicht so ernst genommen, wie es hätte sein sollen. Ich erinnere mich, daß wir gerade an dem Tag, an dem der Ballon niederging, einen Aufsatz mit dem Thema »Winterfreud' und Winterleid« als Hausaufgabe hatten.

Wir waren damals in unserer Volksschule mehr Buben als Mädchen. So mußten einige von uns, weil die Bubenreihen voll besetzt waren, sich hinüber zu den Mädchen setzen. Ich war auch unter ihnen. Zu meiner Rechten saß der Schouster Tone und zur Linken der Baumer Richard. Vor dem Tone saß die Schuldes Marie, was ihm sehr mißfiel. Die Marie hatte nämlich damals zwei kräftige Haarzöpfe, die dem Tone, wenn sie den Kopf bewegte, wie ein Staubbesen vor der Nase herumflogen. Und sie hatte die Gewohnheit, den Kopf oft hin und her zu drehen. Das machte den Tone manchmal so närrisch, daß er oft dasaß und auf Rache sann.

Wir hatten ja jeder an seinem Platz, eingelassen in die Schulbank, ein Tintenfaß vor uns.

An so einem Tag, an dem der Tone seinen Kopf voller Rachepläne hatte, kam er auf die Idee, die Haarzöpfe der Schuldes Marie wie zwei Rasierpinsel ins Tintenfaß zu tauchen. Die Marie, die es nicht merkte, daß sie eben Opfer eines heimtückischen Anschlags war, schleuderte nach ihrer Art die tropfnassen Tintenzöpfe durch die Luft und bespritzte in weitem Bogen bis hinüber auf meinen Platz alle Hefte und Bücher, die aufgeschlagen auf der Bank lagen, mit Tintentropfen, die so blau waren wie mein geträumter Luftballon.

Es gab ein Hallo und ein Trara, und der Lehrer war auch gleich da. Der Toni stritt jeden Vorwurf der Böswilligkeit von seiten des Lehrers ab und blieb bei der Aussage: »d' Marie håut ihra Zöpp(f) va selba in d' Tint'n ei(n) bråcht!«

Der Lehrer mußte ihm glauben, ob er wollte oder nicht. Aber er hatte das sichere Gefühl, daß der Toni »Dreck am Stecken« hatte, wie man so sagt. Die Marie plärrte vor sich hin, die anderen lachten, und der Lehrer, in seinem sichtbaren Zorn, fragte den Tone: »Hast du deine Hausaufgabe gemacht? Wenn du soviel Zeit für Dummheiten hast, dann wirst du auch Zeit für einen guten Aufsatz gehabt haben! Nimm dein Heft heraus und lies vor!«

Der Toni stutzte, tat, was ihm geheißen, nahm sein Heft, schlug es auf und begann zögernd zu lesen: »Des Winters Freud' und Leid…« Und der Toni las und las, und sein Lesen wurde immer freier und flüssiger, und sein Aufsatz war so spannend und gut geschrieben wie noch nie. Die ganze Klasse saß und horchte und staunte über dieses Wunderwerk.

Als der Toni sein Heft das dritte Mal umgeblättert hatte, begann er zu stottern und suchte mühsam nach Worten. Er konnte auf einmal nicht mehr weiterlesen. Der Lehrer ging an Tonis Platz in der Hoffnung, auf eine Handhabe zu stoßen, damit er ihn zusammenstauchen konnte, und sagte: »So, kannst dein eigenes Geschmier nimmer lesen?«

Er nahm ihm das Heft aus der Hand, blätterte und suchte, und alles, was er fand, waren Seiten engelhafter Reinheit. Ich will sagen, daß er nur leere Seiten vor sich hatte. Das war ein Ding!

Da hatte der Toni seinen Aufsatz, vier lange Seiten, frei erfunden. Und er sagte die Sätze fließend herunter, so fließend, daß niemand merkte, daß er ein leeres Heft vor sich hatte. Ich finde, das war schon eine tolle Leistung. Warum mußte er auch so übertreiben! Gleich vier Seiten, drei hätten doch auch gereicht. Kein Wunder, daß ihm da der Faden riß und er zu stottern begann.

Jeder Lehrer wird böse sein, wenn man ihn hinzulegen versucht. Ich muß zum Lob unseres damaligen Lehrers Häupl (Anm.: geb. 23.7.1902 in Altsattl) aber sagen: Er hat den Tone nicht etwa zusammengestaucht, was ihm keiner, nicht einmal der Tone, übelgenommen hätte; nein, er hat ihn »seiner Phantasie wegen« sogar vor der ganzen Klasse gelobt.

Wenn ich jetzt meine Gedanken wieder wandern lasse, dann mag es so scheinen, als würden sie nicht mehr in die begonnene Erinnerungskette passen; man wird aber bald merken, daß am Ende doch wieder alles, wie ein Puzzle-Spiel ineinandergreift. Ich möchte von uns erzählen, von unserem Haus, von unserer Familie.

Wenn man an die »Hutzenhäuser« unseres Dorfes denkt, dann wird man sich erinnern, daß das Friedl-Haus (Nr. 22) darin immer einen Spitzenplatz einnahm. Und deshalb wird mindestens die Hälfte unserer Ortsbewohner noch wissen, wie unsere Wohnstube eingerichtet war. Man wird sich an die tiefen Fenster erinnern, an die vielen Geweihe an den Wänden, die waren meistens von meinem Vater geschnitzt, an die »Vuaglsteig'n« (Anm.: Vogelkäfige), die immer von guten Sängern bewohnt waren, und schließlich, um nur das auffälligste zu nennen, an den großen Kachelofen, der fast russisches Format hatte.

Was nicht so in die Augen sprang, das war die Steinbank, die dem Ofen gegenüber neben einem Küchentisch am Fenster stand. Ich erwähne diese Bank, weil auf ihr ein Depot von Flaschen verschiedensten Inhaltes seinen Platz hatte. Von außen sahen alle gleich aus, es waren die üblichen dunklen Bierflaschen. Der Inhalt aber umfaßte eine reich gemischte Skala. Nicht nur Öl, Essig und so Zeug, sondern auch altbewährte Hausmittel, die der Gesundheit dienten, waren hier gelagert.

Mein Vater war ein Waldläufer von Gottes Gnaden. Er kannte die Geheimnisse und Heilkraft unserer heimischen Pflanzen wie kaum ein anderer. Von Tabletten oder dem vielen anderen chemischen Zeug wollte er nie etwas wissen. Und von Apothekern sagte er: »Döi woll'n uin mit ihr'n Glump nå vergift'n!«

Die Apotheke meines Vaters stand auf der Steinbank, und an seine Kräuter und Wurzeln, die er in Bierflaschen »mit weiß'n Schnaps« angesetzt hatte, glaubte er felsenfest. »Für jeda Krånkat iis a Kraut g'wåchs'n!«, sagte er, und damit hatte er recht.

Er war fast 80 Jahre alt, als er starb, aber die Ärzte und Apotheker sind nie reich an ihm geworden. Die Tage, an denen er krank war, kann ich an einer Hand abzählen.
Wenn er sich einmal verletzte, griff er zur Arnika-Flasche auf der Steinbank. Arnika wirkte wundheilend und entzündungshemmend.
Wenn ihm das Schweinerne mit Sauerkraut und Knödeln nicht mehr schmeckte oder wenn ihn die Winde plagten, dann langte er nach der Kalmus-Flasche. Die Wurzel des gelben Enzians, angesetzt mit weißem Schnaps, war fiebersenkend, magenwirksam und ein gutes Mittel gegen Würmer.

Sein Allheilmittel aber, die Krönung seiner Zaubertränke sozusagen, war der Baldrian.
Wenn gar nichts mehr helfen wollte, wenn alle Mittel versagten, dann griff er zum Baldrian. Nicht nur, daß er krampflösend, beruhigend, schlaffördernd und sein sicherstes Herzmittel war: »Er schmeckt a sua gout«, sagte er nach jedem Schluck. Mit der Meinung allerdings, daß er gut schmeckt, stand er in unserer Familie auf einsamem Posten.
Allein der Geruch des Baldrians konnte alles aus dem Haus treiben, außer Katzen natürlich! Man sagt von einem Mann, der jeder Schürze nachläuft, nicht umsonst: »Der läuft den Weibern nach wie die Katze dem Baldrian«.

Es ist noch zu sagen, daß keine der vielen Flaschen irgendwie bezeichnet war.
Von außen sahen alle gleich aus, nämlich dunkelgrün. Bei Gebrauch schüttelte man ein bissel oder roch hinein; das genügte und führte nie zu einer Verwechslung, bis auf einmal.

Da machte meine Schwester Emma »saure Schwåmma«. Die Mutter war damals schon so krank, daß sie nicht mehr gehen konnte. So gab sie der Emma, die ja noch ein Schulkind war, die Kochanweisungen vom Krankenbett aus. Ich möchte aber dazu sagen, daß meine Schwester schon damals, trotz Schule, wie eine »Alte« im Haushalt arbeiten mußte. An diesem Tag kam sie verspätet von der Schule nach Hause, und sie wußte, daß der Vater, wenn er müde von der Schicht heimkam, gleich grantig war, wenn das Essen nicht fertig auf dem Tisch stand.

Als jungen Menschen fliegen einem die Gedanken manchmal davon, und die Emma hatte eben nicht ihren besten Tag erwischt. Aber die »Schwåmma« waren immerhin auf dem Ofen und hatten auch schon lange gekocht. Nur der Essig fehlte noch, und wir mochten alles gern sehr sauer.

Die Emma holte sich also eine der grünen Flaschen von der Steinbank. Weil sie, wie gesagt, einen verträumten Tag hatte, vergaß sie in der Eile, die Etikette zu beachten, und leerte ein gutes Viertel des Flascheninhalts in die »Schwåmma-Brüh«. Als ihr der penetrante Geruch in die Nase schlug, war es schon zu spät. Sie hatte die Baldrianflasche erwischt.

Es war jener bemerkenswerte Tag, an dem der Schousta Tone in der Schule seinen Aufsatz »frei aus der Luft gegriffen« vorgelesen hatte. Ich bin schnell heimgesaust, weil ich meiner Mutter davon berichten und sie damit erfreuen wollte. Als ich nun daheim angekommen, stürmisch die Tür aufriß, prallte ich gegen diese Baldrianwand.

Durch die kochenden Pilze hatte sich der Gestank um ein Vielfaches gesteigert. Ich will nicht gerade sagen, daß davon die Fliegen tot von den Wänden fielen, aber es war immerhin so arg, daß unser Hund mit eingezogenem Schwanz aus der Stube flüchtete.

Die Emma saß gebrochenen Herzens am Herd und starrte mit glasigen Augen in den Fünf-Liter-Topf, in dem die »Baldrian-Schwåmma« vor sich hinköchelten. Kein tröstendes Wort konnte ihr über diesen folgenschweren Mißgriff hinweghelfen. »Dees wird a schäins G'schrei geeb'm, wenn da Voota huimkinnt uu neks z'Ess'n håut«, dachte sie.

Aber Menschen sind häufig Produkte des Zufalls, wer will da schon immer wissen, wie sie auf Unvorhergesehenes reagieren.
Man hörte im Vorhaus Gepolter, das freudige Gewinsel des Hundes und Schritte genagelter Stiefel. Das waren die Geräusche, wenn der Vater von der Arbeit heimkam.

Er betrat die Stube und schnüffelte zuerst in der Luft, wie unser Hund, wenn er Witterung eines Wildes in die Nase bekam. Dann peilte sein Riecher den Fünf-Liter-Topf am Herd an. Wer nun auf ein Donnerwetter meines Vaters wartete, der unterschätzte seine Liebe zu Baldrian. Im Gegenteil, über sein arbeitsmüdes Gesicht legte sich ein Schleier von großer Freundlichkeit. In seine Augen trat ein Glanz, der freudige Erwartung widerspiegelte. Dann ging er an den Herd, so wie er war, in Dreck und Speck sozusagen, und wollte den Deckel des Topfes heben, um hineinzuriechen. Aber er ließ ihn schnell wieder fallen, weil er sich die Finger verbrannt hatte. Er holte aus der Schublade einen Löffel und ging erneut an den Deckel, diesmal mit Topflappen. Er holte sich eine Kostprobe aus dem »Baldrian-Schwåmma-Topf« und begann ungeduldig, aber ausgiebig in den Löffel zu blasen, weil er sich nicht auch noch den Mund verbrennen wollte.

Endlich war die eßbare Temperatur erreicht. Schon bei den ersten Zügen, die er einschlürfte, sah man es seinem Gesicht an, wie das Urteil ausfallen würde. »Mäudl sua guata sauara Schwåmma howe nu näi g'ess'n!«, sagte er und leckte genießerisch nach seinem Schnurrbart. Für ihn war der Tag gerettet, denn er durfte den Topf allein leer essen. Die eine Hälfte zu Mittag und die andere zum Nachtessen.

Des Lobes über so viel Gutes immer noch voll, ging er ins Bett, schlief traumlos in den Morgen hinein, weil ja Baldrian bekanntlich beruhigend und schlaffördernd wirkt.

Daß die Katzen an diesem Tag nicht unser Haus stürmten, lag an unserem Hund, dessen Todfeinde Ratten und Katzen waren. Ich habe einmal gesehen, wie eine Katze vor ihm auf unserer großen Birnbaum im Garten flüchtete. Der Hund lag damals den ganzen Tag unter dem Baum, ohne einen Bissen zu fressen. Die Katze hätte besser getan, unseren Garten nicht zu betreten, denn es war ihr letzter Ausflug.

Es vergingen viele Wochen; und der Frühling kam. Der Schnee war schon fort, und vom Eis befreit rauschte nun unser Bach wieder. Die Schwalben waren gekommen und im Wald, außerhalb des Ortes, erwachte ein munteres Leben von allerlei Getier. Ein harziger Duft drang in unser Dorf. »Ferdl, ich wäuiß ma va latta Rått'n nimma z'helf'm«, sagte in dieser Zeit der Glöckner, unser Nachbar, zu meinem Vater. »Dåu moußt amål mit dein Hund za mir kumma«. Er wußte, daß unser Hund Flocki bei Ratten und Katzen nicht zu bremsen war.

Der Glöckner war ein wohlhabender Mann. Alle Häuser, uns gegenüber gehörten ihm. Das »Gasthaus zum Bohrturm« mit dem großen Saalanbau (Nr. 28), die Fleischerei und die dazugehörige Eiskellerei, das Haus nebenan mit dem Schlachthaus und der Wurstküche (Nr. 78); und schließlich der schöne Bauernhof mit Scheune und Stallungen (Nr. 27), alles gehörte ihm. Nicht zu vergessen ist eine stattliche Zahl von fruchtbaren Feldern.

Der Glöckner Engelbert war Landwirt und Tiefbohrunternehmer und gehörte zu den Reichen des Dorfes, aber gegen seine Ratten war er machtlos. Mein Vater ging also am frühen Vormittag des nächsten Tages, neben ihm – fast im Gleichschritt – der Hund, hinüber auf den Glöckner-Hof (Nr. 27), um zu sehen, was zu machen wäre.

Man mußte kein großer Experte sein, um gleich zu erkennen, daß die Tenne der Sitz des Übels war. Überall in den Ecken und Winkeln des betonierten Tennenbodens waren Löcher; von denen aus es für die Ratten ein Leichtes war, in den gesamten Hofbereich auszuschwärmen.

Der Hund sprang gleich wie ein Verrückter von Loch zu Loch und zeigte, daß er Witterung hatte. Winselnd roch er in die Löcher und versuchte sie mit den Zähnen und Krallen auszubrechen. Aber der harte Boden gab keinen Millimeter nach. Als mein Vater sah, daß das Zahnfleisch des Hundes schon blutig gerissen war, brach er die Aktion ab.

»Du siahst ja selber, da-ra dåu neat helf'm koa«, sagte er zu Glöckner und verabschiedete sich. Den Hund mußte er mit Gewalt von der Tenne zerren.

Auf dem Heimweg sah ich, daß es einen schwülen, heißen Tag geben würde; zumindest für diese Jahreszeit war es zu heiß.

Am Nachmittag kam der alte Sommer zu uns. Er kam oft so bald und blieb meistens bis spät in die Nacht. Der Sommer war kein sehr gesprächiger Mann, aber er war wohl unser anhänglichster »Hutza-Goost«.

Sie saßen draußen auf der Treppe, vor dem Haus, denn es war inzwischen so heiß, daß die Bäume und Häuser in der Hitze zu flimmern begannen.

Ich weiß nicht, warum dem Vater auf einmal auffiel, daß der Hund nirgends zu sehen war. Rufen und Pfeifen blieb ohne Erfolg. Dem Vater kam der Gedanke, daß vielleicht die Ratten noch im Kopf herumgingen, und er schickte mich hinüber zum Glöckner (Nr. 27), um nach dem Hund zu sehen. Aber er war nicht auffindbar. Durch Zufall sahen wir ihn dann unter dem Kachelofen liegen, untern »Huhln Uaf'm«, wie wir sagten.

Er lag da und rührte sich nicht, was ganz ungewöhnlich war, wenn er angesprochen wurde. Endlich hob er mühsam den Kopf. Seine Haare klebten am ganzen Körper. Als ihm der alte Sommer über das nasse Fell strich, blieb er apathisch liegen. »Der Hund håut woos«, sagte der Vater und schüttelte den Kopf. Nach gut einer Stunde lag er immer noch in derselben Stellung, und sein Zustand hatte sich eher verschlechtert. Wie leblos lag er vor den beiden knienden Männern und streckte die Beine von sich. In den Mundwinkeln hatte sich Schaum gebildet.

Auf einmal fuhr mein Vater auf und sagte zu mir: »Spring schnell üwe zan er apathisch liegen. »Der Hund håut woos«, sagte der Vater und schüttelte Glöckner, u fräich-nan, ob in dean Rått'nlöchern Gift drin wår!« Ich rannte wie der Blitz los, nach wenigen Minuten hatte er die Antwort: »Rattengift!«

»Åf bring'n-man neat durch«, sagte er, nahm den Hund auf den Arm und trug ihn hinaus in den Garten. Er holte das große Beil aus dem Holzschuppen. Ich wußte nun, daß er ihn erschlagen wollte, weil er ihn nicht leiden sehen konnte. Mit gespreizten Beinen stellte er sich über den Hund und holte mit beiden Armen zum Schlag aus. Die Axt blitzte wie Silber in der grellen Sonne. Gerade als er zuschlagen wollte, drehte der Hund den Kopf und blickte noch einmal zu ihm auf.

er apathisch liegen. »Der Hund håut woos«, sagte der Vater und schüttelte Als der Vater in diese braunen, vertrauten Augen sah, war es ihm auf einmal, als wäre er eben dabei, seinen besten Freund zu erschlagen.

Der alte Sommer saß auf dem Holzstoß unter dem Birnbaum und sah auf die andere Seite hinüber, zum Wirtshaus über dem Bach (Nr. 28). Die Schrift über den Fenstern »Gasthaus zum Bohrturm«, hatte er schon wer weiß wie oft gelesen, er blickte nur hinüber, damit er nicht sehen mußte, wie dieser Hund starb.

Er fuhr zusammen, als ihn mein Vater an der Schulter packte: »Dåu Sommer, daschloog-nan du, ich koas neat«, sagte er, und drückte ihm das Beil in die Hand. Da saß er nun, ein ausgewachsenes Mannsbild, mit Mordsschurrbart, aber hilflos wie ein kleines Kind. Er erhob sich, stellte sich über den Hund, aber über »das Beil heben« kam auch er nicht hinaus.

»Måch woost wüllst, Ferdl, ich koas a neat«, sagte er. Unterdessen gingen draußen auf der Straße zwei Zigeunerinnen vorbei. Die waren ja bei uns immer unterwegs, um mit Kartenschlagen und so Lumpereien an Geld zu kommen. Sie kamen also in ähnlicher Absicht in den Garten, wo sie die zwei Männer vor dem wie leblos daliegenden Hund stehen sahen. »Könna mir Hund mitnemma?«, fragten sie und dachten dabei an den fetten Braten, den er geben würde.

Aber da kannte sie der Friedel Ferdl schlecht. Er fuhr wie ein Teufel auf sie los, und sie hatten dabei noch Glück, daß er ihnen nicht das Beil nachwarf. Aber auch die Flüche, die er ihnen nachbrüllte, waren nicht von schlechten Eltern. Mit gerafften Röcken suchten die zwei Weiber das Weite. Vor lauter Schreck blieb eine am Gartentürl hängen und flog der Länge nach hin auf die Straße. Dabei rutschte eine grüne, gefüllte Flasche aus dem verknoteten Tuch, das sie wie einen Sack umgehängt hatte, und zersprang auf dem Pflaster in tausend Scherben.

Als mein Vater diese grünen Scherben sah, funkte es in seinem Hirn. Warum hatte er daran nicht schon früher gedacht: Baldrian! »I probier's mit Baldrian, amend hülft's.«

Er eilte in die Stube, roch und stöberte in den grünen Flaschen auf der Steinbank herum, bis er sie hatte, die Baldrian-Flasche. So schnell ihn die Füße tragen konnten, ging er wieder hinaus in den Garten.

»Reiß-nan 's Maal aaf!«, rief er dem Sommer zu. Und dieser riß dem Hund mit beiden Händen die Schnauze auseinander. Der Vater schüttete die halbe Flasche hinein, so viel, daß der Baldrian seitlich herauslief. Dann nahm er den Hund, der alles willenlos über sich ergehen ließ, auf den Arm und trug ihn wieder hinein in die Stube.

Zu der Zeit ging gerade der »Boss'n Knopp« am Haus vorbei und fragte neugierig: »Is-a la tåut?« Die Antwort meines Vaters war ein giftiger Blick.

Unter dem »Huhl'n Uaf'm« hatte der Flocki sommers und winters seinen Platz, und dort bettete ihn der Vater hin. Viel Hoffnung hatte er nicht.

Draußen, über dem Garten, hing noch eine Baldrian-Wolke. Nach etwa zwei Stunden bangen Wartens zeigte es sich, daß der Baldrian auch diesmal meinen Vater nicht im Stich ließ. Der Hund schüttelte sich ein paarmal und kam unter dem Ofen hervor. »Jå Flocki, wöi gäiht-s da-n«, sagte ich, und er kam wedelnd auf mich zu. Ich sah, daß seine Augen wieder klar waren, und als ich ihm streichelnd über den Rücken fuhr, merkte ich, daß sein Fell glatt und trocken war.

Am nächsten Tag ging ich mit dem Hund durchs Dorf hinauf. Oben, beim Konsum (Nr. 33), stand der Boss'n Knopp vorm Haus. Er drehte sich nach uns um und murmelte: ​​»Öitz iss-a jå doch neat tåut.«

Nein, er war nicht tot, er war wieder lebendig wie vorher, und er freute sich noch lange an seinem Leben, nur wenn ihm eine Katze oder eine Ratte über den Weg lief, dann spuckte er Gift und Galle.

Um nun noch einmal auf den »Boss'n Kårl« zurückzukommen: das war ja auch einer von denen, über die sich viel erzählen ließe. Der Karl, oder »Knopp«, wie wir sagten, lebte unbeweibt im Konsum-Haus (Nr. 33). Ich weiß nicht, ob er je verheiratet war. Sein wirklicher Familienname fällt mir nicht ein, deshalb bleibe ich bei der Bezeichnung »Boss'n Knopp«. Es ist schwer, sich einen Menschen, mit dem man kaum persönlichen Kontakt hatte, nach einem halben Jahrhundert in die Erinnerung zurückzurufen.

Aber wenn ich mir den Boss'n Karl jetzt so vorstelle, dann sehe ich ein Gesicht vor mir, das ein wenig aufgeschwemmt und mit hellbraunen, sommersprossenähnlichen Flecken überzogen war. Wenn er den Mund öffnete, sah man eine Reihe ungepflegter, gelber Zähne. Von der Figur her war er gedrungen und mittelgroß. Mehr fällt mir dazu nicht ein. Man erzählte sich im Dorf, er sei oft hinter Schulmädchen hergewesen, hinter älteren Schulmädchen natürlich.

Wie leicht so junge Dinger manchmal für »diese« Spielereien zu überreden sind, hört man ja immer wieder, zumal wenn man sie mit Schokolade und so süßem Zeug ködert. Aber das war, wie gesagt, Dorfgerede, und meine Meinung ist unwichtig. Da gibt es doch so einen schönen, passenden Bibelspruch: »Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein.«

Der Boss'n Karl bestellte einmal bei einem Pechgrüner Maler ein Bild. Es sollte eine Frau sein, eine nackte Frau, in der Größe, na, sagen wir, von einem halben Meter. Und er stellte sich das Bild etwa so vor wie die nackte Maja von Goya. Jeder, der sich ein bißchen bei den alten Malern auskennt, wird wissen, was ich meine. Ja, und vor das Bild, sagte er, wolle er dann einen Vorhang machen, zum Auf- und Zuziehen. »Dees mou ja neat jadara g'seah hoom«, sagte er mit einem verschlagenen Grinsen.

Es wurde aber nichts aus dieser Sache. Ich weiß es vom Maler persönlich, daß das Bild, wenigstens von ihm, nicht gemalt wurde. So war er halt, der Boss'n Knopp. Aber er hatte auch noch andere eigenwillige Sachen im Kopf.

Ich denke da an sein Einrad. Jeder wird wissen, wie ein Einrad aussieht: Ein Rad, wie von einem Fahrrad, und dort, wo die Gabel endet, sitzt der Sattel. Eine Lenkstange gibt es nicht, und die Pedale sind mit der Radachse verbunden. So einfach ist ein Einrad. Aber es ist bei Gott nicht einfach, darauf zu fahren. Es ist etwas für einen Zirkus, aber nichts für unsere Pechgrüner Dorfstraße.

Eines Tages wurde ich in den Konsum zum Einkaufen geschickt. Es war ein schöner Tag. Die Sonne schien und die Kastanien beim Kriegerdenkmal (Anm.: zwischen Pleierwirtshaus - Nr. 67 und Konsumhaus - Nr. 33) standen in voller Blüte. An diesem Tag sah ich den Boss'n Karl das erste Mal auf seinem Einrad die Straße herunterrudern. Das war ein Anblick! Er fuchtelte so mit den Armen in der Luft herum, daß es aussah wie ein Hänfling, der an der Leimrute hängt und vergeblich versucht wegzufliegen.

Manchmal blickte er dabei über die Schulter zurück, um zu sehen, wie lange die Wegstrecke war, die er schon zurückgelegt hatte. Als er beim Kriegerdenkmal angekommen war, blitzten ein paar grelle Sonnenstrahlen durch die Blätter der Kastanien auf ihn herunter. Dabei mußte er sich wohl vorgekommen sein wie unter dem Scheinwerferlicht in der Zirkusmanege, denn er wurde plötzlich vom Übermut gepackt.

Das zeigte sich so, daß er mir mit beiden Händen zuwinkte und dabei strahlend lachte, so etwa, wie der Zirkusartist, der sich nach einem gelungenen Kunststück für seinen Applaus beim Publikum bedankt.

Das hätte er aber besser nicht tun sollen, denn dadurch verlor er das Gleichgewicht und begann dagegen zu wehren. Er fuchtelte wie ein Wilder mit den Armen, um nicht vom Rad zu fliegen, aber das machte alles nur noch schlimmer. Je mehr er sich gegen das Herunterfallen wehrte, desto mehr zog es ihn hinüber zur Bachseite. Instinktiv streckte er seine Hände nach einem Schleuderstein aus.

Was dann geschah, ließ den Boss'n Knopp vor Entsetzen erbleichen. Sein Rad, sein wunderschönes, neues Einrad wirbelte durch die Luft, blitzte, wie zum letzten Gruß, noch einmal in der Sonne und landete schließlich, fast unten bei »Wåst'ls Wöiha« (Nr. 9), im Wasser. Ich war um diese Zeit immer barfuß und sprang in den Bach, um das arg ramponierte Gefährt herauszuholen. Der Boss'n Knopp umklammerte derweil, mit einer blutenden Stirnwunde, noch immer den Schleuderstein. Seine Augen spiegelten Trauer und Verzweiflung, als sie diesen Schrotthaufen streiften.

Vielleicht war dies seine letzte Fahrt, denn ich sah und hörte später nichts mehr von seinem zirzensischen Gelüsten.

Viele werden sich noch an die Zucker-Bude in unserem Dorf erinnern. Sie war in der Ortsmitte, auf ein paar Balken, ganz raffiniert über den Bach gebaut. Der Bach floß unter der Bude durch, und so beanspruchte sie keinen Baugrund. Ich finde diesen Platz auszusuchen war eine gute Idee.

In jener Zeit war der Boss'n Knopp Besitzer (oder Pächter?) dieses Bauwerks. Es war nicht viel größer als ein Bienenhaus, hatte aber ein großes Fenster, das man mit einem Holzladen verschließen und von innen, gegen Einbruch, mit zwei festen Eisenbändern verriegeln konnte.

Der Innenraum war mit einfachen Holzbänken ausgestattet, die entlang der Wände fest angebracht waren. Durch eine Art Verkaufstisch war der Raum in zwei etwa gleichgroße Hälften aufgeteilt. Im Winter war die Bude mit einem Bunkerofen beheizbar und konnte eine heimelige Gemütlichkeit ausstrahlen. Meistens saß man nur mit ein paar Freunden herum, plauderte und sah sich die guten Sachen an, die auf den Ladentisch in Schachteln und Gläsern aufgestellt waren, denn viel Geld zum Einkaufen hatte ja keiner von uns.

Wenn ich daran denke, sehe ich noch alles deutlich vor mir: die verschiedenen Schokoladensorten, die Schachteln mit den Waffeln vielerlei Füllungen. Aus Gläsern lockten regenbogenfarbige Zuckerstengel und Zuckerl, und was ich am liebsten mochte, die Cremeschnitten mit der rosaroten Zuckerglasur obendrauf.

Leider war mein sonntägliches Taschengeld nie höher als 50 Heller, das reichte gerade für eine Rippe Milchschokolade. Aber es gab auch Sternstunden, ein oder zweimal im Jahr, da reichte das Geld für eine Cremeschnitte. Das waren dann richtige Festtage.

Nur an Sonn- und Feiertagen war die Bude geöffnet, aber man freute sich die ganze Woche darauf.

Eines Tages, es war ein Werktag, trat ich aus dem Haus und sah, unten vor der Bude, auffallend viele Leute in Gruppen herumstehen. Den Grund erfuhr ich schnell: in der Nacht war in der Zuckerbude eingebrochen worden. Ich sah die aufgebrochene Tür und hörte, daß die Diebe die große Truhe mitgenommen hatten.

Dazu muß gesagt werden, daß es eine verschließbare Lade mit gewölbtem Deckel war, in der Art, wie man sie früher auf dem »Kommer-Woog'n« für die Aussteuer mitführte. Der Boss'n Karl verstaute darin die vielen Schachteln, wenn die Bude geschlossen war. Er konnte ja nicht immer alles mitnehmen, nur die Kasse mit den Einnahmen, die ließ er natürlich nie stehen. Ich horchte nun herum, was sich die Leute so erzählten, und erfuhr, daß die Gendarmerie in Chodau schon von dem Einbruch benachrichtigt war.

Ganz zufällig hörte ich auch, wie ein »Boochheinzl-Mäuidl« (der Vorname ist mir entfallen) erzählte, daß sie in der Nacht, aus der Schicht von Neurohlau kommend, zwei Gestalten gesehen habe, die was Schweres über die Bärnhaut hinunterschleppten.

Ich weiß nicht, warum diese wichtige Mitteilung niemand beachtete. Bei mir jedenfalls hat es, dank unserer guten kriminalistischen Ausbildung durch Tom Shark, gleich gefunkt; denn dieser große Meister löste seine schwierigsten Fälle nur durch eiskaltes Überlegen und brachte damit jeden Verbrecher gnadenlos zur Strecke.

Leider mußte ich am Vormittag zur Schule, aber gleich nach dem Mittagessen bin ich, zusammen mit Richard, hinunter auf die Bärnhaut. Nach allem, was uns bekannt war, mußten wir von dort ausgehen. Auch Richard meinte, das wäre die heißeste Spur. Der große Meister Sherlock Holmes sagte immer: »Richtig kombinieren ist alles«.

Also kombinierten wir: Zuerst mußten wir uns in die Rolle der Diebe versetzen. Was würden wir also in ihrem Fall tun?
1. Wir müßten schnellstens von dieser freien Wiesenfläche verschwinden.
2. Wir müßten uns ein Versteck suchen, möglichst in der Nähe.

Wir waren uns beide einig, daß der geeignetste Platz, um die gestohlene Lade auszupündern, Maasterwenz'ls Wallerl war. Ich kannte mich dort gut aus, denn dieses Birkenwäldchen war eines meiner geheimen »Schwåmma-Platzla«, wo ich nie vergebens hinging. Schöne Rotkappen gab es dort, und, was kaum jemand im Dorf wußte, jede Menge Steinpilze, »Groos-Püls'n«, wie wir zur Sorte sagten. Ich glaube, daß es im Ort nur wenige gab, die dort nach Pilzen suchten, denn ich fand nie abgeschnittene Reste oder Stumpen.

Es ist noch zu sagen, für die, die diese Gegend nicht so genau kannten, daß es dort auch einen kleinen, alten Steinbruch gab, aber es war schon alles mit Gras und wilder Erika so zugewachsen, daß man kaum eine Handbreit Erde mehr sah. Die herumliegenden, vom Eisenglimmer rostbraun geäderten Granitblöcke waren von Schlehen, Heckenrosen und anderem Dornenzeug dicht umwuchert.

Es gab keinen geeigneteren Platz als diesen, wo man in aller Ruhe den Kasten aufbrechen und ausplündern konnte. Wir lenkten also unsere Schritte zuerst in dieses Birkenwäldchen gegenüber vom Maasterwenzl-Hof. Und siehe, wir stellten zu unserer Freude fest, wie richtig unsere Kombination war; denn dort im alten Steinbruch stand tatsächlich, mit ein paar Ästen flüchtig zugedeckt, die gestohlene Truhe.

Sie war zwar aufgebrochen, aber es schien nichts zu fehlen. Alle Schachteln, die ich so gut kannte, waren da. Und alle Sorten Schokolade sah ich liegen, und auch die guten Nußwaffeln fehlten nicht.

Es sah alles so verlockend aus, daß uns das Wasser im Mund zusammenlief, aber wir rührten nichts an. Tom Shark oder Sherlock Holmes hätten das sicher auch nicht getan. Wir schleppten nun also die Lade, so wie wir sie vorgefunden hatten, zurück ins Dorf. Als wir sahen, daß verschiedene Leute, an denen wir vorbeigingen, bewunderte Köpfe schüttelten, hielten wir es für eine Anerkennung; und unsere Brust wölbte sich vor Stolz.

Als wir droben vor dem Konsum dem Boss'n Karl die Truhe übergaben, erwarteten wir wenigstens ein lobendes Wort, aber er blickte uns mit seinen blassen Augen nur stumm an. Sie waren groß und feucht, und er stand so dicht vor mir, daß ich in seinen Pupillen, spiegelverkehrt mein Gesicht sah. Er drehte nur den Kopf, wie ein Wellensittich, wenn er sprechen will, aber er blieb sprachlos, so sprachlos, daß er nicht ein einziges Wort des Dankes fand. Erst heute, als Erwachsener, weiß ich, wie schofel das damals von ihm war.

Am nächsten Tag hörten wir dann, was sich die Leute in Wigg'ns Laden (Nr. 24) über unser Unternehmen erzählten. Es war nichts Gutes, was wir da aus sicherer Quelle erfuhren: »Woos?, da Friedl u da Bauma, döi zwäi Gouttouan hum öitz dees Zeich von Boss'n Karl g'funna? Döi wer(d)'ns a g'stuhl'n hoom, wall-ses gåua sua schnell g'wißt hum, wåu dea Kåst'n stäiht«.

So redeten die Leute über uns. Andere sagten wieder: »Angst wer(d)'ns se kröigt hoom, waal-se g'häiat hum, da-mas da Schandarmarie g'meld't håut«.

So ging das Gerede hin und her. Wir waren ja nur Buben, kaum 10 Jahre alt, was konnte von uns schon Gutes kommen! Die Gendarmerie hätte man sicher über alles gelobt, wenn sie das Zeug so schnell gefunden hätte. So waren sie halt, die Leute. Ich will nicht aufzählen, wie oft mir als Bub Unrecht getan wurde. Ich war kein stimngewaltiger Kerl, der sich gegen so eine Anschuldigung gewehrt hätte. Zumal in diesem Fall keiner so ehrlich war, uns den Verdacht offen in's Gesicht zu sagen. Ich weiß nicht, wie es Richard damals alles so hingenommen hat, aber von mir muß ich zugeben, daß es tagelang schmerzlich in mir wühlte, weil man mir diesen Diebstahl zutraute.

Ich erinnere mich, daß ich zu Richard hinterher sagte: »Häit'n ma nå dees Zeich löiwa alles zoammg'fress'n, u häi(t)'n den Kåst'n in dean Stoabruch stäih'n g'låua!«

Mir fällt jetzt etwas ein, was zu dieser Geschichte eine Beziehung hat, wenn es auch nicht so scheint. Es gab noch in dieser Zeit einen tschechischen Briefträger in unserem Dorf, mit dem Namen Mislik.
Ich kann mich erinnern, daß wir als Kinder oft wegen seiner Unbeholfenheit über ihn lachten. Ich glaube, er wurde von keinem im Ort so richtig für voll genommen. Warum? Ich kann es nicht sagen. Vielleicht wegen seinem hundsmiserablen Deutsch.

Wenn ich ihn mir jetzt vorstelle, dann sehe ich seinen roten, aufgegossenen Kopf vor mir, der immer schweißtriefend war. Er tat mir manchmal fast leid, wenn er sich mit seinem großen Taschentuch pausenlos das Gesicht abwischte, ohne den Schweiß zum Stillstand zu bringen.

Man mochte ihm viel vorwerfen, aber eines gewiß nicht, nämlich, daß er seinen Dienst nicht gewissenhaft getan hätte. Einmal, er hatte die Post im Dorf schon ausgetragen, befand er sich auf dem Heimweg nach Chodau. Es ging auf die Mittagszeit zu, und die Sonne stach erbarmungslos vom Himmel. Die Teiche lagen da, als wären sie mit flüssigem Blei gefüllt. Das war ein Wetter für den Mislik; er sah ja sowieso immer aus, als müßte er, vom Schlag getroffen, umfallen. Er hatte also seinen Dienstrock weit aufgeknöpft, seine Posterer-Mütze hatte er an einer Klammer am Hosenträger hängen, und der Schweiß lief in Bächen den Hals herunter. Er hatte einen Kopf wie ein glühendes Ofenrohr.

Da, am Kastenleh, fiel es ihm siedendheiß ein: »Kruzifix, hab ich vergessen Postkastl«, stöhnte er. Das hieß, er hatte vergessen, den Postkasten, der am Pechgrüner Gemeindehaus angebracht war, zu leeren. Ein anderer hätte sich wahrscheinlich gesagt: »dann leere ich den Kasten halt morgen«. So viel wurde in unserem Dorf sowieso nicht geschrieben, daß jeden Tag neue Post angefallen wäre. Aber nicht so »pan Mislik«.

Fluchend und schwitzend zwar, ging er noch einmal zurück ins Dorf, um den Briefkasten zu leeren. Aber, o grausames Schicksal, der Kasten war leer, wie er leerer nicht sein konnte.

Das Rot in seinem Gesicht hatte sich um einige Stufen erhöht, und der Schweiß begann wieder heftiger zu fließen, als er sich abermals auf den Heimweg machte. Kein Mensch hätte sich jetzt gewundert, wenn einer gesagt hätte: »Öitz håut'n da Schloog troff'n«.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, daß ich an ihm immer meine paar tschechischen Brocken ausprobierte. So sagte ich, wenn er mir über den Weg lief, mehr zur Gaudi als aus Höflichkeit, immer: »Dobry den, pan Mislik!« (Guten Tag, Herr Mislik!) Mein Gruß kam immer gut bei ihm an.

Allmählich lernte ich längere Sätze dazu, die ich zu ihm sagte: »Je horko dnes, pan Mislik!« (Es ist heiß heute, Herr Mislik!) oder: »Prosim, kolik je hodin, pan Mislik?« (Bitte, wie spät ist es, Herr Mislik!) Halt lauter so Zeug sagte ich zu ihm.

Und so entstand aus der anfänglichen Gaudi eine Art Freundschaft zwischen uns; einfach deshalb, weil mich der Mislik für einen höflichen, gut erzogenen Buben hielt. Er schenkte mir manchmal ausländische Briefmarken, und er wäre sicher sehr enttäuscht von mir gewesen, wenn ich einmal an ihm vorbeigegangen wäre, ohne ein Wort zu sagen.

Und nun komme ich darauf, warum mir der Mislik eingefallen ist, als ich von dem Einbruch in Boss'n Karls Bude erzählte. Ich weiß nicht, woher der Briefträger davon erfuhr, daß wir die Truhe gefunden hatten. Jedenfalls kam er am Tag danach, als ich ihn wie üblich grüßte, auf mich zu und sagte: »Du maly Detektiv, dobry! Ty ses statecny kluk!«

Er drückte mir ein paar Briefmarken in die Hand und fuhr mir mit seiner schweißigen Hand streichelnd über die Haare. Ich hab' nicht viel von dem verstanden, was er zu mir gesagt hat, aber ich spürte, daß es etwas Gutes, vielleicht eine Art Lob war.

Es war das einzige Lob! (Ich weiß inzwischen durch die Übersetzung, daß es ein Lob war.) Von den vielen Pechgrünern hatte es niemand für nötig gehalten, so etwas zu uns zu sagen, aber er, der Tscheche, tat es.

Es gab noch einige Tschechen in unserer Gegend, die wir als Kinder, oft zu Unrecht, auslachten und gehänselt haben. Einer davon war auch der »pan Slama«. An den werden sich aber nur die erinnern, die zu meiner Zeit täglich mit dem Zug in die Schule oder zur Arbeit fuhren. Der Herr »Slama«, was zu deutsch »Stroh« heißt, war Angestellter bei der »Ceskoslovenska draha«, also »Bähner«.

Er hätte, von der Statur her, ein Zwillingsbruder vom Regel Tonerl sein können; nur kenne ich den Slama in einer feinen, blitzsauberen Eisenbahneruniform mit vielen goldenen Knöpfen und einer Schirmmütze wie ein General. Der Schouster Toni fuhr damals täglich in die Tischler-Lehre nach Meierhöfen. Er war schon als junger Mensch ein Freund von Nikotins. Als er einmal an der Bahnhofssperre stand, mit dem glimmenden Tschick im Mund, fragte ihn der Slama: »Wie alt ist?« Der Toni darauf: »15«. Der Slama schüttelte den Kopf und drohte mit dem Finger: »Und da muß schon rauchen?«, fragte er. Obwohl er es in einer väterlich-fürsorglichen Art sagte, konnte der Toni diese Frage nicht vergessen, denn er betrachtete sie als Einmischung in sein Privatleben.

Deshalb schikanierte und ärgerte er von diesem Tag an den Slama, wo er nur konnte. Jedesmal, wenn er in seiner schönen »Bähneruniform« an der Sperre stand und sein monotones: »Jízdenka prosím« herunterleierte, um die Fahrkarten zu zwicken, drückte ihm der Toni statt der Fahrkarte den Daumen in die Hand.

Und der ohnehin schon nervöse Slama fiel auch jedesmal auf diesen Gag herein. Die Kanonade tschechischer Flüche, die er Gepoften dem Toni immer nachschmetterte, bevor er in den Zug sprang, war gewaltig.

Die Geschichten, die wir mit Slama oder überhaupt auf der täglichen Bahnfahrt von Chodau nach Meierhöfen erlebten, wären wunderbar zu erzählen. Aber es gibt nicht mehr viele, die dabei waren, und Außenstehende hätten halt doch nicht diese Freude daran.

Ich schrieb diese paar Zeilen über Slama auch nur, weil es mir halt gerade so eingefallen ist.
Es gab noch einen Tschechen, der in meinem Leben eine Rolle spielte, ohne daß er davon wußte.

Aber er war keiner von der Sorte wie Mislik oder Slama. Er lebte sogar in unserem Dorf und war zu meiner Zeit der einzige Tscheche, der Pechgrüner oder, richtiger, angeheirateter Pechgrüner war.

Sein Name? Nun, ich muß gestehen, daß ich seinen Namen bis heute nicht weiß (Anm.: er hieß František Bárta). Ich glaube, es wird in unserem Dorf auch nur wenige gegeben haben, denen er bekannt war.
Unter uns Buben war er nur als »Ben Sali« bekannt.

Man wird mit Recht fragen: Warum Ben Sali, wenn er Tscheche war? Ich werde versuchen, die Frage zu beantworten, aber es geht nicht mit einem Satz. Auf dem Chodauer Fest gab es einmal eine Schaubude. Sie stand damals, ich weiß es noch genau, neben der Ringerbude, in der der unvergessliche »Harzer« aus Neudek seine alljährliche Schau im Ring abzog. Jeder meines Alters wird sich noch an ihn erinnern, wie er sich am Ring auszog, wie er seine Kleider und seinen Stock an den Ringseilen aufhing, und wie er mit seinen einmaligen Sprüchen das Publikum mitriß.

Es gab immer ein großes Geschrei und Getöse, wenn sich die nackten, schweißglänzenden Leiber aufeinander warfen. Ich glaube, es gab keinen unter uns, der seine Daumen nicht für den Harzer drückte.

Aber das ging nicht nur uns Pechgrünern so; die Herzen aller Buben der Umgebung lachten und litten, wenn der Harzer in den Ring stieg. Und er hat es so geschickt verstanden, die Spannung über den Ausgang der Kämpfe von einer Vorstellung in die andere hineinzutragen, daß man am liebsten den ganzen Abend in der Ringer-Bude verbracht hätte, wenn nur das liebe Geld gereicht hätte.

Wer das Gedicht vom seligen Sieger Franz kennt, in dem das Chodauer Fest so treffend schildert, wird darin zwei Strophen finden (25 und 26), in denen auch an dieses einmalige Ringeroriginal gedacht. Sie gehen so:

»Woos söllt na öitza wieda sa(n),
Wall d'Leit wöi narrasch springa?«
»Woos?« »Dunn drüwan in dean Zelt,
Töit glau da Harzer ringa.«

»Nå nex wöi üwe, hadaradasch,
Dåu wenn-ma richte kaama.
An Harzer u an Musk'lwenz
Töit-e neat gea(r)n vassama.«

Ich bin nun leider, durch die Erinnerung ans Chodauer Fest, von meinem roten Faden abgekommen. Ich wollte ja nicht vom Ringer-Zelt erzählen, sondern von der Schau-Bude, die in jener Zeit daneben, Wand an Wand sozusagen, aufgebaut war.

Nun, in dieser Bude trat einer auf, der wie ein Inder, wie ein Fakir, kann man sagen, mit Turban und Lendentuch aufgemacht war. Der Ausrufer kündigte ihn vom Podest der Schaubude herunter als »Ben Sali«, den lebendigen Toten, an. Er sah auch wirklich aus, als wenn kein Funke Leben in ihm wär'.

Ich erinnere mich noch, wie lange ich davor stand, wie lange ich rechnete und abwog, bevor ich mich endlich entschloß, in die Vorstellung zu gehen. Mein Festgeld war nie so reichlich bemessen, aber schließlich zog ich Ben Sali doch den Salzgurken vor, die ich sonst für dieses Geld bekommen hätte.

Was mir dann allerdings in der Bude geboten wurde, war schon sein gutes Geld wert. Es begann mit harmlosen Zaubereien. Kaninchen, Tauben, Mäuse und lauter so Viehzeug holte ein bärtiger Mann mit stechenden Augen aus einem Zylinder, den er kurz vorher noch auf dem Kopf hatte. Danach wurden »Siamesische Zwillinge«, die Frau ohne Unterleib, und ein »Feuerschlucker« gezeigt. Das waren für mich aber alte Hüte, denn die hatte ich voriges Jahr schon einmal auf dem Chodauer Fest gesehen.

Aber dann kam der Abschluß, der Höhepunkt des Abends sozusagen. »Ben Sali« stand auf der hell erleuchteten Bühne. Was mit dem alles gemacht wurde, konnte man sich nicht ansehen, ohne von oben bis unten mit Gänsehaut überzogen zu sein. Durch Lippen, Arme und Ohren schob man ihm lange, silbrige Nägel, solche, wie sie der Meisl-Zimmermann hatte, wenn er einen Dachstuhl zusammennagelte.

Danach wurde er über eine Batterie unter Strom gesetzt, daß es ihn beutelte, als wäre er vom Schüttelfrost befallen. An der Batterie war eine Glühlampe angeschlossen, die hell leuchtete und genau zeigte, daß eine ganze Menge Strom auf der Leitung war. Wenn man ganz ruhig war, hörte man auf der Bühne das feine Knistern, so wie im Pechgrüner Transformatoren-Häusl.

Ich wünschte mir damals, daß das der Müller Albin gesehen hätte, der seinerzeit unser Elektriker war. Da hätte er mit eigenen Augen sehen können, wie ein Mensch aussieht, wenn er unter Strom steht.

Das alles war aber noch nicht genug der Qual. Zum Schluß wurde er noch mit glühender Eierkohle traktiert, daß es in der ganzen Bude roch wie die aufgeplatzten Blutwürste, die man manchmal – wenn man Glück hatte – aus der Wurstsuppe unseres Fleischers fischen konnte.

Ich kam an diesem Abend nicht aus dem Staunen heraus. Die schlimmsten Foltern ließ Ben Sali über sich ergehen, ohne einen Mucks zu machen. Unbeweglich stand er mit geschlossenen Augen auf der Bühne und sah im grellen Scheinwerferlicht noch weißer aus, als die weißeste echte Leiche. Und nun, in diesem Moment, wußte ich, warum dieser Mann den Namen »Ben Sali«, den lebendigen Toten, hatte. Ich finde, der Name traf den Nagel genau auf den Kopf.

Und nun komme ich wieder auf meinen Ausgangspunkt zurück, nämlich zu unserem »Pechgrüner Tschechen«. Der Grund, warum er sich ausgerechnet in unserem Dorf niedergelassen hatte, war der, daß er ein »Ristinger Mäu(d)'l« ehelichte; der Vorname selbiger ist mir leider entfallen (Anm.: Anna Ristinger). Dieser Tscheche fiel in unserem Dorf dadurch auf, daß er nicht auffiel; das heißt, er sprach so gut wie nichts. Es mag sein, daß er der deutschen Sprache nicht mächtig war. Zudem sah man ihn nur mit einem Gesicht, das so unbewegt wie eine Wand war. Man sah ihm weder ein Zeichen des Ärgers noch eine Regung der Freude. Und dieses war sicher der Grund, warum eines Tages der Name »Ben Sali« im Zusammenhang mit ihm auftauchte. Ich könnte bei Leibe nicht sagen, wer den Namen aufbrachte. Aber ich finde den Vergleich mit Ben Sali recht treffend. Diese Bezeichnung blieb auch an ihm haften, solange ich ihn kannte, schon einfach deshalb, weil keiner einen anderen Namen von ihm wußte. Und so muß ich jetzt, wo ich von ihm schreibe, abermals auf diese Titulierung zurückgreifen. Er möge es mir, wenn er noch irgendwo lebt, verzeihen, denn ich denke noch heute mit großer Achtung und Bewunderung an ihn.

Ben Sali also übte den Beruf eines Postbeamten aus. Aber er war kein gewöhnlicher Briefträger, sondern, das sah man schon an seiner korrekten Kleidung an, er muß im gehobenen Dienst gestanden haben.

Was mich aber immer so zu ihm hinzog, war nicht dieser ausgeübte Beruf, sondern dies, daß er auch Maler war. Aber nicht so ein billiger »Haus- und Hofmaler«, sondern ein richtiger, mit akademischer Ausbildung. Das sah ich schon damals, als Bub mit 9–10 Jahren. Wie er seine Bilder begann, das Skizzieren mit Kohle, das Anlegen der Farbe, diese Sicherheit; das alles konnte einfach nur einer, der eine gute künstlerische Schulung hatte. Ich wünschte mir damals immer, einmal ein guter Maler zu werden, wie er es war. Wenn ich mir jetzt, in der Rückerinnerung, seine Bilder vorstelle, dann meine ich, sie waren in der Art der französischen Impressionisten gemalt.

Man sah ihn immer ganz allein vor seiner Staffelei im Gelände stehen. Kaum war er von der Arbeit zuhause, zog es ihn schon wieder mit dem Malzeug hinaus. Das erste Mal sah ich ihn vorne, »af da Luuft«. Die zwei Kastanienbäume, die vor dem Lutz-Haus (Nr. 90) standen, waren in voller Blüte. Ich blieb hinter ihm stehen, bis das Bild fertig war. Den ganzen Abend ging mir das Bild nicht aus dem Kopf, und ich nahm mir vor, das Haus auch einmal, von der selben Stelle aus, zu malen.

Das zweite Mal, als ich ihn sah, hatte er seine Staffelei im Glöckners Garten (Nr. 27) aufgebaut. Ganz oben, dort wo der Abfluß vom Hechtenteich war, hatte er sich plaziert; und er malte das Gartner-Haus (Nr. 7). Ich habe das Bild noch genau in Erinnerung. Die Rückseite des langgezogenen Hauses lag im Schatten und war in stumpfem Grauton gemalt. Es sah aus wie eine Gefängnismauer. Nur der Lärchenbaum, der das Haus weit überragte, strahlte im hellen Licht. Jeder wird sich an die lange Fliederhecke erinnern, die das Gartengrundstück zum Glöckner (Nr. 27) hin begrenzte. Der Flieder stand zu dieser Zeit in voller Blüte. Und nun wußte ich, warum er die Hausmauer so trolos grau gemalt hatte. Dadurch nämlich kam die Fliederhecke im Vordergrund umsomehr zum Leuchten. Sie stand voll in der Abendsonne und sah aus wie ein weißblauvioletter Farbwirbel. Es war ein Anblick, der das Herz zum Lachen brachte.

Ben Sali hatte ein gutes Gespür, die schönsten Plätzchen unserer Dorfumgebung für seine Bildmotive zu finden. Manchmal denke ich, wenn man alle Bilder hätte, die er damals gemalt hat, dann könnte man auf die schönste »Pechgrün-Sammlung« blicken, die man sich vorstellen kann.

Unermüdlich stand ich meistens hinter ihm oder saß an seiner Seite im Gras. An solchen Tagen vergaß ich sogar meine Freunde vom Stamm der Mohikaner. Vom ersten Kohlestrich bis zum letzten Farbauftrag verfolgte ich seine Arbeit, und es wurde mir keine Sekunde langweilig. Wenn ich jetzt manchmal im Gelände beim Malen bin, denke ich oft an Ben Sali, und mir fällt auf, daß ich mir angewöhnt habe, meine Bilder genau so zu beginnen und zu beenden, wie er es tat. Er malte wie in einem Rausch, und er duldete mich neben sich, ohne ein Wort zu sagen. Nur wenn er sich bückte, um eine neue Farbtube aus seinem Malkasten zu holen, warf er mir manchmal einen Blick zu, der nicht unfreundlich wirkte.

Die leeren Farbtuben warf er neben sich achtlos ins Gras. Auf den Moment wartete ich immer schon wie der Hund auf die weggeworfene Wurst. Zum Glück malte Ben Sali in einer pastosen Art, das heißt, er trug die Farbe dick auf und verbrauchte viel davon. Das kam meiner Tubensammlung sehr zugute. Bald hatte ich ein halbes »Schwåmma-Sackerl« voll. Zuhause probierte ich einmal, eine Tube mit der Flachzange bis zum Letzten auszudrücken, und war sehr erfreut darüber, was ich da noch herausbrachte. Ich nahm mir fest vor, mit diesen Farben einmal ein Bild zu malen. Ich glaube, als Ben Sali merkte, daß ich seine leeren Tuben sammelte, nahm er es auch mit dem Leerdrucken nicht mehr ganz so genau.

In dieser »Ben Sali-Zeit« gewöhnte ich mir an, immer etwas zum Zeichnen in der Tasche zu haben – einen kleinen Zeichenblock und einen Bleistiftstummel. Und immer, wenn ich allein fortging, brachte ich etwas mit nach Hause, irgendein Detail als Skizze, einen Baum, ein windschiefes Haus oder sonst was. Später wagte ich mich dann auch an Menschen: Leute, die an unserem Haus vorbeigingen, ein im Vorübergehen erhaschtes Gesicht. Ich malte auch manchmal die alten Männer, die bei uns zu Besuch waren, ohne daß sie es merkten. Das war dann schon in meiner Fachschulzeit.

Ich entdeckte einen anhaltenden Mal- und Zeicheneifer in mir, und bald war ich auch in meinen Gedanken so bei der Malerei, daß ich die Landschaft, in der ich mich gerade bewegte, nur noch in Bildern sah.

Es machte mir halt Freude zu zeichnen, und so weit ich mich zurückerinnere, hatte ich in meinen Schulklassen auch nie eine Konkurrenz zu fürchten. Nur der Baumer Richard: wenn der oft mit uns daheim war und wir zusammen auf unserem großen Fensterbrett zeichneten, dann bewunderte ich immer seine karikaturistischen Einfälle. Er war auf diesem Gebiet ganz große Klasse.

Der Richard bekam einmal einen Ölmalkasten zu Weihnachten geschenkt; und Ölfarben, das wäre auch für mich das Höchste gewesen. Ich kann mich noch gut an sein erstes Ölgemälde erinnern. Es war ein Stillleben, nach einer Postkarte gemalt. Aber soviel ich weiß, blieb dieses Werk ewig unvollendet. Ich sah auch nie, daß er einen zweiten Versuch gemacht hätte. Dabei meine ich, er hätte das Zeug gehabt, wenn schon nicht zu einem Maler, so doch vielleicht zu einem Karikaturisten. Bei ihm fehlte halt »der Biß«. Man sagt doch: »Ein Hund, den man zur Jagd tragen muß, wird nie ein Jagdhund.« Und so wurde auch der Richard nie ein Maler, vielleicht zu seinem Glück. Bei mir war es anders, mir ließ die Malerei und das Zeichnen nie Ruhe. Vielleicht oder sicher lag es beileicht an seinem Glück. Bei mir war es anders, mir ließ die Malerei und das Zeichnen nie Ruhe. Vielleicht oder sicher lag es bei uns in der Familie.

Als ganz Kleiner sah ich den Luis schon immer malen, später dann den Fred. Von seinen Bildern war ich als Bub immer begeistert. Eines habe ich besonders bewundert, es war ein Wilderer-Bild. Ich sehe das Bild noch deutlich vor mir. Es war früher Morgen, die Nebel hingen noch in den Bäumen. Hinter einem Mordstrumm von Felsbrocken kniete ein Wilderer mit bösem Blick und angerüstetem Gesicht. Er war gerade dabei, einen Rehbock in seinen Rucksack zu packen. Unterdessen lieferte sich sein Kumpan, hinter einem Baum hervor, eine Schießerei mit dem Oberförster. Auf der anderen Seite der Lichtung sah man den Weidmann, zwar mit dem Gewehr im Anschlag, aber so wie es aussah, hatte er nichts dabei zu lachen. Es war ein Bild voller Dramatik, geeignet für die gute Stube der Oberförsterei.

Meinem Vater hat es auch so gut gefallen, daß es ihm der Fred nicht schnell genug fertig malen konnte. Über das tragische Ende dieses einmaligen Werkes will ich lieber schweigen.

Eine Weile hatte der Fred die Nase voll, wie man so sagt. Aber dann begann er wieder ein Bild. Diesmal war es ein Auftrag, und das Bild hieß »Die büßende Magdalena«. Der Brandner-Pepp war damals jung verheiratet und hatte es sich für sein Schlafzimmer bestellt. Es war ein ovales Format mit gut einem Meter Durchmesser und, wie es sich für ein gutes Bild gehört, natürlich in Öl gemalt. Die Vorlage dazu hatte er aus einem Kunstbuch. Und nun die Beschreibung des Bildes:

Die Magdalena, ein stattliches Weib, lag, in weite Gewänder gehüllt, in einer Felsenhöhle. Man könnte sich die Föllerbergshöhle vorstellen, aber ganz hinten, dort wo sie hoch und geräumig wurde. Da lag sie nun auf dem feuchtglänzenden, steinigen Boden herum und büßte so vor sich hin. Damit aber die Büßerei nicht so langweilig wurde, hatte sie sich etwas zum Lesen mitgenommen, nämlich die Heilige Schrift. So eine Bibel hat ja ein ganz schönes Gewicht, deshalb hatte sie sich ein Lesepult besorgt; ich weiß nicht, warum es ein Totenschädel sein mußte, wo doch so viele Steine herumlagen.

Nun, es wurde ein wunderschönes Bild, und gerade der Totenschädel hat mir so gut gefallen. Der Fred hatte ihn gemalt wie »echt«. Die hohlen Augen, die grünliche Schläfenseite, den ausgebrochenen Unterkiefer, nichts hatte er vergessen. Der Brandner-Pepp war fast jeden Tag bei uns, um nachzusehen, wie weit das Bild war.

Eines Tages, das Werk war beinahe fertig, war der Fred gerade dabei, Palette und Pinsel zu säubern. Dazu hatte er ein wenig Terpentin in ein Glas gegossen, nicht mehr als eine halbe Schuhcremebüchse voll.

Als er fertig war, leerte er die farbige Brühe in den Ofen. Das hatte er schon öfters getan, allerdings, wenn der Ofen nicht brannte. Diesmal freilich lagen unter der kalten Asche noch ein, zwei glühende Kohlen, und das daraufschüttete Terpentin begann langsam zu verdampfen.

Gerade in letzter Zeit hat man öfters gesehen und gelesen, wie gewaltig Gasexplosionen sein können. Damals sah ich es mit eigenen Augen. Es tat nämlich nach einigen Minuten einen Schlag, als wäre eine Granate explodiert, und unser Kachelofen, das gute Stück, flog in hundert Teile auseinander. Ich stand zitternd in einer Rußwolke. Zum Glück hatte der Fred das Bild noch nicht zum Trocknen über den Ofen gehängt, was er sonst immer tat. Sonst hätte die Magdalena ausgebüßt gehabt.

Nun, der Ofen wurde wieder aufgebaut, und der Brandner-Pepp konnte bald darauf die fertige Magdalena über seinem Ehebett aufhängen. Das Bild begleitete ihn viele Jahre durch die Tiefen und Höhen seiner Ehe; wo es letzten Endes geblieben ist, kann ich nicht sagen.

In der Zeit, da der Kachelofen in Trümmern lag und auf seinen Wiederaufbau wartete, kam der Schouster Toni zu uns, es war ein Samstag. Er fragte mich: »Gäihst aaf Kårlasbood? Dåu iis Grümpl Mess!« (Gerümpel-Messe). Es war einer seiner spontanen Einfälle.

Ich war gleich dabei, denn der Tag war schön. Die Sonne lugte verlockend durch die Birnbäume unseres Gartens. Die Blätter zitterten leise im Wind, das Vogelgezwitscher mischte sich mit dem Gemurmel unseres Baches.

Ich weiß nicht, woher der Toni wußte, daß Gerümpel-Messe war, und ich habe ihn auch nicht danach gefragt. Ich freute mich jedenfalls darauf, denn für altes Zeug war ich schon immer zu haben. Wenn ich auch nicht das Geld hatte, um große Einkäufe zu tätigen, allein das Herumstöbern war schon ein großer Spaß für mich.

Fünfzig Heller oder vielleicht gar eine Krone würde ich von der Mutter schon herausbetteln können. Das würde reichen, um mir wenigstens eine Kleinigkeit zu kaufen. Das waren so meine Gedanken, bevor ich der Mutter klarmachte, daß ich zum Mittagessen abwesend sein würde.

Aber damit wollte sie sich absolut nicht abfinden. Erst als ich lange genug an ihr »herumgebettelt« hatte und immer wieder anbrachte, daß der Toni doch auch mit dürfe, und als ich schließlich auch noch ein »Kallan Bråut« einschob, daß ich auf dem Weg nach Karlsbad nicht Hungers sterbe, hatte auch sie nichts mehr dagegen.

Unser Weg führte, wie meistens, über Poschetzau und Imligau dem »Åltrohlana Huulz« zu. Dort machten wir im Schatten einer »Huuler-Stau()n« Rast. Ich drückte mein Brot hinunter, und der Toni holte zwei kalte »Powidl-Schnåpper« aus einer »Guggern«. Für eine längere Pause nahmen wir uns keine Zeit, denn die »Mess« ging uns im Kopf herum.

Wir zogen nun, frisch gestärkt, weiter nach Fischern. Als wir beim dortigen »Pfaafleischer« vorbei mußten, hatten wir beide zu tun, daß wir unser Geld nicht sinnlos für »Rossbra(d)la« verprassten. Aber wir blieben hart. Vorbei ging es an der Porzellanfachschule und weiter in Richtung Egerbrücke.

Wenn man in Fischern die damalige Masarykstraße hinunterging, dann kam man an einer Kunsthandlung vorbei. Ich weiß nicht, wie oft ich mir an diesen Schaufenstern die Nase plattgedrückt habe, weil es halt immer gar so schöne Bilder zu sehen gab. Allein wegen dieser Schaufenster bin ich schon manchmal ganz allein nach Karlsbad getippelt.

Auch diesmal freute ich mich schon aufs Hineinschauen, aber der Toni sagte: »Mir hum koa Zeit, mir möin af d'Mess!« So ging ich halt mit. Ich nahm mir aber fest vor, mich auf dem Rückweg nicht von ihm hetzen zu lassen. Das Messe-Haus lag ganz hinten im Ort, fast in der Karlsbader Kurgegend. Aber es war dann für uns schon ein großes Erlebnis, in diesem alten »Glump« herumzusuchen, in Büchern zu blättern und Bilder anzusehen. Es war wie eine Reise in die Vergangenheit, meine Gedanken waren: Wenn ich nur mehr Geld hätte!

Nach langem Hin und Her kaufte ich mir dann für mein Scherflein ein Buch. Den Titel weiß ich noch genau: »Leitfaden für Tier- und Pflanzenkunde. Naturwissenschaftliches Unterrichtswerk für alle Gymnasien Böhmens«. Im nachhinein kann ich sagen, daß ich so viel in diesem Buch gelesen habe, daß ich später ganze Seiten auswendig konnte.

Mein Bruder war dann am nächsten Tag, ermutigt durch meinen begeisterten Bericht, ebenfalls in der Gerümpel-Messe. Er hatte natürlich ein bißchen mehr Geld als ich und brachte auch schöne Sachen mit heim. Wunderbare, alte Bücher und, was mir besonders gefiel, einen alten Phonographen mit Wachswalzen. Wenn man diesen Apparat heute in einer Sammler-Vitrine stehen hätte, der wäre ein halbes Vermögen wert. Gut erhalten und messingglänzend sah das Gerät aus, als hätte man es eben aus Edison's Werkstatt geholt.

Auch der Unger Josa war an diesem Tag dort. Er kaufte sich vier oder fünf große Gold-Barockrahmen. Vielleicht stammten sie aus einem Hotelnachlaß, weil sie gar so groß waren. Wenn ich mir vorstelle, diese Rahmen jetzt zu besitzen – das wär' was! Inzwischen kenne ich nämlich die Preise, die für so etwas bezahlt werden. Nun, das nur nebenbei. Vielleicht war es für manche Leser interessant, an diese Gerümpel-Messe erinnert zu werden.

Wir gingen also auf unserem Heimweg wieder an der schon erwähnten Kunsthandlung vorbei. Der Toni wußte, daß er mich diesmal nicht so schnell daran vorbeibringen würde. Ich preßte mein Gesicht an die Glasscheibe und spähte in das Innere des großen Raumes. An den Wänden konnte ich zahlreiche Gemälde erkennen, die alle von demselben Künstler zu stammen schienen.

Viele Menschen gingen umher und betrachteten die Bilder. Das war sonst noch nie der Fall gewesen, wenn ich vor dem Laden gestanden war. Offensichtlich war dies eine Ausstellungseröffnung; heute würde man sagen, eine »Vernissage«. Ich hatte sowas noch nie gesehen und konnte es draußen nicht mehr aushalten. »Dåu gäh i ei(n)!«, sagte ich zum Toni. Er riß die Augen groß auf, als er sah, wie ich einfach die Tür der Galerie aufmachte und hineinging.

Da stand ich nun in diesem großen Raum auf einem weinroten Teppich. Mein Gott, wie schön und warm es hier war! Und all diese Menschen, die von einem Bild zum anderen schlenderten! Sie hatten alle einen Katalog in der Hand, waren gut gewaschen und alle waren festlich gekleidet.

Ich blieb an der Tür stehen und sah mich, nun doch nervös werdend, um. Ob ich es wagen durfte, mich unter die Menge zu mischen? Bevor ich Zeit hatte, meinen Mut zusammenzunehmen, hörte ich eine Stimme fragen: »Was wollen Sie – was willst du hier?«

Der Mann trug einen schwarzen Anzug und hatte ein bleiches Gesicht. Er trat dicht an mich heran, sicher um die anderen nicht auf mich aufmerksam zu machen, und fragte noch einmal: »Was willst du hier?« Ich schwieg und zuckte nur hilflos mit den Achseln. »Bitte«, sagte der andere, »verlaß gefälligst die Galerie! Hier sind nur geladene Gäste.«

Ich sah wohl, daß ich da nicht hineinpaßte, und daß ich auffiel wie die weiße Taube im Krähenschwarm, aber trotzdem fragte ich mutig: »Darf ich mir nicht diese Bilder ansehen?« – »Ich habe dich gebeten zu gehen!« Ich rührte mich nicht von der Stelle. Den Toni sah ich vor der Schaufensterscheibe stehen und winken, so, als wollte er sagen, daß ich da nicht hineingehöre. »Mach mir keine Schwierigkeiten«, sagte der Mann dann wieder. »Komm, hier geht's hinaus.« Er legte seine weiße, feste Hand auf meinen Arm und drängte mich zur Tür.

Was blieb mir anderes übrig, als zu gehen! Aber einmal bin ich wiedergekommen; darauf werd ich noch einmal zurückkommen. Ich habe später gehört, daß diese Ausstellung tatsächlich an jenem Samstag, nur vor geladenen Gästen, eröffnet wurde. Und noch etwas habe ich gehört: der ausstellende Künstler war einer aus der bekannten Karlsbader Malerfamilie Schneider. Da gab es den Wilhelm Schneider (1864–1935), dann den Josef Schneider, der 1897 geboren wurde, den Oswald Schneider (1900–1920) und schließlich den Max Schneider, der 1902 geboren ist. Den letzteren habe ich anläßlich einer Ausstellung in Stuttgart persönlich kennengelernt. Wir haben uns lange über die berühmte Schneider-Familie unterhalten.

Daß ich einmal uneingeladen in eine »Vernissage« eingedrungen bin, habe ich ihm freilich nicht gesagt, denn just jener Schneider war es, der damals in Karlsbad ausgestellt hatte.

Nach diesen Ausschweifungen will ich nun wieder zurückkommen zur »Pechgrüner Malerfamilie«, den Redelbachs. Ich hatte also, wie ich schon berichtet habe, Ben Salis Farbtuben gesammelt. Jede Menge lagerte bei uns daheim in einer Schachtel. Ich hatte mir ausgerechnet, daß sie für ein Bild reichen müßten – für ein Bild mittlerer Größe vielleicht. Tage flossen dahin wie das Wasser unseres Baches. Der Sommer war heiß, und der Duft von Föhren und brennendem Kartoffelkraut strich übers Land, bis in die hintersten Winkel unseres Dorfes. Am Abend flammten die Wälder im Abendrot auf, als seien sie in Kupfer getrieben. Man merkte es überall: der Herbst zog ins Land; das hieß für mich: das Ziegenhüten begann. Ziegen hüten und nebenher ein Bild malen – das würde sich gut machen lassen, dachte ich, als ich eines Tages durchs Dorf hintenging.

Ich sah, daß der Girgn-Pepp und der Fischer-Franz (Gloosseff) an irgend etwas herumzimmerten. Die Neugier trieb mich, sie zu fragen, was das geben sollte. »An Hoos'nstool«, war die Antwort. Was konnte es auch anderes sein; die beiden waren damals richtige Hasennarren. Sie züchteten und züchteten – und wenn man ihnen zuhorchte, dann hörte man immer dasselbe: »Blaue Wiener«, »Belgische Schecken«, »Deutsche Riesen«, »Angora Rammler« und halt lauter so Zeug, von dem ich keine Ahnung hatte. Ich wußte nur, daß Hasen lange Ohren hatten, und daß Hasenbraten gut schmeckte – das war alles. Aber diese zwei bauten alle Augenblicke einen neuen Hasenstall, einen natürlich immer besser als den anderen.

Ich sah also, daß sie diesmal nicht nur eine neue Futterraufe und einen verbesserten Bodenrost einbauten, sondern auch ein neues Stalltürl mit richtigen Scharnieren. Das alte Türl, das nur Schuhzungen als Scharniere hatte, war der Girgn-Pepp achtlos zu Seite.

Ich hob es auf, sah es mir an und fragte den Pepp, ob ich es haben könnte. Als er bejahend mit dem Kopf nickte, nahm ich mir eine Beißzange, die auf dem Boden lag, und begann das aufgenagelte Gitter vom Rahmen zu reißen. Als der Girgn-Pepp das sah, sagte er: »Spinnst lat?, des Gitter is doch nu guat!« Ich sagte ihm, daß ich nur den Rahmen brauche, zum Aufziehen einer Malleinwand. Der Pepp schüttelte den Kopf, tippte sich mit dem Finger an die Stirn und drehte mir verächtlich den Rücken zu.

Ich hatte mir nämlich, wie schon gesagt, ausgedacht, auf diesen »Hasenstall-Türl-Rahmen« meine Malleinwand zu spannen. Wegen der passenden Leinwand ging mir auch schon was im Kopf herum. Ich fragte am nächsten Tag, als unsere Nachbarin von der Schlamm heimkam, ob sie das Preßtuch noch brauche, das schon tagelang am Gartenzaun hing. Sie sagte spontan: Dees koast nemma, wennst's brauchst! Natürlich konnte ich es brauchen, es sollte ja meine Malleinwand werden.

Sie war schön weiß und fest. Die Größe, die der Rahmen hatte – etwa 30 × 40 cm – konnte ich mir davon herausschneiden. Viele werden nicht mehr wissen, wie so ein Preßtuch aussah, das die Schlammarer manchmal mit heimbrachte. Nun, es war, wie gesagt, ein festes Tuch, gut einen Quadratmeter groß, und hatte in der Mitte dieses typische runde Loch (etwa 15 cm Durchmesser). Diese Tücher wurden auf der »Osmo« zum Filtrieren des geschlämmten Kaolins verwendet. Von den feinen Kaolinresten, die im Gewebe zurückblieben, stammte auch die weiße Farbe der Tücher her. War die Leinwand schadhaft, dann wurde sie ausgewechselt, und die Arbeiter durften die alten Tücher mit nachhause nehmen. Man konnte diese weißen, quadratischen »Teppiche«, bei schlechtem Wetter in manchen Stuben unseres Dorfes liegen sehen. »Da ma neat an gånz'n Dreek in da Stu(b)'m ümschleppt«, sagten die Hausfrauen.

So ein Stück Tuch nagelte ich also auf das gitterlose Hasenstall-Türl, so wie ich es bei meinem Bruder gesehen hatte, wenn er seine Malleinwand aufspannte. Dann kam die Grundierung. Die Farbe dazu konnte ich mir sparen, weil das Tuch ja schon eine weiße Farbe hatte. Aber ich mußte es, damit es nicht mehr saugte, mit Leimwasser einstreichen.

Heute weiß ich, daß man für 1–3 Raumteile Wasser einen Raumteil Leimwasser nimmt. Damals wollte ich es besonders gut machen und nahm mindestens die dreifache Menge Knochenleim. Als die grundierte Malfläche trocken war, hatte sie einen Glanz wie eine Speckschwarte. Ich war mit meinem Werk – bis jetzt – sehr zufrieden.

In jener Zeit war mein Ziegen-Hüteplatz meistens auf den abgemähten Kornfeldern rund um Matzl's Bühlerl. Dort fand ich auch das Motiv für mein erstes Ölbild (Um die 13 Jahre war ich damals alt).

Der Blick hinüber zum Stärkeneier, im Hintergrund Neuhäuser und Föllerberg: was konnte ich Schöneres finden! Das Wäldchen zwischen den Teichen, wo unsere Jagdgründe lagen, leuchtete im Herbstlaub wie ein Haufen Gold und spiegelte sich im glasklaren Wasser.

In einer Tasche (Måschn) hatte ich die »Ben Sali-Farben« und eine Flachzange zum Ausdrücken der Tuben. Zwei mittlere Pinsel und ein Fläschchen Terpentin hatte ich mir aus dem Malkasten meines Bruders entliehen. Ich war ganz allein mit meinen drei Ziegen. Die Kåtharinern, die sonst auch hier waren, sah ich heute drüben beim Mitterwallerl, auf Eberts Feldern. Auch den Mussl Pepp sah ich, wie er seine Herde da hinaus trieb. Was konnte ich mir Besseres wünschen!

Ziegenhüten am Mazls-Bühl (von Karl Redelbach)
Ziegenhüten am Mazls-Bühl (von Karl Redelbach).

Nun konnte ich endlich loslegen. Was soll ich noch viel erzählen! Die Zeit verging wie im Flug. Ich merkte nicht einmal, daß meine Ziegen die meiste Zeit im Kleefeld standen. Was für ein Glück, daß der Matzl Egon zu dieser Zeit in einer anderen Gegend zu tun hatte! So endete der Tag ohne Geschrei, die Ziegen hatten es an diesem Tag wie der Herrgott in Frankreich – und das Bild war bis zum Eintreiben so gut wie fertig.

Ich konnte sagen, daß ich mit meiner Arbeit zufrieden war. Das Bild brachte ich nach Hause, ohne daß es jemand sah. Auch daheim konnte ich es ungesehen auf den Dachboden schaffen, wo ich es im Taubenschlag zum Trocknen aufhing. Niemand wußte davon, weder bei uns zu Hause noch meine Freunde.

Jeder hatte wahrscheinlich einmal eine Zeit der »Geheimplätze«, bei mir war es damals dieser Taubenschlag. Der Siehr-Heinrich fällt mir dabei ein, der hatte auch immer so gute Versteck-Ideen. Wir, der Richard und ich, haben einmal zufällig herausbekommen, daß er sich in Bäumen kleine Geldverstecke machte. Und wir kamen nur darauf, weil er immer so damit angab. Er schnitt dabei, meistens aus Bäumen, die in seiner Nachbarschaft standen, ein Stück Rinde heraus, meistens aus dem Stamm, manchmal aber auch oben, aus starken Ästen. Er machte das ganz vorsichtig mit einem feinen Messer, und nicht größer als 3 × 3 Zentimeter. Dabei hob er die Rinde geschickt heraus, legte in den Ausschnitt ein Geldstück und setzte das herausgenommene Rindenstück wieder genau darüber, daß kaum etwas zu merken war.

Einmal beobachteten wir ihn aus einem Versteck neben der Kapelle heraus, wie er gerade im Stamm der »Huula Stau(d)n«, die vorm »Dåfad's Stoo(d)l« stand, eine neue Geheimkasse anlegte.

Als er weg war, öffneten wir die Kasse und holten das Geld heraus (50 Heller waren es damals). Aber wir nahmen es nicht des Geldes wegen, sondern »um es ihm zu zeigen«.

Und noch zweimal räumten wir ihm an anderen Stellen seine Kasse aus und legten an Stelle des Geldes einen zusammengelegten Zettel hinein, auf den wir »Ätsch!« schrieben. Von da an hörten wir nichts mehr von weiteren Kassen. Er hat sich uns gegenüber auch nie über ausgeraubte Verstecke geäußert.

Ich glaube, die Buben unserer Zeit waren alle von derselben Literatur begeistert. Nein – nicht Schiller und Goethe – davon hatten wir schon genug, wenn wir die »Glocke« oder den »Zauberlehrling« auswendig lernen mußten. Unsere literarische Liebe gehörte »Rolf Torring«, »Jörn Farrow«, »Tom Shark« und später »Karl May«. In unseren Spielen identifizierten wir uns mit den Helden dieser Geschichten.

Ich weiß noch, wie beleidigt der Siehr Heinrich einmal tagelang war, weil statt ihm der Gartner Franz den »Pongo« spielen durfte. Der Grund war aber nur der, weil der Franz halt den Pongo viel ähnlicher sah als der Heinl. Man muß sagen, daß der Siehr Heinrich schon damals großes kaufmännisches Geschick zeigte, als er eine Art »Leihbücherei« aufmachte. Man konnte sich bei ihm, ich glaube, gegen eine Gebühr von 20 Hellern, die oben genannten Heftchen ausleihen, und für das eingenommene Geld konnte er sich immer wieder die Neuserscheinungen anschaffen. Der Heinrich wurde zwar nie reich damit, aber ich glaube, es war für einen Buben seines Alters eine gute Idee. Dabei machten es ihm seine Brüder Pepp und Dolf gar nicht leicht. »Schund-Heftla«, nannten es diese ungebildeten Barbaren und waren immer hinterher, alles zu vernichten. Aber sie kannten den Heinrich schlecht. Unter dem Tisch hinten in der Stube war ein Fußbodenbrett locker, dort war sein geheimer Platz, wo er die Heftchen versteckte. Wenn ein »Kunde« kam, prüfte er erst, ob die Luft rein war, dann kroch er unter den Tisch. Man hörte ein leises Knarren, wenn er das Brett anhob, dann tauchte er mit dem gewünschten Band und einer Liste auf, in die er den Namen des Leihers und den Titel des Heftchens eintrug. Man zahlte die Gebühr, und das Geschäft war gelaufen. Eine Woche hatte man Zeit, sonst mußte man nachzahlen. Ich mußte mich immer über die Einfälle wundern, die der Heinrich hatte.

Einmal kam er zum Kriegerdenkmal (Anm.: zwischen Pleierwirtshaus - Nr. 67 und Konsumhaus - Nr. 33) in die Betstunde, es war Allerseelen. Er zündete seine Kerze an, und während der alte Pleier seine Litanei herunterbetete, streute der Heinrich ein weißliches Pulver auf die brennende Kerze, und die Flamme leuchtete blau auf, wie ein bengalisches Feuer. Er streute ein anderes Pulver auf die Flamme, und diesmal war es ein grellgelbes Feuer. Mit diesem Schauspiel war natürlich, wenigstens bei uns Kindern, die Andacht im Eimer.

Wir brachten bald heraus, daß er diese Wunderflammen mit Natron und Kupfervitriol erzeugte.

Das Experimentieren mit verschiedenen Chemikalien wurde in dieser Zeit ein wenig zur Mode. Auch wir versuchten eine »verbesserte« Wunderkerze herzustellen und probierten, die pulverisierten Chemikalien gleich ins Kerzenwachs zu mischen. Wir, der Schouster Toni und ich, hatten uns zu diesem Zweck in dem Schuppen hinter Schousters Kuhstall (Nr. 42) eine Art Laboratorium eingerichtet. Auf einem Brett stand unser Zeug herum, und in einem Büchsendeckel leerten wir ein brennbares Öl, über dessen Flamme wir unsere geheimnisvollen Mischungen zusammenkochten. Mit unserer Erfindung wollten wir natürlich den Siehr Heinl übertreffen. Was haben wir da nicht alles gekocht, probiert und getestet! Wenn ich heute daran denke, stehen mir die wenigen Haare, die ich habe, heute noch zu Berge.

Wie leicht hätte es da zu einem Brand kommen können! Holz, alte Säcke und anderes brennbares Zeug lag ja genug herum. Aber ein gütiger Gott bewahrte uns doch immer wieder vor einer frühzeitigen Einäscherung des bescheidenen Schouster-Anwesens (Nr. 42).

Einmal erwischte uns die selige Schouster Marie mitten in der schönsten Arbeit. »Iich hum-ma's doch glei denkt, daan döi Lausboum däu drin zündln!« schrie sie und jagte uns aus dem Schuppen. Der Toni hatte Angst, sie würde bei seinem Vater Meldung machen. Jeder wußte, daß der Schouster Kå(r)l, der als alter Steinmetz, keine zärtliche Hand führte. So beschlossen wir, die begonnenen Versuchsreihen in unserem Schuppen, zwischen dem Ziegen- und Hühnerstall fortzusetzen. Wir waren gerade dabei, mit ätzenden und übelriechenden Chemikalien zu arbeiten, als die von Waldesluft her verwöhnte Nase meines Vaters von fremden, rauchigen Schwaden gereizt wurde.

Sein erster Gedanke war: »Dåu brennt's in Zieg'n-Stool!« Und da tauchte er auch schon auf, und wir mitten im Erfinden! O je, das war schrecklich! Er hat kein Wort gesagt, er stand nur da unter der Tür und langte nach seinem Gürtel, machte lässig die Schnalle auf und zog den Gürtel langsam heraus, wobei er mich die ganze Zeit anschaute. Ein starker, zäher Mann, wie halt Bergleute waren, nicht groß, aber Hände hatte er wie Hämmer. Sein kräftiger Schnurrbart zitterte vor Erregung, und seine Nasenspitze war weiß, so weiß, als wenn er sie erfroren hätte. Er hatte eine dicke Nase, so wie ich jetzt auch schon bald eine habe.

Dann kam er rasch heran, packte mich beim Wickel und besorgte es mir mit aller Kraft. Es war die schlimmste Tracht Prügel, die ich je bekommen habe. Ich frage mich heute noch, wohin der Schouster Toni so schnell verschwunden war.

Auch mein Bruder Alfred hatte bald darauf zusammen mit seinen Freunden, so ein »brennendes« Erlebnis, an das er noch heute mit Schaudern zurückdenkt. Die Karwoche war gerade angebrochen, als fünf Buben den Hohlen Weg hinaus gingen, dem Neubauern-Wald zu; es waren: der Passauer Toni, der Glöckner Rudi, der Fried(e)l Fred, der Mehlmartl Toni (Lill) und schließlich der Langhammer Pepp, der bei dieser Truppe eine Art Hauptmann war. Sie hatten an diesem Tag nichts besonderes vor, vielleicht führte sie ihr Weg ins Poschetzauern, vielleicht ins Katzensilber-Loch hinauf, oder in die lange Wiese. Wie gesagt, sie hatten kein besonderes Ziel. Man ging meistens einfach los, ohne ein bestimmtes Ziel anzusteuern. So war es auch diesmal.

Vom Dorf her hörte man schon aus allen Ecken das Krachen der Karbid-Büchsen, wie es in der Osterzeit in unserem Dorf der Brauch war. Es war ein billiger Spaß für die Buben, denn eine alte Büchse mit Deckel war überall zu finden, und ein Bröckerl Karbid konnte man jedem Bergmann abbetteln. Bergarbeiter gab es genug in unserem Dorf. Wenn ich da nur an unsere Hauptstraße denke, da fallen mir gleich eine Menge ein. Da war zum Beispiel der Brandner Pepp, der sein Leben lang Bergarbeiter war, oder der Wohlrab Håns mit seinem Sohn Franz, die im Konsum-Haus (Nr. 33) wohnten. Im selben Haus wohnte auch der Schwimmer Wenz, der jeden Tag den weiten Arbeitsweg zum »Buscher« gehen mußte. Dann war da unser Nachbar, der Bäuja Wenz (Passauer) und der »Päita Robert« (Lill). Und um mit unserem Haus die Aufzählung zu beenden, mein Vater, der Friedl Ferdl.

Ja, wie kam ich jetzt auf diese Bergarbeiter? Ach ja, der Karbid brachte mich darauf. Damals wurde die Kohle fast ausschließlich im Tiefbau gewonnen, obwohl das Kohlenflöz in unserer Gegend (zwischen Chodau und Poschetzau) nicht tiefer als 20–40 Meter lag und eine Stärke von 3–5 Meter hatte. Unter Tag mußten die Bergleute ihre Grubenlampen oder »Blitzer«, wie wir sagten, immer am Gürtel hängen haben. Und diese Blitzer waren nichts anderes als Karbidlampen. So kam es, daß überall, wo Bergleute zuhause waren, auch eine große Büchse mit Karbid im Haus war.

Aber es geht um die fünf Buben, die wollen wir nicht aus den Augen lassen. Sie gingen, wie gesagt, dem Wald zu. An der Ecke vom Neubauern, dort wo die Pechgrüner, seit ich denken konnte, ihr altes »Glump« zum Verrotten und Verrosten hinwarfen, (wir sagten »s Neubauern Luach« zu diesem Platz) fand einer eine alte Milchkanne. Vielleicht war es auch einmal eine Ölkanne, denn der Hals des gefundenen Stückes verengte sich auf etwa 5 cm; aber sie hatte fast die Größe einer Milchkanne. Was lag für die Buben nun näher, da ja gerade Osterzeit war, als der Gedanke, eine übergroße Karbid-Büchse daraus zu machen! Sie stellten sich in ihrer jugendlichen Phantasie schon vor, was bei dieser Größe für einen Donnerschlag geben müßte, wenn man ihr eine entsprechende Karbidladung verpaßte. Da würden die Leute Augen machen, wenn am Ostermorgen die Fensterscheiben von diesen Kracher zu scheppern begännen! Sie waren bei diesem Gedanken alle so begeistert, daß sie am liebsten gleich mit dem Probeschießen begonnen hätten.

Aber der Hauptmann hatte das Wort. Man müsse die Kanne erst einmal ohne Deckel ausprobieren: wieviel Druck sie aushält, wieviel Karbid nötig war, und weitere Einzelheiten wollte er »aus Sicherheitsgründen«, wie er sagte, wissen. Dazu war eine große Menge Karbid heranzuschaffen. Der Fred oder der Mehlmartl Toni kamen für diese Aufgabe in Frage, denn nur ihre Väter waren Bergmänner. »Mir hum neat sua vül dahuim!«, sagte der Fred. Also war der Toni dran. Er war nicht lange fort, da kam er schon mit zwei prallgefüllten Hosentaschen Karbid zurück, die er in die Kanne entleerte.

Hinter unserem Haus (Nr. 22), zwischen Ziegenstall und Aborthäusl, wurde die Kanne bis zur Hälfte eingegraben und festgetreten. Vielleicht hatte der Hauptmann doch Angst, sie könnte der Zerreißprobe nicht standhalten. Die Spannung stieg von Minute zu Minute. Endlich war es soweit. Wasser wurde über das Karbid geleert, nicht zuviel wegen des »Versaufens«. Man sah, wie aus dem Kannenhals weißlicher Rauch das Karbidgas entwich. Alle drängten sich nach vorne, die Streichhölzer bereit zum Hinzünden. Aber der Langhammer Pepp der Kommandant gab scharfen Befehl zurückzutreten.

»Döi Hölzla her!«, sagte er und zündete hin. Seine Hand mit dem brennenden Streichholz hatte die Kanne noch nicht erreicht, als schon die Stichflamme aufzischte, gut einen Meter hoch.

Der Glöckner Rudi hatte an diesem Tag einen Kordsamtanzug an, ein schöner Anzug war es; und auf dem Kopf trug er eine Ledermütze mit Pelzbesatz, nun rächte es sich, daß er auf den Befehl des Hauptmanns, »zurückzutreten«, nicht Folge geleistet hatte, denn sein Anzug, an dem die Flammen einmal kurz vorbeileckten, war auf einmal an der ganzen Vorderseite glatt wie ein Leinenanzug. Kein Mensch hätte dieses Stück noch für Kordsamt gehalten. Auch seine Pelzmütze sah von vorne aus wie eine Maus, der man das Fell abgezogen hatte.

Die anderen kamen mit kleineren Schäden und dem Schrecken davon. Außer dem Langhammer natürlich, der ja als Anzünder in vorderster Front stand; ihn hatte es fürchterlich erwischt. Sein Gesicht war feuerrot. Seine Augenbrauen und die vorderen Kopfhaare waren weggeschmort.

Die Mannschaft stand betroffen um ihren lamentierenden Anführer und sah aus wie eine Schar Hühner, in die der Fuchs gefahren war. Um in diesem jämmerlichen Zustand niemand in die Hände zu laufen, stiegen sie über den Gartenzaun, der Eun's Grundstück (Nr. 21) begrenzte, und verzogen sich über Eun's Baind hinunter auf die Bärnhaut.

Dort versuchte man nun, dem Langhammer Pepp, der große Schmerzen hatte, Linderung zu verschaffen, indem man ihm mit einem alten Glasscherben kaltes Bachwasser über das verbrannte Gesicht leerte. »Dees tuat guat!«, sagte er, wenn das kühlende Naß über seine Haut floß.

Ja, sie glaubten ihm, daß es gut tat, aber das Gesicht wurde nicht besser; und sie mußten ja auch einmal nach Hause, denn die Nacht brach herein. Alle wußten, daß daheim eine große Fetzerei auf sie zukommen würde, deshalb hieß es, sich eine gute glaubhafte Ausrede einfallen zu lassen. Zumindest mußte alles so dargestellt werden, daß eine Milderung der Strafe zu erwarten war, denn alle Beteiligten hatten Väter, die gnadenlos sein konnten, bis auf einen: den Passauer Toni.

Der Toni war der einzige, der keinen Vater mehr hatte, und deshalb waren bei ihm große Prügel kaum zu befürchten. Was lag da näher, als alles auf ihn zu schieben! Auch der Tatort wurde in Laurers Garten verlegt, denn im Laurerhaus (Nr. 99), wo der Scheitler (Anm.: unklar wer hier gemeint ist) und die Kohl Luis wohnten, hatte seinerzeit auch der Passauer Toni sein Zuhause. Als der Langhammer Pepp die Stube betrat, machte sich auf den Gesichtern seiner Eltern Erbarmen und Sorge breit, denn seine Verbrennung war inzwischen so entzündet und mit Blasen überzogen, daß er wie ein Leprakranker aussah. Welcher Vater hätte es da fertig gebracht, seinem Buben in so einem erbärmlichen Zustand noch eine Tracht Prügel zu verpassen!

Natürlich wollte man wissen, wo und wie dieses Malheur passiert sei, aber dazu hatte man ja den Passauer als Ausrede. Mein Bruder, der Fred, schlich sich, ehe er die Stube betrat, hinter's Haus und beseitigte alle Brandspuren. Zum Glück hatte der Vater noch nichts bemerkt. Das hätte einen Abend gegeben! Wie gut, daß der heilige Sankt Florian auch diesmal wieder auf der Seite der Schwächeren stand! Ein Funke hätte gereicht, ein winziger Funke, und das Friedl-Haus (Nr.22) wäre nicht mehr zu retten gewesen, denn unter dem Dach, an dem die Karbidflamme so beängstigend nahe hochzüngelte, lag unser »Haa-Bua(d)n« (Heuboden).

Wie der Glöckner Rudi seinen Eltern diesen geschändeten Kordsamtanzug vorführte, und mit welchen Worten er es getan hat, kann ich leider nicht sagen. Am besten war der Mehlmartl Toni dran, denn er hatte kaum Schäden anzumelden. Nur einige Tage später, da knurrte sein Vater: »Kruzitürk'n, wåu kint'n der Karbid immazua hi(n)? Öitz iis döi neia Büchs'n aa scho(n) wieder bål(d) laa!« Der Toni konnte sich, um einer Debatte auszuweichen, noch rechtzeitig aus dem Haus schleichen.

»Bis morgen wird es vergessen sein«, dachte er; denn er war einer von denen, die gerne nach den Worten der Bergpredigt lebten, in der es heißt: »Sorgt euch nicht um den nächsten Tag. Es ist genug, daß jeder Tag seine eigene Plage hat.« Der Langhammer Pepp wird diese schmerzreichen Ostertage aber sicher nicht so schnell vergessen haben. Zu ihm mußte man noch den Doktor holen, und noch lange danach hatte er das Gesicht voller »Ruuf'm«. So paradox es auch klingen mag: wenn man ihn durch ein lustiges Wort aufmunterte und zum Lachen brachte, dann hätte er vor Schmerzen heulen können, weil sich dabei die fast verheilte Haut wieder losriß. Man sagt: die Zeit heilt Wunden, so war es auch hier.

Eines Tages kam meine Schwester Emma aus dem Hühnerstall und sagte: »Ich denk', unara Häihna valeeg'n«. In letzter Zeit waren nämlich immer die Nester leer, wenn sie Eier holen wollte. Es kann schon manchmal vorkommen, daß eine Henne verlegte. Ich hab' schon manchmal Nester an versteckten Plätzen gefunden, in denen sich 15–20 Eier angesammelt hatten. In unserem Fall allerdings stellte sich heraus, daß diesmal anders war. Als wir nämlich einige Tage besser darauf achteten, sahen wir, daß jeden Morgen aufgebrochene Eier, fein säuberlich ausgelackt, vor dem Stall lagen. »A Iltis«, sagte der Vater, als er das sah, und holte das große Tellereisen vom Boden herunter. Das war so ein gewaltiges Ding, daß ich meinem ärgsten Feind nie gewünscht hätte, da seine Finger dazwischen zu haben, wenn es zuschlappt. Wenn es aufgeklappt war, hatte es einen Durchmesser von 40 cm, Zähne hatte es wie ein Raubtiergebiß.

Wir wußten nicht genau, wo sich dieser Eieräuber durch die Latten des Hühnerstalls zwängte; deshalb stellten wir das offene Eisen dort auf, wo wir die leeren Eierschalen immer gefunden hatten; und mitten hinein legten wir, als Lockmittel, ein aufgeschlagenes Ei.

»Soa, öitz kå-ra kumma«, sagte der Vater, und wir gingen ins Haus.

Am nächsten Tag, so um 3–4 Uhr morgens mag es gewesen sein, hörten wir vom Stall her so ein markerschütterndes Gejammer und Getöse, daß man meinte, die wilde Jagd wäre unterwegs. Ich hörte es bis hinauf unters Dach, wo ich mein Bett hatte.

So, wie ich war, sauste ich die »Bua(d)n Stöich« hinunter und hinaus in den Garten. Dort traf ich auch den Vater schon. Er hatte seine blauen »Gattahuas'n« an und war schnell in die Schaftstiefel hineingefahren.

Wir sahen nun, daß sich vor dem Hühnerstall ein großer, dunkler Hund wie von einer Tarantel gestochen, auf der Erde wälzte und fürchterlich heulte. Er schleuderte dabei seinen rechten Vorderfuß, an dem sich das Telleisen festgebissen hatte, wie besessen hin und her.

Man kann nicht beschreiben, was für ein schreckliches Bild das war. Wir hätten das Eisen gerne gelöst, um diesen Jammer nicht länger ansehen zu müssen, aber wir hatten nicht so viel Mut, um uns diesem rasenden Tier zu nähern. Ich versuchte es ein paarmal heranzukommen; und da, aus der Nähe, glaubte ich den Hund zu kennen.

»Ich denk', dees is an Eun sa(n) Hund«, sagte ich zum Vater und rannte über die Baint hinauf zum Eun-Hof (Nr. 21), wo ich den Toni im Stall erwischte. Als ich ihm gesagt hatte, was los war, lief er mit mir über die Wiese hinunter zum Stall, wo sich der Hund noch immer winselnd und heulend am Boden wälzte. Es war tatsächlich der Eun-Hund. Der Toni öffnete das Eisen und der Hund war frei. Auf drei Füßen sauste er jammernd davon. Als wir danach in den Stall gingen, um zu sehen, wie der Hund an die Nester herankam, sahen die Hühner immer noch zusammengedrängt in der hintersten Ecke auf der Stange.

Wir untersuchten den Lattenschlag am Stall genau und fanden eine Latte, die nur am obersten Nagel festhing. Sie war so locker, daß sie der Hund mit der Schnauze zur Seite schieben konnte und leicht an die Nester herankam. Wenn er sich zurückzog, fiel die Latte wieder von selbst in die senkrechte Stellung zurück. Damit war das Loch für einen flüchtigen Blick nicht mehr zu sehen. Ich frage mich bis heute noch, wie der Hund darauf gekommen ist.

Wenn der Eun Toni von diesem Tag an durchs Dorf hinunter ging, dann blieb sein Hund beim Mehlmartl (Nr. 73) eine Weile stehen und peilte unser Haus an, dann ging er beim Wåstl Edaward (Nr. 9) über die Brücke und auf der anderen Seite des Baches an unserem Haus vorbei. Beim Fellner-Laden (Nr. 24) drunten traf er dann wieder mit seinem Herrn, dem Toni, zusammen. Zu sagen wäre noch, daß ich den Hund von jenem Tag an nur noch auf drei Beinen laufend gesehen habe, und daß die Emma von da an nie mehr fehlende Eier zu melden hatte.

Es gibt Tage, da weiß man nichts mit sich anzufangen. Oft ist das Wetter daran schuld, manchmal ist es auch nur reine Langeweile. Man holt in solchen Stunden vielleicht die Schachtel mit den alten Fotos hervor und wühlt gelangweilt darin herum. Die Bilder gleiten durch die Finger, ohne daß man sie recht anschaut. Plötzlich greift man nach einem Bild und ist davon gefesselt; es ist eines von vielen, aber gerade das eine sieht man sich genau an: ein Klassenfoto vielleicht. Man setzt die Brille auf, um die vielen kleinen Köpfe besser zu erkennen, und ist auf einmal in einer anderen Welt. In Gedanken sieht man die alte Schule vor sich, ganz deutlich sieht man sich im Schulgarten stehen. Man kann die Fenster des Gebäudes abzählen, als würde man auf ein Bild blicken.

Die alten Schulbänke kommen einem wieder in Erinnerung, mit den eingeschnitzten Monogrammen von Buben, die die Schule längst verlassen haben. Man versucht, sich die einstigen Klassenkameraden zu vergegenwärtigen, und, mir geht es wenigstens immer so, zuerst sehe ich die Klassenletzten vor mir, oder eben die, die Leben in die Klasse brachten.

Zu meiner Zeit war der Sommer Franz so einer. Seine ganze Schulzeit saß er im »Ochs'n-Bankl«, immer in der ersten Klasse. Er saß zum Schluß wie ein Vater zwischen seinen viel jüngeren Klassenkameraden. Oder der Kåthriener Franz und der Frank Hans, die sorgten auch immer für gute Stimmung in der Klasse.

Einmal, daran kann ich mich erinnern, da muß sie der Teufel geritten haben. Der Lehrer war gerade nicht in der Klasse, da rissen sich die Zwei auf einmal grundlos ihre Kleider vom Leib, bis auf ihre »Gatahous'n«. Es war jene Sorte Reizwäsche, die am Stück- und hintenrunter zu knöpfen war. Das war ein Anblick! In diesem Aufzug sprangen sie kreischend auf den Schulbänken herum, zuerst in der Bubenreihe nach hinten und dann in der Mädchenreihe nach vorn.

Das war ein Gekicher und Gekreische, als sie an den Mädchen mit heraushängenden »Hemd(w)ieschen«, die zudem nicht mehr ganz sauber waren, vorbeisprangen. Bei solchen Vorstellungen konnte der alte Zuber-Lehrer die Klasse manchmal kaum noch bändigen.

Vor ein paar Tagen kam mir beim Stöbern in der alten Fotoschachtel ein Bild vom Mußl Pepp in die Hände. Er lachte mich darauf an, als hätte ich ihm gerade einen guten Witz erzählt. Lange hielt ich die Aufnahme in der Hand, und nun zaghaft meldete sich die Erinnerung an den Tag, an dem diese Aufnahme gemacht wurde.

Meine Gedanken schweiften weit zurück, zurück in das Jahr 1941. Ich hatte gerade meine Rekrutenausbildung bei den Füssenser Gebirgsjägern hinter mir. Es war ein herrlicher Tag. Von den Bergen leuchteten die letzten Schneereste herunter. Unten im Tal aber begannen die ersten Kirschbäume zu blühen. Mir kam nun dieser Tag allmählich so deutlich in Erinnerung, als wäre es erst gestern gewesen.

Es war ein Samstag. Ich saß in der Kantine beim Mittagessen, als der Wachunteroffizier auf mich zukam. »Für dich is a B'suach am Tor!« sagte er. Ich konnte mir nicht denken, woher ich Besuch haben sollte, aber ich folgte ihm ans Kasernentor. Ich sah einen Soldaten stehen, der durch die Gitterzäunung erwartungsvoll hereinschaute. Beim Näherkommen sah ich ein lachendes Gesicht, dasselbe wie auf dem alten Foto, es war der Mußl Pepp!

Ich kann nicht beschreiben, wie sehr mich dieser Besuch damals gefreut hat. Heut', nach so langer Zeit, frage ich mich, woher er gewußt hatte, daß ich in Füssen war. Wir zwei waren zwar immer gute Freunde, aber der Pepp war keiner von denen, die den ganzen Tag am Wasser lagen oder als Mohikaner tagelang durch die Savanne zogen, um den schwarzen Bison zu jagen. Der Pepp war immer ein Ruhiger, keiner von der wilden, robusten Sorte. Und gerade deshalb, weil wir zu Hause nicht jeden Tag zusammen waren, habe ich mich so sehr gefreut, als ich sein Gesicht am Kasernentor sah.

Na ja, ich holte ihn in die Kaserne und zeigte ihm meine Bude. Durch meine guten Beziehungen zum Spieß erreichte ich sogar, daß er die Nacht in der Kaserne, im Bett über mir, verbringen konnte; was damals ja nicht selbstverständlich war. Außerdem hatten wir Glück, daß der »Übermirschlafende« gerade in Urlaub war.

Wir hatten uns natürlich viel zu erzählen. Vor allem wollte ich gerne wissen, bei welchem Haufen er diente; denn er hatte eine Gebirgsjäger-Uniform an, so wie wir sie trugen, nur hatte er da, wo bei uns ein Edelweiß blitzte, ein Fragezeichen. Was bedeutete dieses Fragezeichen?, wollte ich wissen. Und dann erzählte er mir von seiner geheimnisvollen Einheit, bei der er Sanitäter war.

»Lehrregiment Brandenburg« war die genaue Bezeichnung. Sie hatten bei dieser Truppe eine regelrechte Partisanenausbildung, eine Ausbildung also, die gar nicht zu dem verträumten Mußl Pepp paßte. Da wurde versuchsweise ein Haufen herangebildet, der im Rücken des Feindes eingesetzt werden sollte, als Zivilisten getarnt wie eben Partisanen: manche als russische Bauern verkleidet, vielleicht ein paar Kühe vor sich hertreibend, andere als zurückfliehende vermummte Weiber getarnt, den Kinderwagen vor sich herschiebend, in dem unter Kissen versteckt ein Maschinengewehr schlummerte.

Das wäre was für mich, dachte ich; und sah in meiner ungläubigen Dummheit nicht die Gefahr, sondern nur das Abenteuer. Als er meine Begeisterung für diese Einheit spürte: »Döi nemma dii sicher glei', wenn ich deanen sooch woost du vara Indianer bist«, sagte er.

Am nächsten Tag, das war Sonntag, wurde ich wieder in aller Früh an's Kasernentor gerufen. »B'suach iis da«, hieß es schon wieder; aber ich sagte: »Ich hab' meinen Besuch schon gestern kriegt!« Es stellte sich aber schnell heraus, daß es ein »Neuer« war. Der Kurt Lohwasser aus München, der jetzige »Professor«, stand vor dem Tor.

Der Lohwasser stammte aus Fischern, und wir kannten uns von der Porzellanfachschule her. Danach waren wir zusammen in einer Klasse der Münchner Kunstakademie.
Er war noch Zivilist und »machte halt schnell einen Besuch«, wie er sagte. Am Abend wollte er wieder nach München zurückfahren.

Es war ein herrlicher Frühlingstag, als wir »drei Mann hoch« nach Schwangau, zu den Königsschlössern und weiter hinauf bis zur Blöckenau wanderten. Wir hatten eine Mordsgaudi dabei. Besonders der Mußl Pepp genoß diesen Tag, denn er war das erste Mal in den Alpen. Diese Freude spiegelte sich auch sein Gesicht auf dem Foto wider, das wir an dem Tag vor der Blöckenau machten; jenes Foto nämlich, das ich nach so vielen Jahren aus der alten Fotoschachtel kramte.

Am Abend brachte ich noch beide zum Bahnhof. Sie fuhren mit demselben Zug ab. Gleich am Anfang der Woche schrieb ich einen Brief, eine Bewerbung sozusagen, an die Adresse, die mir der Pepp gegeben hatte. Als ich nach drei Wochen noch keine Antwort darauf hatte, schrieb ich einen zweiten Brief. Aber auch er blieb unbeantwortet.

Heut' kann ich sagen: Glück gehabt! Der Pepp kam bald danach mit seinem Regiment nach Rußland. Über eine Feldpostnummer haben wir uns noch einige Male geschrieben, dann blieb jede Antwort aus.
Bei seinem ersten großen Einsatz ist er gefallen. Es war das Jahr 1942, und der Pepp war damals um die 20 Jahre alt.

Jetzt, da mir der Mußl Pepp noch im Kopf herumgeht, fällt mir ein, daß er mir einmal ein Paar Ski verkaufen wollte. Dabei kann ich mich nicht erinnern, ihn je skifahrend gesehen zu haben. Er war auch kein Skifahrer, und das wird der Grund gewesen sein, warum er die Latten verkaufen wollte. Wenn ich von »Schiern« rede, ist das mehr als geschmeichelt. Es waren schon eher alte, grobschlächtig zugehobelte Schwarten, die mir ganz danach aussahen, als hätte sie der alte Mußl Vata selber gemacht. Wenn ich mich recht erinnere, war er ja Zimmermann – und so sahen die Bretter auch aus – derb wie Dachbalken, und als Bindung waren abgeschnittene Schuhe draufgenagelt. Es waren eigentlich fürchterliche Dinger, aber halt keine »Faßldau(b)'m«.

Mit dem Richard oder dem Erich hätte ich damit natürlich nicht konkurrieren können, aber immerhin.
Als ich den Pepp fragte, was sie kosten sollten, sagte er: »Sua a fünf – zeah Kronan«. Also nahm ich an, sie um 5 Kronen zu bekommen. Wer 5 Kronen hat, für den sind sie kein Geld, aber für mich waren sie ein Vermögen. Vielleicht konnte ich meine Mutter erweichen. Aber sie sagte gleich: »Döi kröigst neat, du håust ja a schäina Faßldau(b)'m«.

Damit war für sie alles erledigt, aber nicht für mich. Ich setzte nun meine stärkste Waffe ein, nämlich Tränen. Damit hatte ich schon manche Schlacht gewonnen. Ich fing am Vormittag mit meiner Heulerei an. Am späten Nachmittag heulte ich, nur mit einer kurzen Unterbrechung zum Mittagessen, immer noch. Mein Tränensack war inzwischen leer, daß ich keinen Tropfen mehr herausbrachte. Aber meine Mutter blieb diesmal hart. Sie sagte nur einmal im Vorbeigehen: »Du koast die gånz' Nacht durchplärr'n, owa döi Schie kröigst neat. Ich will neat nu Göld aasge(b)'m, für dees, daß-da d' Hax'n brichst.« Dabei blieb es auch.

Aber mir gingen diese alten Schwarten nicht aus dem Kopf. Am nächsten Tag fiel mir das Bild im Taubenschlag ein. Mein erstes und bisher einziges Ölbild. Ich hatte es beim Ziegenhüten gemalt.

»Ob ich das jemand verkaufen könnte?«, dachte ich. Im Dorf wollte es sicher niemand. Ich hätte mich auch geniert, es anzubieten, aber ein kühner Gedanke brachte mich auf das Kunsthaus in Fischern. »Sollte ich es dort einmal versuchen?« Wenn es nicht klappte, die kannten mich ja nicht. Ich stieg über die Leiter hinauf in die Dachgiebel und öffnete das Brettertürl, das zum Taubenschlag führte. Die Tauben wirbelten eine stickige Staubwolke auf, als sie mich kommen hörten, und wollten alle auf einmal zum Flugloch hinausflüchten.

Das Bild lag noch da, wo ich es hingelegt hatte, nur war es jetzt mit einer zentimeterdicken Staubschicht überzogen. Ich nahm es mit hinunter in den Garten und machte es sauber. Nun sah ich auch, daß es mit Sprüngen wie mit einem Spinnennetz überzogen war. Teilweise wölbte sich die Farbschicht an den Rißkanten hoch und sah sehr nach »Abblättern« aus. Ich hatte für die Grundierung viel zu viel Knochenleim genommen – das rächte sich jetzt. Die hohen Temperaturschwankungen, die unter dem Schindeldach herrschten, trugen natürlich auch viel dazu bei, daß das Bild jetzt so aussah!

Bis jetzt hatte dieses Werk noch kein Mensch gesehen.
An einem Samstag machte ich mich damit allein auf den Weg nach Fischern, in jene Kunsthandlung, aus der ich schon einmal fast hinausgeschmissen worden war.
Ein komisches Gefühl hatte ich schon in der Magengegend, als ich mit meiner »Guggern«, in der das Bild steckte, vor der großen Glastür des Kunsthauses stand. Ich holte noch einmal tief Luft, fuhr mir mit der spuckebefeuchteten Hand über die Haare und betrat den Laden. Als ich den Mann mit dem bleichen Gesicht von damals gegenüberstand, fragte er: »Was wünschen Sie?« Diesmal sagte er »Sie« zu mir.

»Ich möchte ein Bild verkaufen«, stammelte ich und holte dabei umständlich das Bild aus der Tüte.

»Wer hat das gemalt, und was wollen Sie dafür?«, fragte er und sah mir in die Augen. Ich glaube nicht, daß er mich wiedererkannte.

»Ich hoos selber g'målt – und kost'n soll's – 20, nein, 10 Kronen!«

Jetzt war's raus. Ich hatte so Angst davor gehabt, das zu sagen. Auf einmal sah ich, daß dieser Mann lächeln konnte. Er war überhaupt viel freundlicher, als ich ihn in Erinnerung hatte. Er nahm mir das Bild aus der Hand und besah es von allen Seiten. Dann lächelte er mich wieder an, schüttelte den Kopf und fragte: »Haben Sie das wirklich gemalt, ich meine, ganz alleine?« Ich nickte stumm mit dem Kopf.

»Es ist wirklich erstaunlich«, sagte er, »aber ich kann das Bild nicht nehmen!«
Dann begann er die Gründe dafür aufzuzählen. Daß es kurz vor dem Abblättern war, sah ich ja selber. Aber der Rahmen, auf dem die Leinwand aufgezogen war, der paßte ihm auch nicht. Er schüttelte nur immer den Kopf. Ich sagte: »Der Rahmen ist vom Hasenstall – das Türl von einem Hasenstall.«

Jetzt mußte er laut heraus lachen. Ich kam sehr in Verlegenheit.
»Es müßt auf einen Keilrahmen gespannt sein«, sagte er. »Was ist ein Keilrahmen?«, fragte ich zurück. »Nun, auf den Keilrahmen wird die zu bemalende Leinwand gespannt. Man kann sie durch das Eintreiben flacher Keile in die Falzecken der Leisten jederzeit nach Belieben nachspannen.« Er sagte das sehr freundlich, aber ich kapierte es nicht ganz. Und dann sagte er, daß das Bild, für mein Alter, sehr gut gemalt sei, und er würde mir, wenn es richtig aufgezogen und grundiert wäre, jederzeit 200 Kronen dafür geben.

»200 Kronen?«, dachte ich, »das würde mindestens für solche Ski reichen, wie sie der Richard hat. Vielleicht gar für solche wie dem Siehr Dolf seine, mit drei Falzen.«

Aber was nützte das Spekulieren, er nahm das Bild ja nicht. Ich machte mich daran, das Bild wieder einzupacken, da traf der Mann eine Dame herein. Vielleicht war es seine Frau oder eine vom Büro. Sie war vollschlank und hatte augenscheinlich die Fünfzig bereits überschritten. Ihre Züge zeigten Reste einstiger Schönheit. Ihre Augen hatten sich den jugendlichen Glanz bewahrt. Die Ohrringe, die sie trug, deuteten auf ein beträchtliches Vermögen hin, zeugten jedoch von der Form und enormen Größe her nicht unbedingt von ihrem guten Geschmack. Der Mann mit dem bleichen Gesicht erzählte ihr alles über mich, auch – daß mein Spannrahmen ein Hasenstalltürl war. Das war mir gar nicht recht, was ging das dieses Weib an! Beide lachten sehr darüber, aber ich schämte mich und bekam einen roten Kopf.

Auch das Weib lobte mich beim Betrachten des Bildes über alles. »Aber vom Lob kann ich mir keine Ski kaufen«, dachte ich und packte das Bild wieder in die Tüte. Sie wünschten mir für mein weiteres Leben alles Gute und komplimentierten mich höflich zur Tür hinaus.

Als ich aus diesem warmen Raum trat, fand ich es draußen sehr kalt. Auch diese Hoffnung war also zerronnen. Im Schwäbischen würde man sagen, es ging aus wie's Hornberger Schießen. Ich war froh, daß ich niemand etwas über dieses Bild gesagt hatte. So landete es wieder in unserem Taubenschlag. Hätte man unser Haus nicht vorher abgerissen, würde es sicher noch heute da liegen.

Genau in dieser Zeit, in der ich so erfolglos versuchte, ein paar Kronen aufzutreiben, um mir diese »Mußl-Ski« zu kaufen, hatte ich ein Erlebnis, von dem jeder gute Christ gesagt hätte: »Da wollte dir der Teufel eine Falle stellen.«

Jeder wird sich noch erinnern, wie primitiv die sanitären Einrichtungen in den Häusern unseres Dorfes manchmal waren. Fast bei allen älteren Anwesen war es so, daß man eine Wanderung um das halbe Haus machen mußte, wenn man da hinwollte, wo bekanntlich auch der Kaiser zu Fuß hingeht. Das konnte besonders im Winter recht unangenehm sein. Mir ist es als Bub oft passiert, daß ich in der Nacht bei knietiefem Neuschnee und nur mit »Gattahuasan« bekleidet diese Reise antrat, wenn ich nötig »mußte«.

Aber wenn man dann nach so einem nächtlichen Ausflug ins warme Lager zurückkam, fühlte man sich unter den schweren Federbetten, wie sie bei uns üblich waren, schnell wieder wohlig und geborgen in Abrahams Schoß. Für uns Buben waren diese abgelegenen Klos oft sehr praktisch. In jeder Dorfgegend wußten wir so ein Häusl, in dem wir uns schnell Erleichterung verschafften, wenn wir beim »Räuber und Schandarm Versteckerles« oder sonst einem Spiel dringend »mußten« und weit nach Hause ins eigene Revier hatten.

Diese Örtchen waren nie zugesperrt. In einfacher Riegel war meistens alles, womit die Tür zugehalten wurde.

Ich hatte durchs ganze Dorf hinunter meine Stammhäuser. Wenn wir am »Gloanat« (Anm.: zwischen Nr. 12 und Nr. 97) spielten, lag der Brandner-Abort (Nr. 30) am günstigsten, nämlich hinterm Haus. Waren wir in der Nähe vom Steiger-Häusl (Anm.: diente zum Trocknen der Feuerwehrschläuche), wurde mein Drang am schnellsten im Schindlers Klo (Nr. 53, gleich hinterm Steigerhaus) oder beim Weber (Nr. 5, wo es zum Kutscherberg hinaufging) gestillt.

Wenn es mich beim Spielen in die Gegend unserer alten Volksschule verschlug, dann waren die besten Plätze das Kutscherbauern Klo (Nr. 3) oder drüben, beim Sommer Edi (Nr. 36), da war das Häusl neben dem Schuppen leicht zu erreichen.

So könnte ich noch viele Örtchen aufzählen. Ob am »Vogelsang«, am »Wödich'n Ochs'n« oder in sonst einer Ecke des Ortes, überall wußte ich wohin, wenn ich in Nöten war.

Keine Angst, das alles ist nur die Einleitung zu dem, was ich eigentlich erzählen will.

An so einem Tag, an dem mir die »Mußl Ski« im Kopf herumgingen, wurde ich beim Versteck-Spiel von argen Nöten befallen.

»Saura Schwåmma« hatte ich gegessen und Buttermilch dazu getrunken, das schien sich nicht zu vertragen. »Was man nicht in der Hand hat, kann man nicht halten«, heißt es. Ich wollte aber auch nicht in der Hose haben, was nicht dort hingehörte. So suchte ich schnellen Fußes eines dieser vorher beschriebenen Örtchen auf, um das Schlimmste zu verhüten. Ein kleines Fensterl oder ein aussägtes Herzel waren meistens die einzige Lichtquelle in so einer Räumlichkeit. Wenn man aus der hellen Sonne hineinkam, war man im ersten Moment wie blind.

Ich plazierte mich also in höchster Not auf dem »Brett mit Loch«, was auch für einen Blinden kein großes Kunststück war, und spürte, außer der Entspannung, mit meiner Hand, daß etwas auf dem Sitzbrett lag – etwas Ledernes. Es war eine Brieftasche und ein Schlüsselbund in einem Futteral.

Meine Hosentasche war nicht so groß, deshalb schob ich die Brieftasche in mein halbaufgeknöpftes Hemd, wo sie vom Hosenbund festgehalten wurde. Nun ging ich, ohne daß mich jemand sah, aus dem Abort. Dann suchte ich mir einen Platz, an dem ich in Ruhe, ohne gesehen zu werden, meinen Fund inspizieren konnte. Bis zu den Fuchslöchern ging ich hinauf.

Als ich die Brieftasche öffnete, begann mein Herz heftig zu rasen, denn so viele Geldscheine hatte ich noch nie in der Hand gehabt. Ich war so erregt, daß ich sie nicht einmal zählen konnte. Jedenfalls waren es für meine damaligen Begriffe sehr viele Scheine.

Außer dem Geld waren auch noch verschiedene Papiere in der Brieftasche, aus denen hervorging, wer der Besitzer war. Man wird mich sicher verstehen, wenn ich den Namen nicht nenne, zumal der Betreffende noch unter den Lebenden weilt.

Nun ging ich wieder ins Dorf zurück, die prallgefüllte Brieftasche ins Hemd geschoben. Sie brannte auf meiner nackten Haut wie glühende Kohlen. Das war es, was ich meinte, als ich anfangs von einer Falle des Teufels sprach; nämlich die Versuchung, das Geld für mich zu behalten. Kein Mensch wäre auf mich gekommen. Heute bin ich froh, daß ich damals trotz meiner Jugend und trotz meiner Geldnot die Kraft hatte, dieser Verlockung zu widerstehen.

Da stand ich also vor dem Eingang des Hauses. Die Hausfrau machte mir die Tür auf. »Woos wüllst-n?«, fragte sie. »Iis da Toni dåu«, sagte ich. (Der Name »Toni« ist eine reine Erfindung von mir. Eine Ähnlichkeit wäre zufällig.) »Da Frie(d)'l Bou wüll woos va dir!«, rief sie in die Stube. Dabei wollte ich ja gar nichts, sondern ich brachte was. Es dauerte seine Zeit, bis er vor mir stand. Ich reichte ihm die Brieftasche mit dem Schlüsselbund und sagte: »Dees hoowe g'funna.«

Er öffnete und schloß seinen Mund wie ein Fisch auf dem Trockenen, bevor er sagte: »Åch, daou hoowe scho(n) danåu g'soucht«, dabei griff er nach der Brieftasche, die ich ihm hinhielt. Er öffnete sie und zählte das Geld nach. Ich wußte nicht wieviel es sein mußte, aber er sagte: »Stimmt!, 's iis ållas dåu.« Dann deutete er mit dem Kopf ein Nicken an, was eine Art Dankesbezeugung sein sollte, drehte sich um und machte die Tür hinter sich zu. Da stand ich nun und wußte nicht, wie mir war. Jeder, der diese Zeilen liest, kann sich selber seine Gedanken darüber machen.

Wenn ich zurückdenke, dann darf ich eine Erinnerung nicht unerwähnt lassen; die Erinnerung nämlich an die Tage, an denen unser Dorf zugeschüttet wurde.

Ruine des Stark Hauses Nr 70 (von Karl Redelbach)
Ruine des Stark Hauses Nr. 70 ("Konnas"), mit Neubauernwallerl im Hintergrund (Tempera Bild von Karl Redelbach).
Reste des Lang Hauses Nr 23 (von Karl Redelbach)
Reste des Lang Hauses Nr. 23 im Vordergrund, Girg'ns Popel und Mehlfranks Fichten im Hintergrund (Aquarell von Karl Redelbach).

Kuina wird's vagess'n kinna,
wöi da Bågga kumma iis.
Va Stelzagräi(n) her iis-a kroch'n.
Brummt u g'stunk'n håut-a wöi a wüld's Vöich.
Jedan Toch iis-a a Stückerl gnäichta af una Dörfl zoukroch'n,
u o(a)n Stückerl nåu(ch)n ån(d)an håut-a vo unara Huimat g'fress'n.
Er håut neat g'nouch k'röigt,
z'erscht döi schäin såftich'n Wies'n ümandüm,
åf unara vül'n Teich'n u d' Baima,
u z'letzt iis 's Dörf'l droa kumma.
Owa, ich wüll löiwa nimma in dera Wund'n ümkråttz'n.
Mia kinna doch neks mäiha droa(n) ändern.

Es gibt ein französisches Sprichwort, das sagt:
»Ou Dieu vous a semé, il faut savoir fleurir.«

In der deutschen Übersetzung heißt das:
»Wo Gott einen gesät hat, da muß man wachsen.«

Das trifft bei uns aber nicht zu; wir dürfen nicht dort wachsen, wo wir gesät wurden. Wir wuchsen in der Fremde. Zum Glück wurde für die meisten von uns die Fremde zu einer neuen Heimat. Und unsere Kinder? Bei ihnen regt sich bei dem Wort »Pechgrün« kaum noch eine Faser des Herzens. Ich finde, das ist gut so.

Viel Zeit ist vergangen, seit es Pechgrün gab. Über dem Hügel, unter dem unser Dorf begraben liegt, biegen sich wieder Gräser im Sommerwind, Bienen und Schmetterlinge fliegen darüber, Bussarde und Falken ziehen im unendlichen Blau ihre Kreise und die Sonne geht ihren großen Bogen von Osten nach Westen, versinkt und kehrt wieder, heute wie jeden Tag.